Youtube war von der schnellen Truppe, Facebook ein Spätzünder

Wie lange dauert es, bis die Schweizer Medien von einem digitalen Phänomen Wind bekommen? Und gelingt es ihnen, dessen Bedeu­tung richtig ein­zu­ord­nen? Zwei gegen­sätz­liche Beispiele.

Als Journalist erlebt man viele erste Male. Es gehört zu unseren Aufgaben, über Newcomer zu berichten und sie dem Publikum vorzustellen. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich nun um Personen, Phänomene, Trends oder Unternehmen handelt – wobei ich es in meinem Feld der Technik naturgemäss vor allem mit Erfindungen, Produkten und neuen Dienstleistungen zu tun bekomme.

Beim ersten Mal ist das Timing entscheidend: Es ist wichtig, die Sache nicht zu überstürzen. Es bringt nichts, einem Newcomer eine halbe Seite in der Zeitung einzuräumen, nur um festzustellen, dass es ihn drei Wochen später schon nicht mehr gibt. Für die Berichterstattung in einem grossen Medium braucht es ausreichend Relevanz und ein Verantwortungsbewusstsein. Aber klar: „Youtube war von der schnellen Truppe, Facebook ein Spätzünder“ weiterlesen

Die eigentliche Geburtsstunde des smarten Telefons

Vor 14 Jahren hat Apple den App Store fürs iPhone eröffnet. Meine Reak­tion damals war unterkühlt – trotzdem ist bemer­kens­wert, was daraus gewor­den ist und welche Apps aus den Anfängen bis heute überlebt haben.

Am 29. September 2008 habe ich für den «Tagesanzeiger» einen Artikel geschrieben, der in mehrerer Hinsicht bemerkenswert ist:

Die kleinen Helfer, die das iPhone nützlicher machen

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Umstand, dass Apple die Version 2.0 des Betriebssystems fürs iPhone veröffentlicht hat. Das hiess damals noch nicht iOS, sondern iPhone OS.

iPhone OS 2.0 brachte eine so weitreichende Neuerung, wie wir sie bislang nicht mehr erlebt haben: „Die eigentliche Geburtsstunde des smarten Telefons“ weiterlesen

Aus den aufregenden Anfängen der Digitalfotografie

Auch wenn man es sich als Smartphone-Besitzerin kaum mehr vor­stellen kann: Die ersten Digital­ka­meras boten keine Mega-, sondern bloss Kilo­pixel-Auf­lösung, hatten Kapa­zität für wenige Dutzend Fotos und kos­teten ein kleines Vermö­gen.

Der technische Wandel findet in einem Tempo statt, dass selbst Nerds und Tech-Freaks sich mitunter überfordert fühlen. Mir geht es jedenfalls so: Mit manchen Neuerungen tue ich mich schwer. Zum Beispiel im Bereich der Fotografie, wo ich Systemkameras erst abgelehnt habe, um mich später langsam mit ihnen anzufreunden und doch wieder mit ihnen zu hadern.

Ich verzeihe mir das – und allen, denen es ähnlich geht. Die Fotografie ist ein hervorragendes Feld, um darzulegen, wie viel den Profis und den Amateuren in den letzten 25 Jahren abverlangt worden ist. Das zeigt sich deutlich anhand der Gerätetests aus der Anfangszeit der Digitalisierung.

1997 ging es mit der Digitalfotografie so richtig los. Ich habe diverse Modelle getestet. Am 1. Mai die Fujifilm DS-7: „Aus den aufregenden Anfängen der Digitalfotografie“ weiterlesen

Wie ein Politiker seinen gefeierten Blogging-Bettel hingeworfen hat

Moritz Leuenberger war einmal Blogger, und er eines schönen Tages hat er sich unter seines­glei­chen gemischt. Heute komme ich nicht umhin zu bemerken, dass diese Kar­riere weniger lang gedauerte als seine Amts­zeit im Bundes­rat.

In meiner kleinen Sommerserie habe ich bisher die grossen Themen ausgelotet: Wie sich unsere Wahrnehmung und das Verständnis des Internets gewandelt hat und unsere Wokeness erwachte – solche Dinge.

Heute schlägt die Amplitude der Erkenntnis nicht ganz so weit aus. Ich greife auf ein Fundstück aus meinem Archiv zurück, das Seltenheitswert hat. Es dreht sich nämlich um einen Bundesrat. Nicht nur das: sogar um einen Magistraten, der ein Blog betrieben hat.

Dazu gleich mehr. An dieser Stelle aber erst der Hinweis auf einen Exkurs: „Wie ein Politiker seinen gefeierten Blogging-Bettel hingeworfen hat“ weiterlesen

Damals, als wir uns noch Liebes-E-Mails geschrieben haben

Das Inter­net hat die Part­ner­suche nicht einmal, son­dern mehr­fach verän­dert. In der Anfangs­phase, bevor es Messenger und Video­chat gab, hat es sogar für eine Renais­sance des Liebes­briefs geführt.

In meiner kleinen Sommerserie denke ich daran zurück, wie es war, als wir das Internet kennengelernt haben (und das Internet uns) – und wie wir nur langsam erahnt haben, dass es in sämtliche Lebensbereiche vordringen und viele Gewissheiten umstossen würde.

Apropos Kennenlernen: Auch das hat sich mit dem Internet verändert. Früher hat man sich bei der Arbeit oder im Restaurant getroffen. Oder man wurde von Bekannten oder Verwandten verkuppelt. Heute selektiert man die passenden Kandidaten mittels Tinder oder man vertraut sich den Algorithmen einer Dating-Plattform an.

Denn bekanntlich basiert deren Geschäftsmodell auf einer fragwürdigen Versprechung: „Damals, als wir uns noch Liebes-E-Mails geschrieben haben“ weiterlesen

Ich war in meinen jungen Jahren ein alter Sexist

In meinem Archiv habe ich einen Text entdeckt, der heute ein Garant für einen Shit­storm wäre. Was beweist, dass die gesell­schaft­liche Entwicklung manchmal noch schneller verläuft als die techno­logische.

Bis jetzt habe ich mich in der Sommerserie als Journalist mit prophetischen Fähigkeiten dargestellt: Ich habe vorausgesagt, wie das Problem mit Napster und der MP3-Piraterie zu bekämpfen wäre und sogar die Influencer habe ich am Horizont auftauchen sehen, als es längst noch kein Insta gab.

Doch heute geht es um eine Leistung, bei der sich mein Stolz in Grenzen hält. Oder, um es etwas weniger verblümt zu sagen: für die ich mich in Grund und Boden schämen sollte. Am 13. September 1999 ist der fragliche Artikel erschienen: „Ich war in meinen jungen Jahren ein alter Sexist“ weiterlesen

Wer hat den Influencer erfunden? Ich wars!

Sommerserie, Teil 2: Beim Blät­tern im Archiv bin ich auf einen Text gestos­sen, über man nur schmun­zeln kann – weil er von einer aus heuti­ger Sicht rühren­den Naivi­tät zeugt.

Manche von den Dingen, die ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe, erschliessen sich mir heute nicht mehr so ganz. Zum Glück ist es selten so, dass ich meiner Argumentation nicht folgen könnte oder zum Schluss komme, dass ich etwas Wesentliches übersehen oder nicht verstanden hatte. Aber es kommt vor, dass ich die Relevanz infrage stelle. Wieso habe ich mich des Themas angenommen? Gab es nichts Wichtigeres?

Diese Frage erinnert mich daran, was es damals alles nicht gegeben hat:  „Wer hat den Influencer erfunden? Ich wars!“ weiterlesen

«Diese Schmarotzer, die Musik aus dem Internet stehlen»

In meiner Sommer­serie grabe ich im Archiv und stelle mir Noten aus. Hatte ich recht mit den Dingen, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren behaup­tet habe? Heute: Musik­tausch­börsen und Napster.

Beitragsbild: Viel zu früh (?) von uns gegangen (Yep, Napster technically died in 2011 von James Allenspach/Flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0).

Hier im Blog habe ich darüber berichtet, wie aus der Access-Datenbank mit meinen Artikeln eine schöne Archiv-Website geworden ist. Das gibt mir Gelegenheit, meinem zwanzig Jahre jüngeren Ich auf die Finger zu schauen: Was habe ich damals so geschrieben und für Behauptungen in die Welt gesetzt? Und wie bewertet sich das aus heutiger Sicht?

Nun, ich will nicht zu streng mit mir ins Gericht gehen. Oder vielleicht doch? „«Diese Schmarotzer, die Musik aus dem Internet stehlen»“ weiterlesen

Eine Schweigeminute für schwarz gepresste Musik

Die Digitali­sie­rung hat ein Ding dahin­ge­rafft, das für die Musiker immer Ärgernis und Inspi­rations­quel­le zugleich war: das Boot­leg – un­autori­sierte Ver­öf­fent­lichun­gen ihrer Platten und Kon­zerte.

Beitragsbild: Der Urheberechtshinweis entbehrt nicht einer gewissen Ironie (Bootleg LP Rolling Stones 1969 von RoBes81/Wikimedia, CC BY-SA 4.0).

Im Tagesgespräch von SRF hat Igor Petrov, der Leiter der russischsprachigen Redaktion bei Swissinfo.ch, davon erzählt, wie er in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion Platten von den Beatles und Abba gekauft hat. Das war damals eine Möglichkeit zu hören, was jenseits des eisernen Vorhangs vor sich ging.

Das hat bei mir alte Erinnerungen wachgerufen. Nein, ich bin nicht in Moskau aufgewachsen. Aber Petrov hat ein Wort erwähnt, das ich schon lange nicht mehr gehört habe. Das Wort ist – genauso wie viele der anderen Erinnerungen, die es in diesem Gespräch zu hören gibt, ein Überbleibsel aus einer anderen Ära: „Eine Schweigeminute für schwarz gepresste Musik“ weiterlesen

Apple, das spassbefreite Unternehmen

OldOS ist eine App, die detailgetreu iOS 4 simuliert, das bald zwölf­jährige iPhone-Betriebs­system. Die zum Laufen zu bringen, ist knifflig – genau­so wie andere Nos­tal­gie­pro­jek­te, z.B. zur Wieder­bele­bung des iPods.

Ich verstehe Apple nicht. Da gibt es diesen Typen, Zane bzw. @zzanehip auf Twitter, der etwas gemacht hat, das ich gleichzeitig toll und fragwürdig finde. Er hat nämlich iOS 4 als iPhone-App nachgebaut.

Die App OldOS simuliert das Betriebssystem, das im Juni 2010 herausgekommen ist und auf dem iPhone 3G lief, später dann auch auf dem 3GS. Doch natürlich ist diese App nicht im Store zu finden. Wenn man sie verwenden möchte, muss man entweder so viel Glück haben, via Testflight an eine Test-Installation heranzukommen – die Kontingente sind aber, so weit ich sehen kann, restlos aufgebraucht. Es lohnt sich aber, Zane auf Twitter zu folgen, weil er ab und zu neue Links postet, auch von Leuten, die OldOS über einen eigenen Testflight-Account zur Verfügung stellen.

Zweite Möglichkeit: „Apple, das spassbefreite Unternehmen“ weiterlesen