Der Walkman lebt

Den analogen Walkman gibt es auch in Digital. Das legendäre mobile Kassetten-Abspielgerät gibt es als Smartphone-App. Zwei Beispiele: Cassette Gold und DeliTape, für iPhone und Android.

Die Kassette lebt auch. Und wenn es nur in unserer sentimentalen Erinnerung ist. (Bild: Markus Spiske, freeforcommercialuse.net/Pexels.com, CC0)

Ja, der Walkman lebt. Manche brauchen ihn heute noch, in Echt! Ich gehöre nicht zu den Leuten. Aber man kann ja so tun als ob.

Nämlich mit der App Cassette Gold (iPhone/iPad). Oder mit der App DeliTape (Android, iPhone/iPad). Die machen beide ungefähr das selbe: Sie spielen Musik ab und zeigen dazu eine Kassette, deren Spulen sich während der Wiedergabe akkurat drehen.

Und natürlich kann man unterschiedliche Kassettentypen «einlegen», die dann so aussehen, wie die TDK-, Agfa-, Sony- Hitachi-, Denon- oder BASF-Kassetten, die wir damals benutzt haben.

Cassette Gold: Die Kassetten sind sogar liebevoll mit dem Titel beschriftet, der gerade läuft.

Von den beiden erwähnten Apps gefällt mir Cassette Gold besser; obwohl DeliTape auch Webradio abspielt. Was ein grober Unfug ist. Denn natürlich konnte man mit einem Walkman kein Live-Radio hören. (Es gab Walkmen mit UKW-Radio, aber darum geht es hier nicht.)

Wischen zum Spulen

Cassette Gold kommt ohne Bedienelemente aus. Man tippt aufs Display, um die Wiedergabe zu starten oder zu stoppen. Man wischt nach rechts, um zum nächsten Song zu «spulen» – wobei dann auch die Spulen schneller drehen. Wischen nach links «spult zurück».

Und – wirklich nett – während man Musik hört, wird die Spule links kleiner und die rechts grösser. Die weiter abgewickelte Spule dreht sogar schneller. Das ist sehr liebevoll gemacht. Man kommt jedoch nie in die Situation, die Kassette wechseln oder drehen zu müssen oder den Walkman mit neuen Batterien zu bestücken.

Die Kassettentypen, die man sich in seinen iPhone-Walkman einlegen kann.

Wischt man nach unten, wird der Kassettentyp automatisch gewechselt. Bei einem Wischen nach oben kann man den Typ auswählen. 18 Typen stehen zur Auswahl. Weitere neun besorgt man sich mit einem In-App-Kauf über 1 Franken.

Nostalgischer Unfug. Aber trotzdem schön

Fazit: Natürlich ist diese App nostalgischer Unfug. Wer ein iPhone hat, ist gottenfroh, dass er sich nicht mehr mit dem Walkman herumschlagen muss. Ganz abgesehen vom Klang, der am Smartphone natürlich viel zu gut ist: Kein Rauschen, kein Eiern und ein viel zu grosser Tonumfang, von der Dynamik ganz zu schweigen. Und es gibt keine mittendrin endenden Songs, die nicht mehr ganz auf eine Kassettenseite gepasst haben.

Ich wünschte mir einen echten Simulator, mit einem Equalizer, der die Tonqualität der gewählten Kassette anpasst. Eine Spulfunktion, bei der man auf gut Glück spulen muss, weil das Kassettendeck keine Ahnung hatte, wo ein Song aufhört und der nächste anfängt. Für den naturalistischen Walkman würde ich sicher 5 Franken bezahlen.

Früher war nicht alles besser, aber retrofuturistischer

So oder so ist diese App keine zwingende Anschaffung. Aber wenn man ein bisschen in Nostalgie schwelgen will – im Bewusstsein, dass früher eben nicht alles besser war – dann sollte man sie sich besorgen.

Delitape: Die Kassette wegen des abweichenden Seitenverhältnisses des iPhones zu beschneiden, ist ein Sakrileg!

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Der Walkman lebt“

  1. Hallo Matthias,
    Danke für den Artikel! DeliTape kann ich für’s iPhone aktuell leider nicht (mehr) finden. Aber Cassette Gold läuft – alles wie früher, sozusagen.. 🙂
    Nostalgische Grüsse
    Christian

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