Youtube war von der schnellen Truppe, Facebook ein Spätzünder

Wie lange dauert es, bis die Schweizer Medien von einem digitalen Phänomen Wind bekommen? Und gelingt es ihnen, dessen Bedeu­tung richtig ein­zu­ord­nen? Zwei gegen­sätz­liche Beispiele.

Als Journalist erlebt man viele erste Male. Es gehört zu unseren Aufgaben, über Newcomer zu berichten und sie dem Publikum vorzustellen. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich nun um Personen, Phänomene, Trends oder Unternehmen handelt – wobei ich es in meinem Feld der Technik naturgemäss vor allem mit Erfindungen, Produkten und neuen Dienstleistungen zu tun bekomme.

Beim ersten Mal ist das Timing entscheidend: Es ist wichtig, die Sache nicht zu überstürzen. Es bringt nichts, einem Newcomer eine halbe Seite in der Zeitung einzuräumen, nur um festzustellen, dass es ihn drei Wochen später schon nicht mehr gibt. Für die Berichterstattung in einem grossen Medium braucht es ausreichend Relevanz und ein Verantwortungsbewusstsein. Aber klar: wir sollten auch nicht erst dann mit einer Meldung hinter dem Ofen hervorkriechen, wenn alle schon längst Bescheid wissen.

Der Momentums-Moment

Der Clou ist, den Moment zu erwischen, wenn ein Produkt oder ein Unternehmen kurz davor steht, den Massenmarkt zu erreichen. Diese Abschätzung finde ich nach wie vor schwierig – aber heute haben wir immerhin die sozialen Medien als Seismografen.

Eine Erkenntnis ist, dass das Tempo stark variiert, mit dem Unternehmen, Technologien oder Produkte ihren Durchbruch erzielen.

Ein echter Spätzünder war Facebook. Diese Plattform ist im Februar 2004 gegründet worden, doch erst im April 2006 hat mit der NZZ ein Schweizer Medium über sie berichtet; allerdings nur in zwei Nebensätzen in einem langen Text zu Kontaktplattformen.

Ab da war Facebook immer mal wieder in den Medien, aber immer nur im Kontext von Übernahmen und Branchen-Entwicklungen. Erst am 23. Juli 2007 schrieb «Cash», Facebook sei «die heisseste Web-Firma». Ab da ging es los: Vor allem die Wirtschaftsredaktoren berichteten über Facebook, weil im Oktober 2007 Microsoft bei Facebook einsteigen wollte. Beim Kräftemessen der grossen Konzerne, zu denen Facebook damals noch nicht gehörte, aber bei dem es beteiligt war, hat für Aufmerksamkeit gesorgt.

Doch aus Anwendersicht war Facebook auch 2007 fast komplett uninteressant. Ich habe das soziale Netzwerk erst ein Jahr später vorgestellt. Und schon das war verhältnismässig früh. Wie die Folge 86 unseres Tagi-Podcasts «Digitalk», Vernetzt an allen Ecken und Enden, anschaulich aufzeigt, hat Facebook erst anfangs 2009 ernsthaft zu reden gegeben. Und auch damals noch war der Zweck von Facebook weniger klar als von Twitter, Xing oder Linkedin.

Keiner hat hierzulande auf soziale Medien gewartet

Meines Erachtens ist die Interpretation nicht verkehrt, dass mit der Idee der sozialen Medien weder die Schweizer Medien noch die Schweizer Nutzerinnen und Nutzer viel anfangen konnten – die wenigen Myspace-Fans einmal ausgeklammert.

HD war nicht. Youtube im Juli 2006.

Ganz anders die Videos im Web. Diese Idee hat auch hierzulande sofort eingeleuchtet. Dementsprechend ging der Durchbruch bei Youtube viel schneller: Zwischen der ersten Meldung hierzulande und dem grossen «Das dürfen Sie nicht verpassen!»-Vorstellung zogen bloss gut sechs Monate ins Land.

Allerdings: Bis die Schweizer Medien überhaupt Wind bekommen haben, ging es nach der Gründung vom 14. Februar 2005 ein Jahr: Am 18. Januar 2006 hat «24 heures» als erstes Schweizer Medium berichtet; allerdings bloss in einem Kasten, in dem es darum ging, wie man eigene Fotos und Videos ins Netz bringt:

Youtube. com: Das Pendant zu Flickr und Co. für Videos. Ermöglicht es, die auf dem Handy aufgenommenen Sequenzen hochzuladen und in einem Blog zu veröffentlichen.

«Youtube, dieses Flickr für Videos»

Was der Sache nicht unbedingt gerecht wird. Am 23. Februar 2006 hat sich die «Basler Zeitung» der Sache angenommen. Unter dem Schlagwort «Web 2.0» wurden diverse Plattformen vorgestellt, die man heute unter dem Schlagwort User-generated content subsumieren würde:

Was Flickr für Fotos ist, bietet «YouTube» für die bewegten Bilder: eine Video-Community. Auch hier zeigt sich eine enge Vernetzung der Benutzerinnen und Benutzer dieses Dienstes. Wer sein Video «YouTube» anvertraut, muss nicht lange warten, bis die ersten Kommentare und Bewertungen eintreffen.

Die erste ernsthafte Auseinandersetzung erfolgte am 1. Juni 2006 in der «Weltwoche»:

Das meiste ist Mist, der Rest grossartig: Youtube.com zeigt der etablierten Unterhaltungsbranche, wie man ein Millionenpublikum gewinnt: mit Gratisfilmen.

Im Sommer 2006 war Youtube in den grossen Medien angekommen und am 10. Juli 2006 habe ich die Gelegenheit genutzt, der Videoplattform einen «Tipp der Woche» zu widmen:

Millionen von Filmschnipseln abrufbereit

Die Erkenntnis, die auch retrospektiv den Nagel auf den Kopf getroffen hat, lautete damals: «Youtube als globaler Kinosaal für die Amateurfilmer hat ein enormes Potenzial. Die postulierte ‹neue Clip-Kultur› lässt sich bis jetzt nur mit viel Wohlwollen erkennen. Als Alternative zur Ödnis auf dem TV-Schirm taugt Youtube.com aber schon jetzt, denn so gut wie viele Pannen-, Werbespot- oder ‹Lustige Heimvideos›-Shows im Privatfernsehen ist die Video-Community allemal.»

Beitrag: Die Schweizer standen Social-Media-mässig lange auf der Bremse (Chuttersnap, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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