Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird

Wer Krimis und Thriller nicht ver­schmäht, sollte darauf achten, dass die Mörder, die Plots und die Detek­tive den Buch­preis auch wert sind. Zwei Tipps, bei denen das der Fall ist: «Todes­frist» und «Todes­urteil» von Andreas Gruber.

Krimis, Thriller und anverwandte Genres werden nicht nur von Nerds, sondern quer durch die Bevölkerung gelesen.

Um hier trotzdem eine Rechtfertigung zu haben, in meiner Nerdliteratur-Rubrik zwei Bücher aus diesem Bereich ins Spiel zu bringen, stelle ich die (gewagte?) These auf, dass Nerds dem Nervenkitzen nicht abgeneigt sind, aber hohe Ansprüche an ihn stellen. Ein unausgegorener Plot, eine nicht stringente Erzählung und Nerds sind raus. Narrative Taschenspielertricks lassen wir bei den Fantasy-Storys gelten, aber nicht bei Werken, die von sich behaupten, in unserer Welt angesiedelt zu sein. Wenn ein Autor uns weismachen will, dass sich seine Geschichte so zugetragen haben könnte, wie er sie uns zum Besten gibt, dann muss sie realitätsnah erzählt und glaubwürdig konstruiert sein.

Das macht dieses Genre viel anspruchsvoller, als man auf den ersten Blick glauben könnte: „Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird“ weiterlesen

«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher

Im Buch von Brandon Q. Morris, der bürgerlich Matthias Matting heisst und Physiker ist, droht dem Sonnen­system ein abrup­tes Ende. Die Mensch­heit nimmt das un­fass­bar gelassen – was über Gebühr nerven­schonend ist.

Ich habe versucht herauszufinden, wie sich die Coronapandemie auf den Büchermarkt ausgewirkt hat. Im Beitrag The Pandemic Is Changing Book-Buying Patterns von «Publishers weekly» gibt es einige Informationen dazu: Natürlich habe die Leute Bücher zu Seuchen gekauft (schliesslich stand sogar auf Facebook, was man aus Die Liebe in den Zeiten der Cholera) alles lernen kann. Die Zahlen widerspiegeln, dass die Leute ihre Freizeit radikal umgestaltet haben (ein Plus von 42 Prozent in der Kategorie «Spiele und Aktivitäten») und der Anstieg von zehn Prozent bei der Belletristik deutet auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Realitätsflucht hin.

Das ist interessant, aber nicht so tiefgründig, wie ich es gern hätte. Mich würde interessieren, welche Verschiebungen es bei den Genres gab. Haben die Leute mehr Wohlfühl-Bücher und utopische Werke gelesen, die sie von einer besseren Zukunft träumen lassen? Sind sie in Fantasy-Welten abgetaucht, die nichts mit dieser Realität hier zu tun haben? Oder kam «die gute alte Zeit» in Form von historischen Schinken zum Zug? „«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher“ weiterlesen

Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie

Xavier Kieffer ist Koch und Wirt und der Held der Kulinarik-Krimireihe von Tom Hillenbrand. Und auch wenn er auf den ersten Blick nur einen geringen Nerdfaktor hat, kommt man auf den zweiten auch als Tech-Freak voll auf die Rechnung.

Tom Hillenbrand ist ein Autor, der zwei Interessengebiete hat, die man nicht unbedingt in einer Person vermuten würde. Einerseits findet er futuristische Erfindungen spannend, Drohnen und Big Data, Bitcoins und die Singularität mit der Digitalisierung des menschlichen Geistes.

Andererseits hat er eine Leidenschaft, was die Küche der Gegenwart betrifft – vorwiegend, aber nicht nur, die französische und luxemburgische. Denn nebst den Sciencefiction-Romanen gibt es von Tom Hillenbrand auch eine Reihe, in der der Luxemburger Koch und Wirt Xavier Kieffer unvermittelt zum Detektiv wird.

Das könnte man für exzentrisch halten – oder zumindest für ein Problem bei der Positionierung im Lesermarkt. Sollte nun ein Fan von Xavier Kieffer zufälligerweise «Hologrammatica» lesen, könnte das für Irritation sorgen – und umgekehrt natürlich genauso. Ich könnte mir vorstellen, dass es im Verlag deswegen gewisse Diskussionen gab. Oder vielleicht auch nicht: „Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie“ weiterlesen

Der Tatort steckt im Cyberspace

«Drohnenland» von Tom Hillenbrand ist ein Kriminal­roman, in dem die Kommissare dank Tota­lüber­wachung ein leichtes Spiel haben. Was wie eine Dysto­pie klingt, liest sich span­nend und macht (mir) Lust auf eine Zukunft mit smarten Luft­fahr­zeugen und einer vir­tuel­len Parallel-Welt.

Tom Hillenbrand entwickelt sich langsam aber sicher zu einem meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren. «Hologrammatica» fand ich toll (Identität ist dort, wo man sich gerade hochgeladen hat), den Nachfolger Qube gut, aber dem ersten Teil nicht ganz ebenbürtig. Doch das ist häufig so – ich rechne in dieser Serie mit einem grossartigen Teil drei. Aber kein Druck, Tom. 😉

Obama hätte seine wahre Freude.

Neulich habe ich mit grossem Vergnügen ein Buch von Hillenbrand gelesen, das nicht im gleichen Erzählraum spielt, aber denselben futuristischen Hauch verströmt. Es heisst Drohnenland, stammt von 2014, ist damit älter als «Hologrammatica» (2018): Es spielt in einer zukünftigen Europäischen Union, in der die Briten noch nicht ausgetreten sind, aber gerade dabei sind, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Die Klimaerwärmung hat ihre Spuren hinterlassen, indem sie die Niederlande unter Wasser gesetzt und Portugal zu grossem Reichtum verholfen hat. Wie genau, wissen wir nicht. Aber es ist naheliegend, dass der Aufstieg etwas mit erneuerbaren Energien zu tun hat.

Die Menschheit hat die Chancen genutzt, die sich durch den technischen Fortschritt ergeben haben. Virtuelle Brillen, die sogenannten Specs, haben das Smartphone abgelöst. Drohnen sind zum Alltagsgegenstand geworden:  „Der Tatort steckt im Cyberspace“ weiterlesen

«Digital Detox» kann fatal enden

Ist es nötig, dass der moderne, von seinen Kom­muni­ka­tion­smitteln gepie­sackte Mensch sich zur Selbst­rei­ni­gung in die digitale Aske­se begibt? Ich teile Arno Strobels Ansicht, der in seinem Thriller «Offline» Offliner mit dem Tod be­straft.

Wenn schon, dann würde man das als E-Book lesen wollen.

Bei dem Titel konnte ich nicht widerstehen: Offline – Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle, heisst das Werk, das im Genre des Psychothrillers angesiedelt ist.

«Fünf Tage ohne Internet» stellt der Klappentext in Aussicht. Allein bei dieser Vorstellung stecke ich schon mitten im Psychothriller – ohne die Notwendigkeit eines verrückten Täters, der irgendwoher um die Ecke kommt, um die Leute reihenweise zum Schweigen zu bringen. Ich bin kein Fan von selbst verordnetem Internetverzicht und das Digital Detox, um das es hier gehen soll, halte ich für esoterischen Unsinn.

Doch im Fall des vorliegenden Buchs ist der Offline-Status erst der Anfang des Psychrodramas. Eine Gruppe von Leuten will aus freien Stücken (bzw. teils auch auf Anordnung des Arbeitgebers) dem digitalen Stress entsagen. Damit sie nicht erreichbar sind, ziehen sie sich in ein leerstehendes Bergsteigerhotel zurück, das auf zweitausend Metern Höhe auf dem Watzmann in den Berchtesgadener Alpen steht. Und wie es der Zufall will, fängt es justament nach Ankunft so zu schneien an, dass an eine vorzeitige Abreise nicht zu denken ist. Ohne Handys und ohne Netz gibt es keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Zumal auch das einzige Kommunikationsmittel – ein Funkgerät, mit dem man die Bergwacht hätte rufen können – dem Irren zum Opfer fällt.

Wie bereits absehbar ist, sind mehrere klassische Versatzstücke in diese Geschichte eingeflossen: „«Digital Detox» kann fatal enden“ weiterlesen

Ada steht voll auf freie Software

«Ada & Zangemann» von Matthias Kirschner und Sandra Brandstätter ist ein Kinderbuch, das sich für freie Software und für einen selbstbestimmten Umgang mit vernetzten Geräten einsetzt.

Matthias Kirschner ist Präsident der FSFE, der Free Software Foundation Europe. Das ist die Schwester der FSF, einer US-amerikanischen Organisation, die sich der Förderung der freien Software verschrieben hat. Gegründet wurde sie 1985 von Richard Stallman, der wohl schillerndsten Figur aus dieser Szene. Mit Matthias Kirschner habe ich 2015, anlässlich des 30. Geburtstags der Bewegung, ein Interview mit ihm geführt.

Neuerdings ist Matthias Kirschner auch Autor eines Kinderbuchs. Es heisst Ada & Zangemann, wurde von Sandra Brandstätter illustriert und ist bei O’Reilly erschienen und für 16,90 Euro auch bei Amazon erhältlich.

Die Geschichte dreht sich um ein Mädchen mit dem schönen Namen Ada, der natürlich eine Verbeugung vor Ada Lovelace, die als erste Programmierin der Welt gelten darf und die auch in einem anderen empfehlenswerten Kinderbuch vorkommt: „Ada steht voll auf freie Software“ weiterlesen

Drei fulminante Abenteuer für Junge und Junggebliebene

«Das ferne Leuchten», «Perfect Copy» und «Die seltene Gabe»: Drei Geschichten von Andreas Eschbach, die es neu als Hörbücher gibt und die zu entdecken sich allemal lohnt.

Mir sind Autoren sympathisch, die ihren Lesestoff nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche anfertigen. Das zeugt von Selbstvertrauen und erzählerischem Talent. Denn während man Erwachsenen auch eine halbgare Geschichte schmackhaft machen kann, indem man sie mit intellektuellem Firlefanz garniert, muss man dem Nachwuchs eine glaubhafte Geschichte präsentieren – und Figuren, mit denen er sich identifizieren kann.

Zwei Schreibtischtäter, die das beide gut beherrschen, sind J.K. Rowling, aber auch für Andreas Eschbach. Heute geht es um Letzteren (denn das neue Buch Gliss – Tödliche Weite habe ich schon vor ein paar Tagen besprochen). Von ihm sind eine Reihe Bücher neu in Hörbuchform herausgekommen – auch ältere Werke, die erst in der letzten Zeit eingelesen wurden. „Drei fulminante Abenteuer für Junge und Junggebliebene“ weiterlesen

Der Weltuntergang ist kein Kindergeburtstag

So eindringlich wie bei Adrian J. Walker geht die Welt nur selten unter: «The End of the World Running Club» ist ein packendes Untergangsszenario, das man hervorragend auch beim Joggen hören kann.

Apokalypse auf die Zwölf.

In letzter Zeit ging es hier immer mal wieder um apokalyptische Geschichten: der Crash des Internets in Systemfehler von Wolf Harlander, ein Ausfall der Strom­ver­sor­gung bei Marc Elsbergs «Blackout» und schliesslich das Ende der Zivilisation, ausgelöst durch einen Hack des Mobilfunknetzes, wie es Stephen King in «Cell» beschreibt.

Alle diese Geschichten sind spannend, doch keine hat so richtig auf die Zwölf gezielt. Will sagen: Bei den ersten beiden gibt es ein Happy-End und die Zivilisation wird am Ende wiederhergestellt. Beim dritten Buch ist es zwar aus mit der Hochkultur, aber weil die Ursache für diesen Untergang sehr an den Haaren herbeigezerrt ist, fühlt man sich als Leserin wenig betroffen.

Das ist ganz anders beim Buch, um das es jetzt geht: „Der Weltuntergang ist kein Kindergeburtstag“ weiterlesen

Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet

«Gliss» ist eine poetisches Sciencefiction-Geschichte, die bezaubert und belehrt. Und wer das für einen Widerspruch hält, der kennt Andreas Eschbach schlecht, weil der solide mit einem Fuss in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Fabulierkunst steht.

Andreas Eschbach ist ein Phänomen: Er gehört zu den fleissigen Buchautoren, was allein zwar bemerkenswert, aber nicht aussergewöhnlich ist. Einer der produktivsten Autoren überhaupt kommt in diesem Blog hier auch immer mal wieder vor.

Es ist Stephen King, der hier sogar die Rangliste anführt – noch vor Isaac Asimov, Kathleen Mary Lindsay und Jozef Ignacy Kraszewski. King schreibe um die 2000 Wörter pro Tag, lässt uns dieser Beitrag wissen – was auch ungefähr meinem Output entspricht, der aber, zugegeben, weniger umsatzträchtig ist.

Aber zurück zu Eschbach: Was ihn zum Phänomen macht, ist der Umstand, dass er keine Flops produziert. Das unterscheidet ihn wiederum von den meisten: „Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet“ weiterlesen

Es geht noch schlimmer als Facebook und Google

Marc Elsberg malt sich in «Zero» aus, wie es wäre, wenn wir uns nicht nur in den sozialen Medien von Algorithmen würden bevormunden lassen, sondern auch bei all unseren Handlungen im Alltag. Und klar, das führt zu Mord und Manipulation.

Nach Blackout, Helix und Der Fall des Präsidenten komme ich nicht umhin, noch ein Buch von Marc Elsberg zu besprechen.

Sie wissen nicht nur, was du tust, sondern auch, was du vorhast.

Denn Zero be­schäf­tigt sich auf erdich­tete Weise mit Themen, die ich hier im Blog die ganze Zeit non-fik­tional behand­le: Im Zentrum stehen die grosse Daten­samme­lei im Netz, die daraus resultie­renden Manipu­lations­möglich­keiten durch die Tech-Konzerne, der Verlust der Privatsphäre – und nicht zuletzt kriegen die Medien eins auf den Deckel, weil sie in Zeiten von Livestreaming und Clickbaiting ihre journalistische Verantwortung nicht wahrnehmen.

Das Buch stammt von 2014, und das merkt man ihm deutlich an. Es ist geprägt von den Themen, die damals in der digitalen Welt ganz gross waren: Die Protagonisten sehen die Welt nur durch ihre Datenbrillen, streamen konstant live, verwenden Hashtags, als ob es kein Morgen gäbe und geben die allerpersönlichsten Daten preis, wenn dafür bloss ihr virtueller Wert bei der Internetplattform «Freemee» steigt.

Die Einflüsse sind deutlich zu erkennen: „Es geht noch schlimmer als Facebook und Google“ weiterlesen