Die eigentliche Geburtsstunde des smarten Telefons

Vor 14 Jahren hat Apple den App Store fürs iPhone eröffnet. Meine Reak­tion damals war unterkühlt – trotzdem ist bemer­kens­wert, was daraus gewor­den ist und welche Apps aus den Anfängen bis heute überlebt haben.

Am 29. September 2008 habe ich für den «Tagesanzeiger» einen Artikel geschrieben, der in mehrerer Hinsicht bemerkenswert ist:

Die kleinen Helfer, die das iPhone nützlicher machen

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Umstand, dass Apple die Version 2.0 des Betriebssystems fürs iPhone veröffentlicht hat. Das hiess damals noch nicht iOS, sondern iPhone OS.

iPhone OS 2.0 brachte eine so weitreichende Neuerung, wie wir sie bislang nicht mehr erlebt haben: Das Update ebnete den Apps von Drittherstellern den Weg auf Apples Mobiltelefon; der «App Store» war geboren. Den haben wir damals noch in Anführungszeichen gesetzt. Und offenbar hat ihn Apple, woran ich mich nicht mehr erinnert habe, auf dem Homescreen «Mobile Apps» genannt.

Vom Telefon zum universellen Werkzeug

Dieser App Store mit der Software von Drittherstellern war ausschlaggebend für den Erfolg des iPhones. Und ich würde so weit gehen, diesen Moment als eigentliche Geburt des Smartphones zu bezeichnen. Denn vorher war das iPhone zwar ein Telefon mit dieser revolutionären Multitouch-Steuerung und dem tollen Browser. Doch es hatte wie ein klassisches Mobiltelefon einen beschränkten Funktionsumfang.

Die Telefonbuch-App.

Mit iPhone OS 2.0 änderte sich das mit einem Schlag: Nun konnte man den Funktionsumfang beliebig erweitert: Jetzt war das Mobilgerät ein universelles Werkzeug, das alles konnte, was man wollte – oder zumindest fast.

Liest man den Text von damals, könnte man zum Schluss kommen, dass ich diese, Pardon für das Wort, Zeitenwende nicht ausreichend gewürdigt habe. Im Gegenteil: Ich kündige die Revolution mit einem schnodderigen ersten Absatz an, der das iPhone als «das angesagteste Hightech-Spielzeug dieses Sommers» abkanzelt: «Wer eins hat, verwendet es demonstrativ und bei jeder Gelegenheit, und wer keins will, macht aus seiner Aversion keinen Hehl.»

Besser Understatement als Euphorie

Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich damals tiefgestapelt habe. Ich halte es für richtig, wenn wir Journalisten uns abwartend zeigen und der Zurückhaltung gegenüber der Euphorie den Vorzug geben. Das war auch damals richtig: Das iPhone hatte seine revolutionäre Kraft noch nicht unter Beweis gestellt und war tatsächlich vor allem ein Statussymbol, mit dem sich die hippen Leute ungeniert in Szene gesetzt haben.

Dass sich das ändern würde, das hielt ich für möglich und sogar wahrscheinlich. Diese Wende vom kultigen Accessoire zum nützlichen digitalen Helfer deute ich im zweiten Abschnitt an. Und mit acht Beispielen zeige ich auf, dass der neue App Store eine breite Palette von Möglichkeiten abdeckt.

Endlich: Ein Zugfahrplan auf dem Handy

Die App SBB Fahrplan.

Interessant sind natürlich auch die Apps, die ich damals empfohlen habe. Es kommt nicht von ungefähr, dass der SBB-Fahrplan am Anfang der Liste steht, auch wenn der damals noch nicht von den SBB selbst bereitgestellt worden ist und noch keine Möglichkeit bot, Billette zu kaufen.

Die Tuner-App hat das iPhone zum Webradio-Empfänger gemacht. Zumindest theoretisch; denn wegen der beschränkten Datenvolumen empfehle ich, die App nur via WLAN zu nutzen – was den Nutzen der App massiv schmälert.

Trotzdem: Es ist bemerkenswert, dass schon beim Start damals absehbar war, welches die wirklich nützlichen Apps sein würden:

  • Reisebegleiter wie der SBB-Fahrplan und Geopedia.
  • Apps, durch die das iPhone andere Geräte ersetzt: Mit Rekorder wird es zum Diktaphon.
  • Praktische Hilfsmittel für den Alltag, namentlich The Converter zum Umrechnen von Masseinheiten und Telefonbuch zum Nachschlagen von Rufnummern.

Zwei Apps haben bis heute überlebt

Die Konverter-App, die auch Währungen umgerechnet hat.

FileMagnet wiederum ist ein Beleg dafür, dass schon damals die Möglichkeit im Raum stand, dass das Mobiltelefon dem Desktop-Computer seinen Rang würde streitig machen. Denn zu einem richtigen Computer gehört eine Dateiverwaltung. Die hat Steve Jobs dem iPhone bewusst vorenthalten, doch schon von Anfang an gab es Lückenbüsser – auch wenn FileMagnet Dokumente nur angezeigt, aber nicht im eigentlichen Sinn verwaltet oder gar zur Bearbeitung angeboten hat.

Abschliessend die spannende Feststellung, dass es zwei Apps gibt, die ich auch heute noch nutze. Das sind GPS Kit und Shazam! (iOS und Android), die beide ohne Zweifel den Test der Zeit bravourös bestanden haben.

Beitragsbild: Das iPhone 3G hat uns mit iPhone OS 2.0 den App Store gebracht – auf diesem Bild ist allerdings schon eine neuere Version des Betriebssystems zu sehen (Jonas Vandermeiren, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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