Aus den aufregenden Anfängen der Digitalfotografie

Auch wenn man es sich als Smartphone-Besitzerin kaum mehr vor­stellen kann: Die ersten Digital­ka­meras boten keine Mega-, sondern bloss Kilo­pixel-Auf­lösung, hatten Kapa­zität für wenige Dutzend Fotos und kos­teten ein kleines Vermö­gen.

Der technische Wandel findet in einem Tempo statt, dass selbst Nerds und Tech-Freaks sich mitunter überfordert fühlen. Mir geht es jedenfalls so: Mit manchen Neuerungen tue ich mich schwer. Zum Beispiel im Bereich der Fotografie, wo ich Systemkameras erst abgelehnt habe, um mich später langsam mit ihnen anzufreunden und doch wieder mit ihnen zu hadern.

Ich verzeihe mir das – und allen, denen es ähnlich geht. Die Fotografie ist ein hervorragendes Feld, um darzulegen, wie viel den Profis und den Amateuren in den letzten 25 Jahren abverlangt worden ist. Das zeigt sich deutlich anhand der Gerätetests aus der Anfangszeit der Digitalisierung.

1997 ging es mit der Digitalfotografie so richtig los. Ich habe diverse Modelle getestet. Am 1. Mai die Fujifilm DS-7:

Die Kamera für Geheimagenten und Web-Autoren

Dieses Modell machte Bilder in der Auflösung von 640 auf 480 Pixeln. Die Speicherkarte fasste dreissig Bilder, d.h. noch weniger als ein herkömmlicher Rollfilm. Die Batterien hielten nicht lange und für um die 1000 Franken erhielt man eine Bildqualität, die man höchstens dem Web zumuten wollte. Denn damals hatte man dort keine hohen Ansprüche – jedes Bild war ein Fortschritt in einem Medium, das vor allem Text und einige animierte GIFs zu bieten hatte.

Als man Pixel noch in Kilos wog

Mehr hatte die Camedia C-800 L von Olympus zu bieten, wie der Beitrag vom 1. Juni 1997 zeigt:

Tauglich für den Profi-Einsatz?

Die hatte eine Auflösung von 1024 auf 768 Pixeln, aber auch bloss eine Speicherkapazität von dreissig Bildern. 1898 Franken bezahlte man für diesen Spass, hatte sich aber, wie damals üblich, mit dem eingebauten Objektiv abzufinden, das mich nicht befriedigt hat.

Die Olympus Camedia C-800 L war kein Vorbild an Benutzerfreundlichkeit.

Im Dezember kamen die Olympus C-1000L und Agfa ePhoto 1280 an die Reihe:

Die Fotos werden besser, die Gehäuse futuristisch

Die ePhoto 1280 hatte ein klobiges, drehbares Objektiv und sah nicht wie eine klassische Kamera aus. Wir erinnern uns: In der Anfangszeit haben die Hersteller mit futuristischen Designs experimentiert, die Fotografieren in ganz neuen Posen ermöglicht haben: etwa aus der Hüfte oder von oben herab.

Ein Hauch von Sciencefiction: Bei dieser Kamera konnte man das Objektiv und das Display gegeneinander verdrehen.

Die Experimentierphase war schnell vorbei

Wie wir heute wissen, hat die Kundschaft das nicht goutiert. Kameras mussten auch in digitaler Form aussehen, wie man sich das gewohnt war. Darum haben wir heute zwar ausklappbare und drehbare Displays, die das Fotografieren aus ungewöhnlichen Positionen vereinfachen, aber fix verbaute Objektive.

Ich nehme an, dass das nicht nur für die Fotografinnen und Fotografen vertrauter war, sondern auch weniger anspruchsvoll und fehleranfällig beim Gerätedesign. Darum ist die Nikon Coolpix 995, die meine erste Digitalkamera war, aus heutiger Sicht eine Anomalität. Ein Bild mit der Kamera habe ich nicht mehr – von der Kamera aber natürlich schon. Das Beitragsbild stammt aus der Nikon Coolpix 995; der Artikel, um den es im Aushang geht, findet sich hier.

Die digitalen Kompaktkameras sahen jedenfalls bald aus wie vorher die analogen, und bei den digitalen Spiegelreflexkameras (DSLRs) war die Form konstruktionsbedingt so, wie wir uns das schon immer gewohnt waren. Die erste DSLR habe ich im Februar 1998 getestet; die Minolta RD-175:

Der Eisbrecher im Profi-Bereich?

Leider ist dieses Modell im Artikel nicht mit einem Preisschild versehen. Auch die Angabe der Auflösung fehlt. Andernorts habe ich aber einen Preis von 10’000 Franken und eine Auflösung von 1,75 Megapixeln vorgefunden. Bemerkenswert aber der Umstand, dass man seine Bilder via SCSI von der Kamera auf den Computer übertragen konnte/musste.

Sieht aus wie eine richtige Spiegelreflexkamera, auch wenn sie reichlich aufgedunsen wirkt: die Minolta-RD 175. (Bild: Jamo Spingal, CC BY SA 3.0)

Profis mussten tief in die Tasche greifen

Das Fazit damals im Jahr 1997 war, dass der Boom noch bevorsteht:

Der Digital-Boom steht noch bevor

Es gab eine riesige Preisspanne von 300 bis 90’000 Franken und wer professionell arbeiten wollte, kam nicht unter 5000 Franken weg.

Heute haben wir den Boom hinter uns. Die Digitalkamera ist für die allermeisten Nutzer ein Instrument, das sie gratis zum Smartphone dazubekommen. Und ja, die Smartphones liefern heute eine Qualität, die besser ist, was es im Amateurbereich zuvor jemals gegeben hat – gleichgültig, ob digital oder analog. Das ist bemerkenswert. Aber auch ein Grund, nostalgisch oder sogar ein wenig sentimental zu werden…

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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