Die Fotos-App von iPhone, iPad und dem Mac hat zwei neue KI-Zaubertricks gelernt. Sie ergänzen die Bereinigung, die Apple vor gut einem Jahr eingeführte und die unerwünschte Elemente aus einem Bild entfernt.

Und das sind die beiden neuen Funktionen:
1) Erweitern
Der Fachbegriff für diese Bearbeitungsmethode ist Outpainting. Mit Erweitern lässt sich das Foto nach aussen vergrössern. Die künstliche Intelligenz ergänzt ausserhalb des abgebildeten Motivs eine Umgebung.
Fürs private Fotoalbum ist das Erweitern überflüssig, aber das Leben von Gestalterinnen und Gestaltern kann sie deutlich erleichtern. Es kommt häufig vor, dass ein Bild nicht genau die Abmessungen aufweist, die für einen bestimmten Verwendungszweck sinnvoll wären: Es ist oben oder unten zu kurz oder weist zu wenig «Luft» um das Motiv auf.
Wie gut korrigiert Apple Intelligence dieses Manko?
Das ist das Originalbild. Es zeigt das Motiv mit wenig Spielraum für Anpassungen beim Bildausschnitt.

In der Fotos-App von Mac OS 27 – analog ist die Bearbeitung am iPhone oder iPad möglich – betätige ich den Bearbeiten-Knopf, wechsle in der Befehlsleiste zur Rubrik Werkzeuge und dort auf Erweitern. Ich vergrössere den Bereich horizontal so weit wie möglich und mache ihn vertikal schmaler. Das Ziel ist, das Hochformat in ein (moderates) Querformat zu verwandeln.

Das Outpainting gerät auf den ersten Blick überzeugend: Die Maus, im Original nur knapp angeschnitten zu sehen, wurde glaubhaft ergänzt. Dasselbe gilt für die Kabel und das Diskettenlaufwerk.
Da ich eine Aufnahme mit einem grösseren Ausschnitt zur Verfügung habe, bleiben mir die Fehler nicht verborgen:
- Der Atari 800 XL wurde nicht per Maus bedient. Auf meinem zweiten Bild ist der Atari-CX40-Joystick zu sehen.
- Auf dem blauen Kästchen steht kein unlesbares Klingonisch, sondern «Track & Field». Es handelt sich um einen Controller, der links und rechts einen weissen und oben mittig einen roten Knopf aufweist. Der rechte ist im Foto zu sehen.
- Das Gerät oberhalb, bei dem im Originalbild die Zahl 1010 zu lesen ist, identifiziere ich als Atari-1010-Kassettenlaufwerk. Es besitzt an der vorderen oberen Kante wie ein Musikrekorder Knöpfe zur Steuerung der Wiedergabe.
Kurz und knapp: Der Besitzer dieses Computers, sowie alle, die sich mit der Materie auskennen, werden Zeter und Mordio schreien, wenn sie dieses Bild zu Gesicht bekommen. Für Uneingeweihte wirkt es überzeugend.
Zum Vergleich hier, was Gemini aus dem Foto macht:

Auch Googles KI bekommt weder den «Track & Field»-Controller noch das Kassettenlaufwerk richtig hin. Mit dem vermuteten Joystick liegt Gemini richtig, obwohl er schwarz und nicht hellblau ist. Das Drumherum ist reine Fiktion, selbst die Centipede-Schachtel auf der Robotron-2084-Box ist gelogen. Und dem CRT-Monitor rechts scheint eine Art Flachbildschirm aus linken Flanke zu wachsen.
Nebenbei verändert Gemini die Perspektive zu einem flacheren Blickwinkel. Das ist ungefragt ein ähnlicher Effekt wie im zweiten Teil dieses Tests.
2) Neu ausrichten
Neu ausrichten verändert die Perspektive: Wir verlagern den Blickpunkt nach oben oder unten und erzeugen eine steilere oder flachere Perspektive. Auch eine horizontale Verschiebung ist möglich, sodass wir mehr von links oder von rechts aufs Motiv schauen.
Das gleiche Motiv wie oben, aber mit einer flacheren Blickrichtung:

Dieses Bild ist auf den ersten Blick unverfänglich: Es gibt keine sichtbaren Fehler oder erfundene Bilddetails. Der obere Rand des Monitors wirkt verzerrt, aber das könnte an der Smartphone-Linse liegen.
Trotzdem ist auch dieses Foto keine Abbildung der Realität. Denn Apple Intelligence kommte ebensowenig nicht darum herum, einen Bildteil zu ergänzen. Es handelt sich um den obersten Bereich mit der neutralen Fläche. Es wirkt, als ob der Computer vor einer Wand stehen würde.
Ein zweites Foto der gleichen Situation, auf dem meine Tochter Pacman spielt, belegt, dass das nicht der Fall war. Stattdessen gab es eine Reihe mit Computern, die ihrerseits mit dem Rücken zu diesen Geräten platziert waren.
Ist das ein Problem? Für ein Bild mit illustrativem Charakter wohl nicht. Wenn die Aufnahme dokumentarischen Zwecken dient, sind selbst kleine Verfälschungen der Wirklichkeit inakzeptabel. Die mutmasslich am wenigsten problematische Funktion ist der Regler Begradigen: Er ändert die Bildlage. Falls dabei Ecken angeschnitten werden, ergänzt die KI dort das Bild.
Falls bloss ein unscharfer Bereich ohne bedeutungstragende Details eingefügt werden – analog zur Stempelfunktion bei Photoshop – fände ich das verkraftbar.
Fazit: Ja, aber!
Apple begrenzt die KI-Bearbeitungen im Vergleich zu Google stark. Bei einzelnen Bildern wird die Erweiterung verweigert. Die Mitteilung, eine Bearbeitung mit einem Foto angeschnittenen Arm wie ein grosses Stoppschild in Erscheinung. Ob die Extremität zu einem alten oder jungen, weiblichen oder männlichen Menschen gehört, ist kaum zu sagen. Ein Outpainting würde in Spekulationen ausarten, die keinerlei Bezug zur Realität hätten. Das scheint Apple vermeiden zu wollen.
Das ist deutlich verantwortungsbewusster als Googles KI Gemini, die wild über die Stränge schlägt. Trotzdem steht explizit die Frage im Raum: Ist es ethisch, diese Funktionen zu verwenden?
Wie oben angedeutet und im Juli anhand von weiteren Beispielen dargelegt, hängt es von den Umständen und vom Ausmass ab: Ein moderates Outpainting, wie es bisher in Photoshop zu rein illustrativen Zwecken üblich war, finde ich hinnehmbar. Ich würde es zwingend in der Bildlegende oder in einer Fusszeile erwähnen. Und es ist wichtig, sich harte Grenzen zu setzen:
Bei journalistischen Motiven und in der politischen Kommunikation ist auf KI und auf den Photoshop-Stempel zu verzichten. Ich diskutiere das ausführlich im Fall der Abstimmung zur Klimafonds-Initiative, bei der die Grünen und die SP die Outpainting-Methode auf eine dilettantische Weise verwendeten.

