Pop-Art statt Eye-Candy

Photoleap beweist, dass trotz des riesigen Angebots das Potenzial kreativer Bild­bearbei­tung nicht ausgereizt ist. Das Geheim­nis dieser App ist, dass sie komplexe Bear­beitungs­methoden auf nieder­schwellige Art bereit­stellt.

Gibt es noch neue, interessante Foto-Apps? In keiner Kategorie des App-Stores ist die Auswahl grösser, doch trotzdem machen sich langsam Ermüdungserscheinungen breit – es scheint, dass wir alles schon gesehen haben und die Eingangsfrage klar zu verneinen ist.

Bei genauem Hinschauen fällt noch etwas anderes auf: Trotz der riesigen Auswahl sind es alles in allem nur sieben Ideen bzw. Grundsatz-Konzepte, die in unzähligen Varianten umgesetzt werden. Nämlich die folgenden:

  • Erstens eine App, die mehr oder weniger originelle Filter zur Anwendung bringt. Klassisches Beispiel: Instagram oder Snapseed.
  • Zweitens die App, die klassische Bildbearbeitung Smartphone- bzw. Tablet-tauglich macht. Mein Lieblingsvertreter aus dieser Kategorie: Polarr.
  • Drittens die Spezialitäten-App, die etwa Porträts aufmotzt (Facetune), sich für Gruppenbilder zuständig erklärt (GroupShot) bei der Architektur-Fotografie hilft (SKRWT fürs iPhone und für Android, ca. zwei Franken). Varianten davon sind Apps, die die Zusatzinformationen des Smartphones auswerten, namentlich den Tiefensensor, siehe Focos und Slør bzw. Depth Background Eraser.
  • Viertens die Apps, die irgendwelchen KI-Voodoo betreiben und Bilder tiefgreifend bis surreal umgestalten. Beispiele dafür sind Photoshop Camera oder Voilà, die Hype-App von diesem Jahr.
  • Fünftens Apps, die statische Bilder mit Animationen versehen, zum Beispiel Cinemagraph, Pixaloop, Mug Life und Fly Camera.
  • Sechstens natürlich die Kamera Apps, die bereits beim Fotografieren interessante Möglichkeiten eröffnen und die Kreativität anheizen – oder uns auf die fotografischen Tugenden zurückführen möchten. Exemplarisch dafür steht Manual.
  • Siebtens gibt es Kamera-Apps, die mithilfe von Augmented Reality Dinge ins Bild einfügen, die es bei der Aufnahme nicht gab. Man kann streiten, ob das eine eigene Kategorie darstellt oder ob man die nicht bei der dritten Kategorie einsortieren könnte – aber weil ich Leo AR Camera originell finde, habe ich mich für die separate Auflistung entschieden.

Natürlich gibt es auch viele Apps, die mehrere Bereiche abdecken – die Kombination aus Bildbearbeitung und Effekten ist bei sehr vielen der etwas anspruchsvolleren Kreativ-Apps anzutreffen. Es gibt auch Apps, die sich nicht so genau einordnen lassen, weil vielleicht selbst den Machern nicht klar war, was sie wollen.

Das Rad lässt sich nicht so leicht neu erfinden – aber zumindest frisch bereifen

Und noch etwas ist klar: Es gibt nur beschränkt Möglichkeiten, das Rad neu zu erfinden, selbst wenn die Möglichkeiten des Smartphones unendlich scheinen – zumindest, solange es nicht möglich, den Algorithmen echte Kreativität einzubläuen.

Die QuickArt-Rezepte lassen sich einfach für eigene Projekte adaptieren.

So, nachdem die Theorie geklärt ist, kann ich mich dem eigentlichen Thema dieses Blogposts zuwenden. Das ist die App Photoleap, die in der ersten Kategorie zu verorten ist und Anflüge der zweiten aufweist. Mit anderen Worten: Sie stellt lustige Effekte zur Verfügung und hat gewisse Funktionen, die man von klassischen Bildbearbeitungsprogrammen her kennt.

Und genau die geschickte Kombination macht den Reiz dieser App aus: Sie beweist, dass in solchen «Crossover»-Ansätzen kreatives Potenzial steckt und deswegen auch im so populären Genre der Foto-Apps noch Überraschungen möglich sind – wenn man es nur geschickt anstellt. Und das tut diese App: Sie stellt ziemlich komplexe Bildbearbeitungsmethoden auf niederschwellige Art und Weise bereit. Das Stichwort dazu ist QuickArt – mehr dazu am Ende des Beitrags.

Das Premium-Abo ist teuer  – aber gerechtfertigt für häufige Nutzer

Jetzt erst einmal zu den Details: Photoleap ist kostenlos fürs iPhone und iPad erhältlich. Die App versucht einem bereits beim ersten Start ein Abo anzudrehen. Man darf dieses Angebot grosszügig ausschlagen, indem man den entsprechenden Dialog über das unscheinbare x-Symbol beseitigt. Wenn man die App denn würde abonnieren wollen, würde das entweder 37 Franken pro Jahr, neun Franken pro Monat oder aber einmalig 75 Franken kosten. Das ist nicht zu teuer, wenn man an Photoleap Gefallen findet. Aber für die sporadische Nutzung reichen die kostenlosen Funktionen allemal.

Der Reiz dieser App sind die Ebenen – mit ihnen entsteht die Kunst.

Also, zuerst zu den Bildebenen, weil das diese App besonders macht – obwohl wenn es die natürlich auch in anderen Foto-Apps gibt. Um Photoloeap auszureizen, platziert man mehrere Bilder übereinander.

Nebst eigenen Fotos lassen sich über das Plus-Symbol rechts oben auch leere Ebenen, Text, Füllebenen, geometrische Elemente und Sticker anlegen. Wie man das erwartet, bleiben diese Ebenen frei bearbeitbar und können jederzeit entfernt, verschoben oder skaliert werden.

Und natürlich gibt es die Mischmodi, die jeder Photoshop-Anwender kennt. Sie finden sich unter der Bezeichnung Blenden in der Leiste am unteren Rand, in der die App die diversen Bearbeitungsmodule bereithält: Normal, Überlagern, Multiplizieren, Negativ multiplizieren, Aufhellen, Weich, Hart, Abdunkeln, Nachbelichten, Heller und Dunkler.

Die Ebenen sind das A und O von erfinderischen Bildkompositionen

Sie führen dazu, dass die Ebenen auf unterschiedliche Weise kombiniert werden. Das eröffnet riesige Möglichkeiten für Bildkompositionen – gleichgültig, ob man sie für fotorealistische Retuschen, mit künstlerischem Anspruch oder für eine surreale Nutzung nutzen will.

Nebst den Mischmodi gibt es auch die Möglichkeit, Ebenen freizustellen. Dazu dient das Pinsel-Symbol rechts oberhalb der Module-Leiste am unteren Rand. Die Option Auto versucht eine vollautomatische Entfernung der «unwichtigen» Bereiche der ausgewählten Ebene. Mit Radieren entfernt man mittels Finger unerwünschte Pixel, wobei man mit Verwerfen die wegradierten Bereiche wiederherstellt. Mit Umkehren dreht man die Freistellung um und mit Ausschnitt platziert man geometrische Elemente wie Kreis, Rechteck, Dreieck oder Vielecke als Maske in der Ebene.

Damit sind wir auch beim Fazit zu Photoloeap: Wer gerne mit Ebenen arbeitet und mit den Mischmodi, freigestellten Ebenen und übereinander gestapelten Fotoelementen etwas anfangen kann, für den ist Photoloeap genau das richtige Kreativ-Werkzeug. Mit ihm lasen sich Ideen realisieren, die weit über den mit einem Filter aufgemotzten Schnappschuss hinausgehen. Trotzdem trägt Photoleap dem Umstand Rechnung, dass diese Filter eine simple Methode sind, Fotos auf Wirkung zu trimmen – sie sind nämlich das zweite wesentliche Gestaltungselement in dieser App.

Effekte, die sich erfrischend von Instagram abheben

Die Filter, die einen künstlerisch mehr fordern als bei Instagram.

Diese Filter finden sich in der Moduleleiste am unteren Rand. Es gibt vorgefertige Bildlooks, die sich durch knallige, kontrastreiche Farbgebung auszeichnen. Sie heben sich angenehm von Instagram ab, weil sie plakativer sind und einen dazu animieren, Bilder nicht einfach nur aufzupeppen, sondern in künstlerischer Absicht zu verfremden: also eher Pop-Art denn simples Eye-Candy.

Die Filter tragen keine Namen, sondern alphanumerische Bezeichnungen wie BC9 oder MG1, wobei deren Bedeutung nicht aufgegangen ist. Man kann die Stärke eines Filters einstellen und durch nochmaliges Antippen auch die Körnung, Bleichen und Intensität einstellen, wobei die letzten beiden Methoden ebenfalls dazu da sind, den Filter in seiner Kraft zu reduzieren.

Darüber hinaus stellt die App die Module Anpassen, Pinsel, Verformen und Effekte zur Verfügung. Fürs eben erwähnte Pro-Abo erhält man zusätzlich die Module Umformen, Selektiv, Reparatur und Unschärfe.

Diese Module tun das, was man erwartet und korrespondieren mit den Funktionen, die man aus Bildbearbeitungen kennt: Man passt mit ihnen Schärfe, Belichtung, Helligkeit, Kontrast, Klarheit, Weissabgleich und Gradationskurve an (bei Anpassen). Man malt aufs Bild (Pinsel), dreht, verzerrt oder verformt eine Ebene (bei Verformen), und so weiter.

Die Effekte – wer sie mag

Zwei Dinge sind abschliessend noch bemerkenswert:

Die Effekte von Photoleap sind etwas für expressionistische Gemüter.

Erstens das Modul Effekte, das eine Reihe von Verfremdungen und inhaltliche Modifikationen anbietet: Bei Störungen simuliert man Bildfehler, unter Urban gibt es bunte und teils recht expressionistische Hintergründe und Farbeffekte. Bei Zeichnung werden Kritzeleien simuliert. Light FX hält Beleuchtungseffekte wie Lichtlecks, Nordlichter, Blendenflecke und Ähnliches bereit. Mittels Duo kombiniert man mehrere Filter und via Vignette schattet man die Randbereiche ab oder macht sie heller.

Mit QuickArt Kunst auf die Schnelle erzeugen – oder sich inspirieren lassen.

Zweitens die eingangs erwähnten QuickArt-Kreationen: Sie stehen auf der Startseite bereit: Es sind Vorlagen für aufwendige Bildbearbeitungsmethoden, die man auswählen und anpassen bzw. mit eigenen Inhalten füllen kann. Die Auswahl ist eindrücklich und weckt sofort die Lust zu kreativen Experimenten.

Einige Bespiele: Dispersion – ein Hauptmotiv, das sich in Teilen aufzulösen beginnt, Doppelbelichtungen, surreale Himmel, Duplexfarben, Color Pop – monochrome Bilder, bei denen eine einzelne Farbe erhalten bleibt und heraussticht, Glitch-Porträt, Kaleidoskop. Und viele mehr.

Beitragsbild: Zugegeben, das ist trotz des Titels eher Mund-Candy als Eye-Candy (Alexandr Podvalny, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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