Wie geile Väter in den 1990ern die Telefonrechnung in die Höhe trieben

Der «Operator»-Podcasts schildert Aufstieg und Fall des Telefonsex-Geschäfts in den USA. Er tut das erfrischend vorurteilsfrei und mit viel Sympathie für die Frauen, die sich am anderen Ende der Leitung all den Kram anhören mussten.

Es gibt kulturelle Errungenschaften, die fast so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Um eine davon geht es heute – und ich muss mit einem gewissen Bedauern vermelden, dass ich seinerzeit nie die Gelegenheit wahrgenommen habe, sie auszuprobieren. Einerseits aus Gründen des Geizes, andererseits, weil es mir hochnotpeinlich gewesen wäre.

Die kulturelle Errungenschaft, von der die Rede ist, heisst Telefonsex. Sie wurde, natürlich, in den USA erfunden und auf ihrem Höhepunkt von der Pornografie im Internet verdrängt – wobei ich nicht ausschliessen will, dass es noch einige Nischenanbieter gibt.

Aus Sicht der Konsumenten ist diese Entwicklung ein Vorteil: „Wie geile Väter in den 1990ern die Telefonrechnung in die Höhe trieben“ weiterlesen

Wahre Weisskragen-Verbrechen

Die «Süddeutsche Zeitung» hat den Wirecard-Skandal als Podcast aufgearbeitet. Die zentrale Frage in «1,9 Milliarden Lügen» lautet: Haben wir es mit einem Wirtschaftskrimi oder mit einem Spionagethriller zu tun?

Wirecard: 1,9 Milliarden Lügen heisst die Podcastreihe der «Süddeutschen Zeitung» mit acht Folgen, die von Mitte April bis in den Juni veröffentlicht wurden und die die als «grösster deutscher Bilanzskandal» titulierte Affäre aufarbeitet. Als «Spotify Original» ist diese Produktion leider nur beim Streaminganbieter zu hören. Aber spannend ist es allemal.

Je nach Wechselkurs können es noch ein paar Tausend mehr oder weniger sein.

Gastgeberin der Reihe ist die Audio- und Video-Redaktorin Laura Terberl, die im Vergleich zu der überdrehten Art des «Cui Bono»-Podcasts (Hat Ken Jebsen diesen Podcast verdient?) etwas spröde wirkt, der man nach kurzer Eingewöhnungszeit gerne zuhört – und deren nüchterner Präsentationsstil ohne Zweifel besser zu der seriösen «Süddeutschen Zeitung» passt als der Habitus eines medialen Newcomers, der es der ganzen Welt zeigen will, wie das der Antrieb des Podcast-Startups war, das hinter der besagten Produktion über Ken Jebsen steht.

Doch natürlich schlagen einen auch langsamer getaktete Erzählungen in den Bann, wenn sie eine schillernde Hauptfigur wie Jan Marsalek haben, der in der Folge zwei dem etwas trockenen Vorstandsvorsitzendern Markus Braun gegenübergestellt wird, der offenbar einige Wissenslücken zu den Vorgängen in seinem Unternehmen aufwies.

Die Podcast-Reihe ist, so könnte man sagen, didaktisch aufgebaut: „Wahre Weisskragen-Verbrechen“ weiterlesen

Der grösste gemeinsame Nenner des helvetischen Kulturschaffens

Damit der Anteil der einheimischen Produktionen irgendwann doch noch die vom Bundesrat festgelegte Quote erfüllt, erfolgt heute die Besprechung eines Podcasts, wie er schweizerischer kaum sein könnte: dem Giacobbodcast.

Das einheimische Schaffen kam bei meinen Podcast-Besprechungen bislang kaum zum Zug. Kafi Freitag, einige SRF-Podcasts (hier und hier) – und das war es auch schon. Doch es ist Besserung in Sicht: Heute gesellt sich eine längst überfällige Nennung hinzu.

Die drei gelben Quadrate stehen wahrscheinlich für die vier Landesteile.

Es handelt sich um den Giacobbodcast, der schon im Titel verrät, wer die Hauptfigur ist: Viktor Giacobbo, mit dem mich die weltbewegende Gemeinsamkeit verbindet, dass wir beide in Winterthur wohnen.

Darüber hinaus sind wir beide Moderatoren, wobei er dieses Geschäft allerdings um eine Nuance erfolgreicher betreibt als ich. Und mit dieser Erkenntnis nähern wir uns so langsam dem wichtigsten Unterschied an: Er ist nämlich, anders als ich, tatsächlich witzig. „Der grösste gemeinsame Nenner des helvetischen Kulturschaffens“ weiterlesen

Mit Spott und Fakten gegen die Schwurbler

Im Podcast «Schlecht beraten» zerlegen Marko Ković und Denis Uffer Verschwörungsmythiker, Pseudowissenschafterinnen, Fakenewsverbreiter und Putin-Versteher.

«Wir meckern über Dinge und tun so, als ob wir es besser wüssten.» Das ist die Ausgangslage beim Podcast Schlecht beraten, den es seit November 2020 gibt und von dem bislang 18 Folgen erschienen sind. Man findet ihn bei iTunes, Spotify, Google  und, wie Gott es gewollt hat, auch als RSS-Feed.

Der Podcast mit dem Kothäufchen.

Die beiden meckernden Besserwisser sind Marko Ković und Denis Uffer. Ković ist Sozialwissenschaftler und Mitbegründer des 2012 gegründeten Vereins der Schweizer Skeptiker, die sich neuerdings Forum für kritisches Denken nennen. Uffer ist Neurologie und im Vorstand des gleichen Vereins, was einen deutlichen Fingerzeig gibt, welche Themen die beiden ihrem Gemecker unterziehen. Es sind natürlich die Lieblingsgebiete der skeptischen Denker: Verschwörungstheorien und -mythen, Pseudowissenschaften, Aberglaube, Fakenews und mediale Desinformation.

Spätestens an dieser Stelle ist ein Disclaimer angebracht: „Mit Spott und Fakten gegen die Schwurbler“ weiterlesen

Zwei missratene Podcasts von der BBC

«Pieces of Britney» und «Who Killed Emma?» sind zwei Beispiele dafür, wie schwierig es ist, trotz hohem Engagement für eine Sache die journalistische Distanz zu wahren.

So viele tolle Podcasts es gibt, immer mal wieder begegne ich auch Produktionen, die mir zuwiderlaufen. «Other People’s Problems» etwa, bei dem man Ohrenzeuge bei richtigen Psychotherapiesitzungen wird, was sogar für einen Podcast zu weit geht.

Heute prangere ich zwei Grenzüberschreitungen an, die beide von der BBC stammen.

Pieces of Britney

Erstens Pieces of Britney von BBC4 und der Podcasterin Pandora Sykes. Die Idee hinter dieser achtteiligen Reihe ist völlig in Ordnung: „Zwei missratene Podcasts von der BBC“ weiterlesen

Hat Ken Jebsen diesen Podcast verdient?

«Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?» ist eine sechsteilige Reihe zu einem der einflussreichsten Verbreiter von Verschwörungsmythen im deutschsprachigen Raum. Und so toll, wie sie produziert ist, stellt sich trotzdem die Frage: Würde man den Mann nicht besser totschweigen?

Beitragsbild: Screenshot Youtube mit einer lustigen automatischen Übersetzung. Gesagt hat er, die Bösen seien immer die anderen (Quapan/Flickr.com, CC BY 2.0).

Wem nützts? Die Frage, die auch Verschwörungstheoretiker gern stellen.

Vorneweg: Der Pod­cast Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? (RSS, Spotify, iTunes)  ist auf­schluss­reich, rasant und wirk­lich fett pro­du­ziert und beste Unter­haltung: Ein hervor­ragen­des Beis­piel dafür, wie zeit­gemässes Erzäh­len mittels Audio funk­tio­niert – und sehr zur Nach­ahmung em­pfoh­len.

Ken Jebsen ist der Name des Mannes, der einem mutmasslich als Erstes einfällt, wenn man im Geist die deutschsprachige Verschwörungstheoretiker-Szene durchgeht. Ich würde ihn noch vor Daniele Ganser einsortieren. Ganser geht sein Geschäft zwar  systematischer an und wirkt auf den ersten Blick glaubwürdiger. Aber das fällt im Vergleich zum Showtalent, dem krawallhaften Auftreten und der eindrücklichen Youtube-Präsenz dann doch etwas weniger ins Gewicht.

Jebsen hat zu Anfang der Coronakrise einen viralen Superhit gelandet, was mich dazu brachte, zwei Gründe aufzuführen, keine Videos von KenFM anzusehen oder zu teilen. „Hat Ken Jebsen diesen Podcast verdient?“ weiterlesen

Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film

Ein gutes Beispiel, wie die Medien ihre Rolle als vierte Macht wahrnehmen – per Podcast sogar global: Die «New York Times» erinnert mit «Day X» Deutschland daran, die Gefahr der rechtsextremen Netzwerke nicht zu unterschätzen.

Ich mag die Floskel «Wie in einem billigen Film» nicht. Sie besagt, dass in Realität eine ganz unglaubliche Sache passiert ist – eine Angelegenheit, die derartig unwahrscheinlich ist, dass wir keine realen Vergleichsgrössen haben. Darum wäre es uns eigentlich lieber, wenn dieses Vorkommnis nur ausgedacht wäre, weil dann die Grenzen unserer Wirklichkeit nicht verschieben müssten.

Zwei Dinge: Es kann sinnvoll und erhellend sein, wenn wir die Gelegenheit haben, die Grenzen unserer Wirklichkeit zu verschieben; darum sollte man das nicht leichthin abqualifizieren. Und zweitens sind Drehbuchautoren offenbar die Leute, mit der lebhaftesten Fantasie – weswegen sie eigentlich unseren Respekt verdienen und nicht zum Buhmann in einem platten Phraseologismus degradiert werden sollten.

Und was soll das mit dem «schlechten» Film? „Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film“ weiterlesen

Wie man Sony blamiert und Hunderte Millionen Dollar kassiert

Der Podcast «The Lazarus heist» der BBC hat alles, was man sich von einer rasanten True-Crime-Erzählung erhofft: Einen gewichtigen Bösewicht, Verwicklungen in die Wirtschaft und Politik und ambitionierte Cyberhacker, die einen Milliarden-Coup wagen.

The Lazarus heist (RSS, iTunes, Spotify, Google) ist ein Podcast, den ich sowohl aus professionellem Interesse als auch mit privatem Vergnügen anhöre. Er setzt beim epischen Hack an, von dem 2014 das Filmstudio Sony Pictures betroffen war.

Wir erinnern uns sicher noch: Die Eindringlinge konnten schalten und walten, wie sie wollten. Es gab nichts, was ihnen verborgen geblieben ist, keine Firmengeheimnisse, an die sie nicht herangelangt wären

Die Hacker – «Guardians of Peace» oder Lazarus-Gruppe genannt –  zogen noch nicht veröffentlichte Filme ab, brachten interne Mails in ihren Besitz, eigneten sich die Personalakten des Managements und der  Mitarbeiter an, inklusive Sozialversicherungsnummern, Höhe des Gehaltschecks und medizinische Vorgeschichten. Und sie wussten sogar über die Gagen der engagierten Schauspieler Bescheid. „Wie man Sony blamiert und Hunderte Millionen Dollar kassiert“ weiterlesen

Alles ist ganz anders als wir alle meinen

«You’re Wrong About» ist stilbildend für ein ganzes Genre von Podcasts: Das der Aufklärer historischer oder kultureller Irrtümer.

Was sind typischen Podcast-Themen? Natürlich die Technologie, insbesondere Apple. Dann aber auch wahre Verbrechen (True Crime), Sex, Lebenshilfe, sowie Gott und die Welt. Die letzte Kategorie umfasst den typischen Laberpodcast, der weder ein bestimmtes Gebiet beackert noch ein ausgeprägtes Konzept hat, sondern einfach die Dinge aufgreift, die den Protagonisten während der Aufnahme gerade durch den Kopf gehen.

Ich habe noch ein anderes Themengebiet ausgemacht: Das lässt sich mit «Es ist alles ganz anders als du denkst» umschreiben. Bei Podcasts mit diesem Konzept werden kulturell, historisch oder sonst wie bedeutsame Ereignisse aufgerollt und unter der Prämisse betrachtet, dass unsere bisherige Wahrnehmung nicht akkurat oder sogar komplett falsch ist.

Klar, dass das eine attraktive Ausgangslage ist: „Alles ist ganz anders als wir alle meinen“ weiterlesen

Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand

Nach Verbrechen, der Bibel und Sex nun auch noch die USA – ich bespreche «OK, America?» von «Die Zeit» und analysiere, warum es ausgerechnet einer Wochenzeitung gelungen ist, eine stringente Podcast-Strategie auf die Beine zu stellen.

Ich kann nicht versprechen, dass ich hier im Blog alle Podcasts von «Die Zeit» besprechen werde. Ich habe zwar hier «Zeit Verbrechen», hier «Woher weisst du das?», in dem es um Sex geht, vorgestellt. Und hier «Unter Pfarrerstöchtern» zur Bibel.

Aber es gibt bei «Die Zeit» noch eine ganze Menge mehr zu hören. Auf dieser Seite habe ich  ein Dutzend Serien gezählt. Plus drei, die im Moment auf Eis liegen. Zu den pausierenden Produktionen gehört ausgerechnet der Digitalpodcast mit dem klingenden Namen Wird das was? – was in dem Fall selbstreferenziell gemeint sein könnte.

Ob das noch was wird?

Zugegeben: Tech-Podcasts gibt es mehr als genug, auch in meinem Podcatcher. Ich bin mir übrigens meiner Schuld bewusst, selbst zu diesem Missstand beizutragen, indem wir auch beim Nerdfunk dieses übernutzte Feld beackern. „Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand“ weiterlesen