Einmal im falschen Flugzeug geflogen und schon gibt es dich zweimal

In einer Zeit, wo sich alles digital reproduzieren lässt, fragt sich, wie viel Einzigartigkeit noch wert ist. Hervé Le Tellier schmettert uns in seinem abgefahrenen Science-Fiction-Spektakel «Die Anomalie» ein fulminantes «Nichts!» entgegen.

Der folgende Buchtipp stammt aus diesem Podcast hier, und sei hiermit aufs Herzlichste verdankt. Einmal mehr lerne ich, dass echte Menschen viel bessere Empfehlungen machen als die Algorithmen von Amazon und Co. Die taugen, wie schon früher festgestellt, nichts.

Es geht um Die Anomalie, eine Geschichte von Hervé Le Tellier, die man sich unter dem Titel L’anomalie auch im französischen Original zu Gemüte führen könnte. Ich habe das nicht getan; was mutmasslich eine gute Entscheidung war. Denn Le Tellier verwendet eine dichte, bildhafte und manchmal poetische Sprache, und er versteigt sich ab und zu in philosophische Untiefen, sodass meine französischen Fähigkeiten ohne Zweifel aufs Gröbste überstrapaziert worden wären.

Es handelt sich um eine fulminante Geschichte, die vom Verlag als «brillante Mischung aus Thriller, Komödie und grosser Literatur» beschrieben wird.

Das würde ich nur halb gelten lassen: Denn ein Thriller im engeren Sinn ist das Buch nicht, weil er in Episoden erzählt, die sich um die diversen Figuren ranken, die zufällig ein gemeinsames Schicksal teilen.

Der Einzigartigkeit beraubt

Nach dem Flug durch den Cumulonimbus ist nichts mehr wie vorher.

Le Tellier erzählt weniger einen fulminanten Plot – die eigentliche Handlung lässt sich in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen –, sondern bringt uns den Figuren nahe, die unerwartet und unverschuldet ihrer Einzigartigkeit beraubt werden. Das mündet in eine Art Meditation über die menschliche Individualität, die mithilfe des Mittels der Sciencefiction betrieben wird. Lesen sollte man das Buch somit nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Freude an der Einsicht in die Psyche des Menschen und wegen der gelungenen Erzählweise.

Le Tellier münzt nämlich den Droste-Effekt (siehe Die App für Knoten im Hirn) in eine literarische Form um, indem der Autor Victor innerhalb der Geschichte ein Buch mit dem Titel «Die Anomalie» verfasst. Ihn kennen wir aus Die unendliche Geschichte, wo eine noch zentralere Rolle spielt, aber nicht ganz so doppelbödig daherkommt, wie wenn Le Tellier über Victor schreibt:

Victor schreibt, ohne Hast, mechanisch. Nach allem, was er gelesen und übersetzt hat, darunter allzu viele hübsch verpackte Albernheiten, käme es ihm unanständig vor, die Welt mit einer weiteren Eselei zu behelligen. Ihn lässt die Vorstellung kalt, eine flammende Prosa entspringe aus der simplen «Bewegung der Feder auf dem Blatt», er glaubt nicht an seine «Allmacht über den Satz», es kommt nicht in Frage, dass er «die Lider schliesst, um mit offenen Augen zu sehen», oder dass er sich an diesem seelenlosen Ort «der Welt entzieht, um ihm seine eigene Verwirrung aufzuprägen», und im Übrigen hütet er sich vor Metaphern.

Das ist umso lustiger, als dass es im Buch um Identität geht und um die Frage, wie wir uns von jemandem abgrenzen würden, der zufällig unser Leben lebt. Im Gegensatz zu Victor scheint mir Le Tellier nicht abgeneigt, die Welt mit einer weiteren Eselei zu behelligen und die eine oder andere Metapher ist in der Geschichte schon enthalten.

Besser als die letzte Staffel von «Lost»

Um erst einmal mein Fazit vorwegzunehmen: Ich halte das Buch für absolut lesenswert – und es ist der letzten Staffel von «Lost» allemal vorzuziehen.

Aber es verlangt Konzentration von der Leserin und dem Leser: Man muss sich am Anfang auf diverse Figuren einlassen und sie sich einprägen, ohne dass man wüsste, worauf die Sache hinauslaufen wird – was im Buch übrigens ebenfalls thematisiert wird, indem Victor sich vom Verlag anhören muss, er solle doch gefälligst die Zahl der Protagonisten reduzieren, damit die Leserinnen und Leser den Überblick behalten würden. Immerhin, hilfreich ist der Wikipedia-Artikel: «Zu den Figuren zählen ein Familienvater und Auftragsmörder, ein nigerianischer Popstar, eine über ihre Fehler nachdenkende Anwältin sowie ein öffentlichkeitsscheuer Schriftsteller, der mit dem titelgebenden ‹L’anomalie› einen Überraschungserfolg erzielte und das zum Kultbuch avanciert.»

Also, kurz zum Inhalt: Die Boeing 787 des Air-France-Flugs 006 von Paris nach New York gerät in einen schlimmen Sturm, der sie stark beschädigt. Als sie nach wilden Turbulenzen beschädigt, aber flugtauglich entrinnt, wird sie abgefangen und auf einen Militärflughafen umgeleitet. Denn die Maschine ist vor drei Monaten schon einmal gelandet: Sie ist am 10. März 2021 planmässig im Flughafen JFK angekommen, während sie nun drei Monate später, am 24. Juni 2021, ein zweites Mal aufsetzt. Nicht nur die Maschine existiert jetzt doppelt, sondern auch alle Passagiere, die darin sassen.

Leben wir in einer Simulation?

Wer hinter dieser seltsamen Verdoppelung steht und warum sie sich ereignet hat, erfahren wir nicht. Es kommt immerhin ans Licht, dass sich gleiches schon in China zugetragen hat, was den Verdacht nährt, ein «Glitch» in der Matrix könnte die Ursache sein. Leben wir alle in einer Simulation, sind wir nur Programme?

Diese Frage stellt sich die Öffentlichkeit in Le Telliers Buch, und sie hat auch entsprechende Folgen, indem sie die Suizidrate nach oben schnellen lässt und religiöse Fundis zu einem Kreuzzug gegen die verdoppelten Menschen antreten lässt, die in so einem offensichtlichen Widerspruch zu ihren Glaubenssätzen stehen. Übrigens, eine brillante Szene, wie sich einer dieser Evangelisten vor Stephen Colberts Studio zu einem Mordanschlag hinreissen lässt.

Egal!

Ob Simulation oder nicht, das Le Tellier interessiert nicht sonderlich. Er lässt seinen Victor Miesel im Buch auf die Frage, was sich dadurch ändere, mit «Nichts» antworten:

Wir würden weiterhin zur Arbeit gehen, essen, trinken und so tun, als wären wir real. Wir sind blind gegenüber allem, was beweist, dass wir uns täuschen. Das ist menschlich.

Diesen Verhaltensweisen gilt Le Tellier Neugier: Wie gehen die verdoppelten Menschen mit ihrer Situation um? Wie entscheidet man, welcher in sein altes Leben zurückkehren darf und wer ein neues aufbauen muss? Der besagte Auftragsmörder macht es sich einfach: Er bringt sein Gegenstück um:

Ich bin du, du bist ich, das ist einer zu viel, denn wir können nicht zwei sein, verstehst du?

Aber für andere ist das nicht so einfach – vor allem, wenn sie in der eine Liebesbeziehung eingegangen sind, sich verheiratet oder ein Kind geboren haben. Und wie gehen die Angehörigen damit um, dass Kinder, Partner, Freunde oder Familienangehörige plötzlich doppelt existieren? Oder einer ein weiteres Mal an einem Tumor stirbt, sodass der Tod keine einmalige, sondern eine zweimalige Sache wird?

Und ja, das ist schön zu lesen und insgesamt toll geschrieben. Aber ich als Sciencefiction-Fan hätte trotzdem gern gewusst, ob es nun ein Glitch in der Matrix oder ein missratenes Teleportationsexperiment war.

Beitragsbild: Ob vor oder nach der Verdoppelung, lässt sich auf diesem Bild nicht so genau sagen (Richard R. Schünemann, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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