Eine tolle Kamera mit einem dicken Ja, aber

Die Z5 in einem ersten Augenschein. Ich an Nikons jüngster Vollformat-Systemkameras einiges zu loben – doch aus einem ganz bestimmten Grund kann ich sie trotzdem nicht zum Kauf empfehlen.

Ich hatte letzte Woche die Gelegenheit, die Z5 (Amazon Affiliate) von Nikon zu testen. Es handelt sich um Nikons Einstiegsmodell in die Klasse der spiegellosen Vollformatkameras. Die beiden grösseren Geschwister sind die Z6 und die Z7. Es gibt mit der Z50 auch eine Variante mit APS-C-Sensor.

Die Z6 konnte ich seinerzeit ausführlich testen. Ich habe hier im Blog ein paar Details besprochen und sie beim Tagi kurz in unseren Gadget-Empfehlungen (🔒💰) erwähnt.

Die Z6 hat mir damals sehr gut gefallen. Darum stellt sich sogleich die Frage, ob das auch bei der Z5 der Fall ist – oder ob man Abstriche machen muss, die schmerzhaft oder sogar inakzeptabel sind. Und das sind die sechs Unterschiede zwischen den beiden Modellen, die mir relevant erscheinen:

Der Sensor. Er wird bei der Z5 nicht rückwärtig belichtet wie bei der Z6. Die Back Side Illumination (BSI) führt zu einer etwas grösseren Lichtempfindlichkeit. Wie stark das ins Gewicht fällt, konnte ich in Ermangelung der Z6 nicht direkt vergleichen. Ich habe die Z5 jedoch bei schlechtem Licht ausprobiert, und sie hat mich nicht enttäuscht.

Die Auflösung des Hauptdisplays. Der grosse Bildschirm auf der Hinterseite hat bei der z5 1,04 Millionen Bildpunkte, bei der Z6 2,1 Millionen.

Das Zweitdisplay. Die Z6 hat auf der oberen Seite eine Anzeige für die Belichtungseinstellungen. Das fehlt bei der Z5.

Die Serienbildgeschwindigkeit. Bei der Z6 sind es zwölf Aufnahmen pro Sekunde, bei der Z5 nur 4,5.

Video. Die Z6 verwendet den ganzen Sensor für Videoaufnahmen in 4k-Auflösung. Die Z5 beschneidet das Bild mit Faktor 1,7. Das  hat wohl mit der Auslesegeschwindigkeit des Sensors zu tun. In Full-HD nimmt die Z5 mit bis zu 60 fps auf; die Z7 schafft doppelt so viel.

Die Speicherkarten. Die Z6 speichert auf XQD und CFexpress, die Z5 auf zwei normale SD-Karten.

Wie man diese Einschränkungen gewichten würde, hängt von den persönlichen Vorlieben und Nutzungsgewohnheiten ab. Für mich ist keiner der Unterschiede ein wirkliches KO-Kriterium; die Speicherkarten sind sogar eher ein Plus. Es gibt aber eine Ausnahme: Der Crop beim Filmen in 4k.

Dieser Bildbeschnitt beeinträchtigt die Möglichkeiten der Bildgestaltung stark und ist im Grunde eine Disqualifikation in dies

Das Problem ist, dass es für mich schwer abzuschätzen ist, ob 4k für mich ein Thema werden wird. Die D7000 verwende ich ab und zu für meine Patentrezept-Videos. Die drehe ich in Full-HD, denn für Videos, die vor allem im Browser und am Handy angeschaut werden, reicht das völlig. Allerdings habe ich die D7000 nun bald ein Jahrzehnt im Einsatz. Es ist daher möglich, dass ich bis 2030 um 4k nicht werde herumkommen – und darum würde ich mir diese Option schon offen halten wollen.

Es gibt eine zweite Sichtweise auf diese Frage; die ich zum Beispiel im Beitrag Warum aktuell niemand die Nikon Z5 kaufen sollte eingenommen wird. Die Argumentation ist, dass auch die Z5 als Einstiegskamera nicht gerade preisgünstig ist. Man berappt für das Kit-Bundle mit 24-50-mm-Objektiv gemäss offizieller Preisempfehlung solide 2199 Franken. Da die Kamera brandneu ist, kann man vorerst mit wenig Rabatt rechnen. (Bei Digitec habe ich sie für 2000 Franken gesehen.)

Die Z6 ist schon zwei Jahren auf dem Markt und wird deutlich günstiger angeboten. Bei Microspot beispielsweise mit Kit-Objektiv und dem FTZ-Bajonettadapter für klassische Objektive mit F-Bajonett für 2000 Franken.

Und damit ist der Fall klar: Wer jetzt die Z5 kauft, ist selbst schuld. Bevor die nicht deutlich günstiger wird, sollte man auf alle Fälle die Z6 erwerben – man bekommt fürs gleiche Geld relevant mehr Leistung.

Also, an dieser Stelle noch ein paar Eindrücke zur Z5.

Und ja, ich habe gern mit ihr fotografiert: Sie ist schnell, leise und beim Fokussieren viel flexibler als meine D7000 mit ihren vergleichsweise sehr wenigen Fokuspunkten. Sie erkennt zuverlässig die Augen des Sujets und stellt darauf scharf. Und mit dem Touch-Bildschirm ist es überaus einfach, den Autofukus auf einen anderen Punkt zu lenken: Man tippt auf die gewünschte Stelle, die Kamera stellt scharf und löst sogleich aus.

Die Remette, fotografiert mit der Z5.

Das macht Spass. Mit dem optischen Sucher bin ich dieses Mal weniger gut zurechtgekommen als bei meinem Test der Z6. Ich mag den optischen Sucher; wie 2014 beklagt, geht mit dem Display die Lässigkeit verloren (🔒💰). Doch bei der Z6 habe ich so viel Gefallen am digitalen Sucher gefunden, dass ich geschrieben habe, ich würde mich so langsam mit den Systemkameras anfreunden.

Doch wie sich zeigt, hängt das von der Art und Weise ab, wie man die Kamera nutzt. Während einer intensiven Fotosession ist die Kamera durchgehend in Betrieb und somit ständig in Bereitschaft. Bei Spaziergängen und Stadtwanderungen trägt man eine ausgeschaltete Kamera mit sich herum. Bei der Spiegelreflexkamera kann man trotzdem jederzeit durch den optischen Sucher blicken. Möchte man ein Foto machen, schaltet man mit dem Zeigefinger ein und drückt ab.

Bei der Systemkamera schaut man hingegen in ein schwarzes Loch. Man muss erst einschalten, um zu sehen, ob man ein fotowürdiges Motiv vor der Nase hat. Und dann blickt man zuerst auf die folgende Anweisung:

Diese Aufforderung sehe ich die ganze Zeit: «Fahren Sie zum Fotografieren das Objektiv aus, indem Sie den Zoomring drehen.»

 

Einschalten, am Zoomring drehen – und das Objektiv wieder zurückdrehen und ausschalten, falls es nichts zu knipsen gibt. Das habe ich bei meinen Spaziergängen als zunehmend lästig empfunden.

Und ja, ich weiss: Viele Fotografen schalten ihre Kamera nicht aus, wenn sie unterwegs sind. Vermutlich drehen die meisten erfahrenen Systemkamera-Nutzer auch nicht ständig das Objektiv in die Parkposition. Wahrscheinlich ist es meiner altersbedingten Unflexibilität zuzuschreiben, dass ich es bis jetzt nicht geschafft habe, mich umzugewöhnen – obwohl ich es nach Kräften probiert habe.

Allerdings: Selbst wenn das Objektiv nicht parkiert ist und die Kamera läuft, muss man sie aufwecken, bevor man am Display oder am digitalen Sucher etwas sieht. Ich mache das, indem ich den Auslöseknopf antippe. Allerdings passiert es mir in drei Vierteln aller Fälle, dass ich auch gleich auslöse.

Die Folge: Ich habe am Abend ganz viele Bilder auf der Karte, die beim Aufwecken der Kamera entstanden sind. Es ist denkbar, dass eines davon irgendwann einmal ein genialer Schnappschuss sein wird. Aber bis jetzt habe ich diese Fotos allesamt als komplett nutzlos wieder gelöscht.

Noch ein Skateboarder, mit der Z5 eingefangen. Beide Beispielbilder sind unbearbeitet.

Man kann die Kamera auch über andere Knöpfe aufwecken, zum Beispiel über die Taste mit der Belichtungskorrektur, die ziemlich nah am Auslöser dran ist. Aber für mich ungewohnt. Ich fände es auf alle Fälle sinnvoll, wenn der Augensensor am optischen Sucher, der für die automatische Display-Umschaltung zuständig ist, die Kamera wecken würde, wenn man sie ans Auge führt.

Fazit: Eigentlich würde ich wegen der kleineren Abmessung und des geringeren Gewichts gern auf eine Systemkamera umsteigen. Aber so ganz kompatibel mit meinen fotografischen Gewohnheiten ist diese Kamerakategorie nicht.

Aber dessen ungeachtet: Würde ich die Z5 selbst kaufen? Die Antwort auf diese Frage ist kurz – nämlich Nein. Die Begründung ist allerdings ausführlich ausgefallen. Es gibt sie im Blogpost Das ist die Kamera, die ich heute nicht gekauft habe zu lesen. (Der Link funktioniert ab Morgen Dienstag.)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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