Der Weltuntergang ist kein Kindergeburtstag

So eindringlich wie bei Adrian J. Walker geht die Welt nur selten unter: «The End of the World Running Club» ist ein packendes Untergangsszenario, das man hervorragend auch beim Joggen hören kann.

Apokalypse auf die Zwölf.

In letzter Zeit ging es hier immer mal wieder um apokalyptische Geschichten: der Crash des Internets in Systemfehler von Wolf Harlander, ein Ausfall der Strom­ver­sor­gung bei Marc Elsbergs «Blackout» und schliesslich das Ende der Zivilisation, ausgelöst durch einen Hack des Mobilfunknetzes, wie es Stephen King in «Cell» beschreibt.

Alle diese Geschichten sind spannend, doch keine hat so richtig auf die Zwölf gezielt. Will sagen: Bei den ersten beiden gibt es ein Happy-End und die Zivilisation wird am Ende wiederhergestellt. Beim dritten Buch ist es zwar aus mit der Hochkultur, aber weil die Ursache für diesen Untergang sehr an den Haaren herbeigezerrt ist, fühlt man sich als Leserin wenig betroffen.

Das ist ganz anders beim Buch, um das es jetzt geht: „Der Weltuntergang ist kein Kindergeburtstag“ weiterlesen

Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet

«Gliss» ist eine poetisches Sciencefiction-Geschichte, die bezaubert und belehrt. Und wer das für einen Widerspruch hält, der kennt Andreas Eschbach schlecht, weil der solide mit einem Fuss in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Fabulierkunst steht.

Andreas Eschbach ist ein Phänomen: Er gehört zu den fleissigen Buchautoren, was allein zwar bemerkenswert, aber nicht aussergewöhnlich ist. Einer der produktivsten Autoren überhaupt kommt in diesem Blog hier auch immer mal wieder vor.

Es ist Stephen King, der hier sogar die Rangliste anführt – noch vor Isaac Asimov, Kathleen Mary Lindsay und Jozef Ignacy Kraszewski. King schreibe um die 2000 Wörter pro Tag, lässt uns dieser Beitrag wissen – was auch ungefähr meinem Output entspricht, der aber, zugegeben, weniger umsatzträchtig ist.

Aber zurück zu Eschbach: Was ihn zum Phänomen macht, ist der Umstand, dass er keine Flops produziert. Das unterscheidet ihn wiederum von den meisten: „Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet“ weiterlesen

Es geht noch schlimmer als Facebook und Google

Marc Elsberg malt sich in «Zero» aus, wie es wäre, wenn wir uns nicht nur in den sozialen Medien von Algorithmen würden bevormunden lassen, sondern auch bei all unseren Handlungen im Alltag. Und klar, das führt zu Mord und Manipulation.

Nach Blackout, Helix und Der Fall des Präsidenten komme ich nicht umhin, noch ein Buch von Marc Elsberg zu besprechen.

Sie wissen nicht nur, was du tust, sondern auch, was du vorhast.

Denn Zero be­schäf­tigt sich auf erdich­tete Weise mit Themen, die ich hier im Blog die ganze Zeit non-fik­tional behand­le: Im Zentrum stehen die grosse Daten­samme­lei im Netz, die daraus resultie­renden Manipu­lations­möglich­keiten durch die Tech-Konzerne, der Verlust der Privatsphäre – und nicht zuletzt kriegen die Medien eins auf den Deckel, weil sie in Zeiten von Livestreaming und Clickbaiting ihre journalistische Verantwortung nicht wahrnehmen.

Das Buch stammt von 2014, und das merkt man ihm deutlich an. Es ist geprägt von den Themen, die damals in der digitalen Welt ganz gross waren: Die Protagonisten sehen die Welt nur durch ihre Datenbrillen, streamen konstant live, verwenden Hashtags, als ob es kein Morgen gäbe und geben die allerpersönlichsten Daten preis, wenn dafür bloss ihr virtueller Wert bei der Internetplattform «Freemee» steigt.

Die Einflüsse sind deutlich zu erkennen: „Es geht noch schlimmer als Facebook und Google“ weiterlesen

Einmal im falschen Flugzeug geflogen und schon gibt es dich zweimal

In einer Zeit, wo sich alles digital reproduzieren lässt, fragt sich, wie viel Einzigartigkeit noch wert ist. Hervé Le Tellier schmettert uns in seinem abgefahrenen Science-Fiction-Spektakel «Die Anomalie» ein fulminantes «Nichts!» entgegen.

Der folgende Buchtipp stammt aus diesem Podcast hier, und sei hiermit aufs Herzlichste verdankt. Einmal mehr lerne ich, dass echte Menschen viel bessere Empfehlungen machen als die Algorithmen von Amazon und Co. Die taugen, wie schon früher festgestellt, nichts.

Es geht um Die Anomalie, eine Geschichte von Hervé Le Tellier, die man sich unter dem Titel L’anomalie auch im französischen Original zu Gemüte führen könnte. Ich habe das nicht getan; was mutmasslich eine gute Entscheidung war. Denn Le Tellier verwendet eine dichte, bildhafte und manchmal poetische Sprache, und er versteigt sich ab und zu in philosophische Untiefen, sodass meine französischen Fähigkeiten ohne Zweifel aufs Gröbste überstrapaziert worden wären.

Es handelt sich um eine fulminante Geschichte, die vom Verlag als «brillante Mischung aus Thriller, Komödie und grosser Literatur» beschrieben wird.

Das würde ich nur halb gelten lassen: „Einmal im falschen Flugzeug geflogen und schon gibt es dich zweimal“ weiterlesen

Mister Präsident, Sie sind verhaftet!

Wenn die USA den Präsidenten nicht des Amtes entheben wollen, könnte nicht die Justiz nachhelfen? Im Thriller «Der Fall des Präsidenten» exerziert Marc Elsberg diese Möglichkeit durch.

Unter uns gesagt: Das Cover des Buchs hätte mich fast davon abgehalten, es zu kaufen…

Also, wie versprochen folgt nach Blackout und Helix hier der dritte Streich zu Marc Elsberg. Ich habe das neue Werk, Der Fall des Präsidenten durchgeackert. Und zwar als Hörbuch, sodass ich als Erstes gleich die diesbezügliche Kritik loswerden muss.

Der Erzähler, Dietmar Wunder, hat mich auf Dauer ziemlich genervt. Nicht, dass er eine unangenehme Stimme oder eine fragwürdige Aussprache hätte – nein, er wäre dem Job, eine Lesung von 14 Stunden und 42 Minuten abzuhalten, durchaus gewachsen. Aber er hat die Marotte, gegen Ende jedes Satzes eine Betonung zu setzen, was gepresst und affektiert klingt. Der Regisseur – falls es so etwas bei Hörbuchaufnahmen gibt – hätte ihn dazu anhalten sollen, seinen Hals etwas zu entspannen.

Aber gut, die Geschichte selbst ist atemlos und auf Spannung getrimmt: „Mister Präsident, Sie sind verhaftet!“ weiterlesen

Superhelden wider Willen

In «Helix – Sie werden uns ersetzen» spekuliert Marc Elsberg, wie es sein wird, wenn die ersten genetisch optimierten Menschen über ihre Existenz nach­denken und sich nicht damit abfinden können, etwas so Beson­deres zu sein.

Nach meiner Lektüre von «Blackout» (Zappenduster und eiskalt) war mir sofort klar, dass ich von diesem Autor noch mehr würde lesen wollen. Ich habe mich also sogleich dem nächsten Werk von Marc Elsberg zugewandt. Das ist das Buch von 2016. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der dritte Elsberg, nämlich das brandneue Buch Der Fall des Präsidenten bereits in der Pipeline steckt.

Ein bisschen am Erbgut herumzubasteln, wird demnächst ganz normal sein.

Aber das Buch, um das es jetzt geht, stammt von 2016 und heisst Helix – Sie werden uns ersetzen. Wenn man davon absieht, dass das Buch eigentlich Doppelhelix heissen müsste, bringt der Titel die Geschichte auf den Punkt: Die Helix bezieht sich auf unser Erbgut, das bekanntlich als Doppelstrang angelegt ist …

… und es tut mir leid, dass ich an dieser Stelle ein Detail einflechten muss, das ich mir nicht verkneifen kann, wenn von der Desoxy­ribonuklein­säure die Rede ist, seit ich beim Surfen im Netz (hier, PDF) zufällig darübergestolpert bin. Also, Zitat: „Superhelden wider Willen“ weiterlesen

Zappenduster und eiskalt

In «Blackout» malt sich Marc Elsberg aus, wie Europa von einem gross­flächi­gen, lang­an­dauern­den Strom­ausfall betrof­fen ist: Glaub­würdig – und gleich­wohl spannend und unter­halt­sam.

Ein beliebter Buchtitel. Auch Andreas Eschbach hat ihn schon benutzt.

Was würde passieren, wenn uns von einem Moment auf den nächsten das Internet abhandenkäme? Dieses Szenario führt die westliche Gesellschaft innert kürzester Zeit an den Rand des Abgrunds. Zumindest hat sich das Wolf Harlander im Buch «Systemfehler» so ausgemalt.

Dieses Buch habe ich kürzlich besprochen, und es hat mich auf den Geschmack gebracht. Was wäre die nächste Katastrophe, mit der ich mich auseinandersetzen könnte? Natürlich sollte sie noch verheerender sein als die vorherige. Denn man will sich schliesslich menschlich und als Leser weiterentwickeln.

Die Wahl lag auf der Hand: Es ist das Buch Blackout von Marc Elsberg.

Der Name des Autors war mir bislang nicht geläufig, was nur mit einem massiven Versagen zu erklären ist: „Zappenduster und eiskalt“ weiterlesen

«Cell» ist das perfekte Buch für alle Mobiltelefon-Hasser

Stephen King hat ein techno­phobes Buch über unsere moder­nen Kommuni­kations­gewohn­heiten geschrieben. Das würde mich nicht stören – aber leider ist die Story nicht sonderlich gut.

Was für ein fulminanter Anfang! Clayton Riddell sitzt, nichts Böses ahnend, in einem Kaffee, während plötzlich das Pandämonium ausbricht: Um ihn herum fallen Leute tot um, beissen sich die Ohren ab, schlagen sich die Köpfe ein und verhalten sich so, als wären sie allesamt verrückt geworden.

Mit der Abschaltung von GSM hat sich das mit den Pulsen auch erledigt.

Und das sind sie. Zumindest jener Teil der Bevölkerung, der sein Mobiltelefon mit dabei hatte. Offenbar hat ein über das Netz verbreitetes Signal die kognitiven Funktionen der Teilnehmer ausgelöscht und eine Art animalisches Verhalten ausgelöst. Später sollte dieses Signal «Puls» genannt werden. Doch erst einmal sieht Clayton, der eigentlich Grund zum Feiern hätte, weil er  sein Comic «Dark Wanderer» einem Verlag verkaufen konnte, wie sich die Zivilisation von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst.

In seinem Buch Cell (Amazon Affiliate), in Deutsch Puls (Amazon Affiliate) kommt Stephen King untypisch schnell auf den Punkt: „«Cell» ist das perfekte Buch für alle Mobiltelefon-Hasser“ weiterlesen

Wie wäre es, so plötzlich ganz ohne Internet?

Im Thriller «Systemfehler» von Wolf Harlander bringen Cyberterroristen das Internet zu Fall. Das Ende unserer Online-Gesellschaft ist eine unterhaltsame Angelegenheit – auch wenn das Buch ebenfalls einen Systemfehler aufweist.

Juhuu, ich bin Literatur-Influencer!

Zumindest vermute ich das, nachdem ich neulich unaufgefordert ein Rezensionsexemplar eines Buchs erhalten habe. Es handelt sich um das brandneue Werk von Wolf Harlander. Es läuft unter dem Titel Systemfehler, und es passt tatsächlich hervorragend in mein literarisches Beuteschema. Das spricht für die Pressearbeit des Rowohlt-Verlags. Und ich weiss das zu würdigen. Ich habe das Buch nämlich gelesen und schreibe nun auch gerne eine Besprechung für die Nerdliteratur-Rubrik hier im Blog.

Also, der Klappentext verspricht nichts weniger als die kommunikative Apokalypse: „Wie wäre es, so plötzlich ganz ohne Internet?“ weiterlesen

Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress

«Relive» von KJ Nelson ist eine fulminante Zeitreisegeschichte über eine Gruppe von Menschen, die nach dem Tod zurück in ihre Jugend geworfen werden. Nicht ganz so charmant wie «Back to the Future», aber locker und spannend erzählt.

Es war nun wirklich wieder einmal Zeit für ein Buch mit einer Zeitreise – das letzte ist auch schon wieder zwei Jahre her.

Doch wie immer, wenn mich die Lust auf eine Geschichte packt, die das temporale Gefüge durcheinanderbringt, stellt sich eine bange Frage: Erwische ich dieses Mal eine Geschichte, die ein bisschen abgefahren aber nicht zu schräg ist, die nicht dieselben alten Paradoxa bemüht oder ihnen zumindest etwas Neues abgewinnen kann? Das Problem mit diesen Büchern über Zeitreisen besteht darin, dass sie oft die Erwartungen nicht zu erfüllen mögen – und man am Ende der Geschichte gerne zu dem Zeitpunkt zurückkehren würde, an dem man sich unglücklicherweise zur Lektüre entschlossen hat.

Der Autor ist auch sein eigener Verleger

Vom Jugendlichen zum alten Mann – und wieder zurück.

Dieses Mal hatte ich Glück. Ich habe mich für Relive von KJ Nelson ent­schie­den. Der Name des Autors war mir bislang nicht geläufig und seine Website legt die Vermu­tung nahe, dass er noch nicht lang im Ge­schäft ist. Es gibt dort näm­lich nur einen zweiten Titel namens «Warlord», und Nelson scheint seine Bücher auch selbst digital zu verlegen. Es gibt «Relive» als E-Book für den Kindle und als Hörbuch, aber nicht in gedruckter Form. Dabei wäre es meines Erachtens so gut, dass es auch in ein traditionelles Verlagsprogramm passen würde. Zumindest, wenn dort bereits Titel aus dem Bereich des Fantastischen verlegt werden. „Ewig zu leben, ist abwechslungsreich, aber auch ein ziemlicher Stress“ weiterlesen