So ganz ist Audible J.K. Rowling nicht gewachsen

«The Ink Black Heart» ist der neueste Fall von Cormoran Strike und Robin Ellacott, der sich span­nend und authen­tisch mit dem Cyber­mob­bing aus­ei­nander­setzt. Die Geschich­te ist gelungen, doch die Hörbuch-Um­setzung wirft Fragen auf.

Es gibt ein Leben nach Harry Potter, wie J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith beweist. Unter dem erscheint seit 2013 ihre Krimi-Serie mit dem Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin Ellacott. Ich habe hier und hier zwei Bücher aus der inzwischen sechsteiligen Reihe besprochen und komme nicht umhin, dem neuesten Streich einen – ja, ich weiss, leider viel zu langen – Blogpost zu widmen.

Das tintenschwarze Herz – es schlägt auch in Internet-Nutzern.

In diesem neuesten Fall geht es um eine Mordermittlung, in zu einem grossen Teil in den sozialen Medien stattfinden. Cormoran und Robin sind mit der Aufgabe konfrontiert, in einem verwirrenden Panoptikum aus Twitter-Pseudonymen, anonymen Mitspielern in einem Videogame und realen Akteuren die richtigen Zuordnungen zu machen. Wie man sich vorstellen kann, gibt es in dieser Sphäre unendlich viel Raum für Missverständnisse und Irrtümer.

Das Buch heisst The Ink Black Heart bzw. Das tiefschwarze Herz. Es hat (in Deutsch) geschlagene 1360 Seiten und ist als englisches Hörbuch satte 32 Stunden und 43 Minuten lang. Und nein, das ist nicht das Thema: „So ganz ist Audible J.K. Rowling nicht gewachsen“ weiterlesen

Ein Kuckucksei von Andreas Eschbach

«Frei­heits­geld» beginnt als traum­hafte Utopie: Im Jahr 2063 leben wir alle ohne finan­ziel­le Sor­gen in einer wohl­geord­neten Zukunft. Am Ende ent­puppt sich die Ges­chich­te als de­sillu­sionier­te Absage an die Gegen­wart.

George Orwell lässt grüssen.

Andreas Eschbach hat sich dem bedingungslosen Grundeinkommen angenommen und daraus eine Geschichte gestrickt, die sich wie eine Utopie anlässt: In seinem neuen Buch Freiheitsgeld taucht die Leserin und der Leser in eine Geschichte ein, die im August 2063 beginnt.

Manche der Lebensumstände, wie sie Eschbach en passant schildert, wirken ungewohnt. Da ist die Tatsache, dass Gated Communities inzwischen auch hierzulande eine normale Einrichtung sind – denn diese abgeschotteten Wohneinheiten wollen nicht zum europäischen Selbstverständnis des für alle zugänglichen öffentlichen Raums passen.

Doch auch wenn dieses Detail irritiert, so konnte ich mir ausgezeichnet vorstellen, in dieser Eschbachschen Zukunft zu leben. Denn wie man wiederum nebenbei erfährt, ist die Klimaerwärmung ein weitgehend gelöstes Problem. Nicht nur das: Drogen wurden legalisiert. Und vor allem:  „Ein Kuckucksei von Andreas Eschbach“ weiterlesen

Romantik über vier Paralleluniversen hinweg

«A Thousand Pieces of You» von Claudia Gray beweist, dass junge Frauen hervor­ragende Science-Fiction-Heldinnen abge­ben und dass das Multi­versum sich gut als Schau­platz für Liebes­ge­schichten eignet.

Ich liebe Bücher, die den linearen Zeitablauf durcheinanderbringen oder aber in Parallelwelten abtauchen. Darum sind Zeitreisen und das Multiversum beides Lieblingsthemen dieses Blogs.

Es ist in letzter Zeit jedoch still um diese beiden Themen geworden. Das liegt an zwei fundamentalen Problemen: Erstens setzen solche Geschichten abstrakte Gedankenakrobatik voraus. Sie neigen dazu, eine überaus komplexe Handlung zu erzählen. Das macht es für den Autor schwierig, die intellektuellen und emotionalen Bedürfnisse der Leserin beiderlei in gleichem Mass zu befriedigen.

Zweitens gibt es nur eine beschränkte Plots, die sich erzählen lassen: „Romantik über vier Paralleluniversen hinweg“ weiterlesen

Wie wir unsere Kinder elegant loswerden könnten

«Unwind» von Neal Shusterman ist das gross­artigste Buch, das ich seit Langem gelesen habe. Fast wäre es nicht dazu gekom­men, weil ich Vorbehalte hatte, mich auf diese Geschichte über­haupt ein­zulas­sen.

Es ist das beste Buch, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe. Und fast hätte ich einen Bogen darum gemacht. Der Klappentext hat zwar Interesse befeuert, aber gleichzeitig Misstrauen geweckt. Wie kommt ein Autor dazu, sich so eine Geschichte auszudenken?

Also, der Klappentext lautet wie folgt:

Nach dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg haben sich die Pro-Choice- und die Pro-Life-Armee geeinigt. Nach ihrer «Bill of Life» darf menschliches Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zum Alter von dreizehn Jahren nicht beendet werden. Aber zwischen dem dreizehnten und dem achtzehnten Lebensjahr kann das Kind von seinen Eltern durch einen Prozess, der «Unwind» genannt wird, beseitigt werden.

Ja, natürlich: Sciencefiction-Autoren haben die Aufgabe, sich in menschliche Untiefen vorzuwagen und sich vorzustellen, wohin technische oder auch gesellschaftliche Entwicklungen in letzter Konsequenz führen werden. Aber sich auszumalen, dass Abtreibung erst einmal verboten, gleichzeitig aber nachträglich erlaubt wird, ist ein starkes Stück. „Wie wir unsere Kinder elegant loswerden könnten“ weiterlesen

Land of the free, my ass

«The F*ck-it List» von John Niven beschreibt den Zustand des Trump-Amerikas auf tref­fende und nieders­chmet­ternde Weise. Aber noch besteht Hoffnung – noch ist Ivanka nicht die Präsi­dentin der USA.

Unverständnis und Konsterniertheit: Das sind die Gefühle, die in mir wachsen, wenn ich die Geschehnisse in den USA verfolge. Land of the free, my ass! Was dort passiert, ist zwar global gesehen nicht einzigartig, aber es trifft Leute wie mich besonders, weil die Vereinigten Staaten in vielem ein Vorbild und Vorreiter sind. Das lässt einen befürchten, dass viele der politischen Auswüchse auch zu uns herüberwuchern werden. Die reaktionäre Gegenbewegung wird hierzulande viele der gesellschaftlichen Errungenschaften zunichtemachen; Anzeichen dafür sehen wir bereits.

Das Buch, das dieses Gefühl exakt auf den Punkt bringt, stammt nicht von einem Amerikaner, sondern von einem Schotten: „Land of the free, my ass“ weiterlesen

Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird

Wer Krimis und Thriller nicht ver­schmäht, sollte darauf achten, dass die Mörder, die Plots und die Detek­tive den Buch­preis auch wert sind. Zwei Tipps, bei denen das der Fall ist: «Todes­frist» und «Todes­urteil» von Andreas Gruber.

Krimis, Thriller und anverwandte Genres werden nicht nur von Nerds, sondern quer durch die Bevölkerung gelesen.

Um hier trotzdem eine Rechtfertigung zu haben, in meiner Nerdliteratur-Rubrik zwei Bücher aus diesem Bereich ins Spiel zu bringen, stelle ich die (gewagte?) These auf, dass Nerds dem Nervenkitzen nicht abgeneigt sind, aber hohe Ansprüche an ihn stellen. Ein unausgegorener Plot, eine nicht stringente Erzählung und Nerds sind raus. Narrative Taschenspielertricks lassen wir bei den Fantasy-Storys gelten, aber nicht bei Werken, die von sich behaupten, in unserer Welt angesiedelt zu sein. Wenn ein Autor uns weismachen will, dass sich seine Geschichte so zugetragen haben könnte, wie er sie uns zum Besten gibt, dann muss sie realitätsnah erzählt und glaubwürdig konstruiert sein.

Das macht dieses Genre viel anspruchsvoller, als man auf den ersten Blick glauben könnte: „Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird“ weiterlesen

«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher

Im Buch von Brandon Q. Morris, der bürgerlich Matthias Matting heisst und Physiker ist, droht dem Sonnen­system ein abrup­tes Ende. Die Mensch­heit nimmt das un­fass­bar gelassen – was über Gebühr nerven­schonend ist.

Ich habe versucht herauszufinden, wie sich die Coronapandemie auf den Büchermarkt ausgewirkt hat. Im Beitrag The Pandemic Is Changing Book-Buying Patterns von «Publishers weekly» gibt es einige Informationen dazu: Natürlich habe die Leute Bücher zu Seuchen gekauft (schliesslich stand sogar auf Facebook, was man aus Die Liebe in den Zeiten der Cholera) alles lernen kann. Die Zahlen widerspiegeln, dass die Leute ihre Freizeit radikal umgestaltet haben (ein Plus von 42 Prozent in der Kategorie «Spiele und Aktivitäten») und der Anstieg von zehn Prozent bei der Belletristik deutet auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Realitätsflucht hin.

Das ist interessant, aber nicht so tiefgründig, wie ich es gern hätte. Mich würde interessieren, welche Verschiebungen es bei den Genres gab. Haben die Leute mehr Wohlfühl-Bücher und utopische Werke gelesen, die sie von einer besseren Zukunft träumen lassen? Sind sie in Fantasy-Welten abgetaucht, die nichts mit dieser Realität hier zu tun haben? Oder kam «die gute alte Zeit» in Form von historischen Schinken zum Zug? „«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher“ weiterlesen

Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie

Xavier Kieffer ist Koch und Wirt und der Held der Kulinarik-Krimireihe von Tom Hillenbrand. Und auch wenn er auf den ersten Blick nur einen geringen Nerdfaktor hat, kommt man auf den zweiten auch als Tech-Freak voll auf die Rechnung.

Tom Hillenbrand ist ein Autor, der zwei Interessengebiete hat, die man nicht unbedingt in einer Person vermuten würde. Einerseits findet er futuristische Erfindungen spannend, Drohnen und Big Data, Bitcoins und die Singularität mit der Digitalisierung des menschlichen Geistes.

Andererseits hat er eine Leidenschaft, was die Küche der Gegenwart betrifft – vorwiegend, aber nicht nur, die französische und luxemburgische. Denn nebst den Sciencefiction-Romanen gibt es von Tom Hillenbrand auch eine Reihe, in der der Luxemburger Koch und Wirt Xavier Kieffer unvermittelt zum Detektiv wird.

Das könnte man für exzentrisch halten – oder zumindest für ein Problem bei der Positionierung im Lesermarkt. Sollte nun ein Fan von Xavier Kieffer zufälligerweise «Hologrammatica» lesen, könnte das für Irritation sorgen – und umgekehrt natürlich genauso. Ich könnte mir vorstellen, dass es im Verlag deswegen gewisse Diskussionen gab. Oder vielleicht auch nicht: „Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie“ weiterlesen

Der Tatort steckt im Cyberspace

«Drohnenland» von Tom Hillenbrand ist ein Kriminal­roman, in dem die Kommissare dank Tota­lüber­wachung ein leichtes Spiel haben. Was wie eine Dysto­pie klingt, liest sich span­nend und macht (mir) Lust auf eine Zukunft mit smarten Luft­fahr­zeugen und einer vir­tuel­len Parallel-Welt.

Tom Hillenbrand entwickelt sich langsam aber sicher zu einem meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren. «Hologrammatica» fand ich toll (Identität ist dort, wo man sich gerade hochgeladen hat), den Nachfolger Qube gut, aber dem ersten Teil nicht ganz ebenbürtig. Doch das ist häufig so – ich rechne in dieser Serie mit einem grossartigen Teil drei. Aber kein Druck, Tom. 😉

Obama hätte seine wahre Freude.

Neulich habe ich mit grossem Vergnügen ein Buch von Hillenbrand gelesen, das nicht im gleichen Erzählraum spielt, aber denselben futuristischen Hauch verströmt. Es heisst Drohnenland, stammt von 2014, ist damit älter als «Hologrammatica» (2018): Es spielt in einer zukünftigen Europäischen Union, in der die Briten noch nicht ausgetreten sind, aber gerade dabei sind, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Die Klimaerwärmung hat ihre Spuren hinterlassen, indem sie die Niederlande unter Wasser gesetzt und Portugal zu grossem Reichtum verholfen hat. Wie genau, wissen wir nicht. Aber es ist naheliegend, dass der Aufstieg etwas mit erneuerbaren Energien zu tun hat.

Die Menschheit hat die Chancen genutzt, die sich durch den technischen Fortschritt ergeben haben. Virtuelle Brillen, die sogenannten Specs, haben das Smartphone abgelöst. Drohnen sind zum Alltagsgegenstand geworden:  „Der Tatort steckt im Cyberspace“ weiterlesen

«Digital Detox» kann fatal enden

Ist es nötig, dass der moderne, von seinen Kom­muni­ka­tion­smitteln gepie­sackte Mensch sich zur Selbst­rei­ni­gung in die digitale Aske­se begibt? Ich teile Arno Strobels Ansicht, der in seinem Thriller «Offline» Offliner mit dem Tod be­straft.

Wenn schon, dann würde man das als E-Book lesen wollen.

Bei dem Titel konnte ich nicht widerstehen: Offline – Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle, heisst das Werk, das im Genre des Psychothrillers angesiedelt ist.

«Fünf Tage ohne Internet» stellt der Klappentext in Aussicht. Allein bei dieser Vorstellung stecke ich schon mitten im Psychothriller – ohne die Notwendigkeit eines verrückten Täters, der irgendwoher um die Ecke kommt, um die Leute reihenweise zum Schweigen zu bringen. Ich bin kein Fan von selbst verordnetem Internetverzicht und das Digital Detox, um das es hier gehen soll, halte ich für esoterischen Unsinn.

Doch im Fall des vorliegenden Buchs ist der Offline-Status erst der Anfang des Psychrodramas. Eine Gruppe von Leuten will aus freien Stücken (bzw. teils auch auf Anordnung des Arbeitgebers) dem digitalen Stress entsagen. Damit sie nicht erreichbar sind, ziehen sie sich in ein leerstehendes Bergsteigerhotel zurück, das auf zweitausend Metern Höhe auf dem Watzmann in den Berchtesgadener Alpen steht. Und wie es der Zufall will, fängt es justament nach Ankunft so zu schneien an, dass an eine vorzeitige Abreise nicht zu denken ist. Ohne Handys und ohne Netz gibt es keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Zumal auch das einzige Kommunikationsmittel – ein Funkgerät, mit dem man die Bergwacht hätte rufen können – dem Irren zum Opfer fällt.

Wie bereits absehbar ist, sind mehrere klassische Versatzstücke in diese Geschichte eingeflossen: „«Digital Detox» kann fatal enden“ weiterlesen