Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!

Ich bespreche drei Bücher: Zwei überzeugen und eines habe ich eines fertig gelesen. Und dieses dritte Buch macht klar, dass J. K. Rowling auch der grösste Shitstorm nichts anhaben kann.

Meine Ausbeute bei den Hörbüchern war in der letzten Zeit nicht gut. Von drei gekauften Werken habe ich nur eines fertig gelesen. Dabei gehöre ich zu denen, die angefangene Dinge meistens zu Ende bringen – auch bei der Lektüre.

Die drei Bücher waren NPC von Jeremy Robinson, Brave New World von Aldus Huxley (deutsch Schöne Neue Welt) und Troubled Blood von
Robert Galbraith alias J. K. Rowling (deutsch Böses Blut). (Links jeweils Amazon Affiliate.)

Wenn ihr mich und dieses Blog hier gut kennt, dann erratet ihr sofort, bei welchem Buch ich drangeblieben bin.

Ja, natürlich, «Troubled Blood», der neueste Fall von Cormoran Strike und Robin Ellacott. Ich habe The Cuckoo’s Calling gelesen und hier besprochen und dann mit The Silkworm und Career of Evil nachgedoppelt. Und anhand des bücherübergreifenden Handlungsbogens ist mir aufgefallen, dass ich eine Folge verpasst haben muss.

Eine kleine Nachforschung hat ergeben, dass dem tatsächlich so ist. Mir ist Lethal White von 2018 entgangen. Das ist die vierte Folge, die ich mir sogleich besorgt habe – nicht ohne mich darüber zu ärgern, nun die Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge geniessen zu können.

Dieses Versäumnis lässt den famosen Amazon-Algorithmus in  schlechtem Licht dastehen. Warum hat der Vorschlagsmechanismus des weltgrössten Bücherhändlers mich nicht ein einziges Mal auf «Lethal White» hingewiesen? Ich habe die anderen Folgen alle gekauft, in rasantem Tempo durchgehört und hervorragend bewertet. Da muss man kein Genie sein, um zum Schluss zu kommen, dass ich auch dieses Buch gerne würde hören wollen. Vorschlag: Jeff Bezos, nimm zwei, drei von deinen vielen Milliarden, und investiere sie in die Verbesserung deines lausigen Shop-Systems.

Eines der Bücher, das ich nicht zu Ende gelesen habe, war eine Empfehlung dieses Algorithmus. Nämlich «NPC» von Jeremy Robinson. Und ja, die Beschreibung klang einigermassen interessant. Die Prämisse besagt, dass es um uns herum wie in einem Computergamge Nicht-Spieler-Charaktere gibt – kurz NC; oder in Englisch NPC nach non-player character. Das sind Figuren, die nur dazu da sind, die Szenerie zu bevölkern und als Gegner oder als Komparsen für die Spieler, sprich: die Helden zu fungieren.

Diese NPCs sind einer der beiden Hauptfiguren nun ein Dorn im Auge. Samael hat aus Gründen, die mir nach ungefähr einem Drittel, wo ich aufgegeben habe, nicht klargeworden sind, etwas gegen diese NPCs. Er will sie aus dem Weg räumen und tut sich dafür mit einer Frau zusammen, die er zuerst für eine NPC gehalten hat. Was an sich eine nette Wendung war. Sein Gegenspieler ist ein abgehalfterter Priester namens Ezekiel Ford, der mutmasslich zu Samaels Gegenspieler geworden wäre – wenn ich denn fertiggelesen hätte.

Wenn man nun «Troubled Blood» und «NPC» gegenüberstellt, dann lässt sich exemplarisch herausarbeiten, warum das eine Buch ausgezeichnet ist und das andere kein Lesevergnügen. Doch bevor ich das tue, muss ich natürlich noch schnell auf Aldus Huxley eingehen und erklären, warum ich sein Werk beiseite gelegt habe.

«Brave New World» wurde mir von Audible vorgeschlagen – wohl vor allem, weil es im Sommer kostenlos zu haben war. Das ist nicht zuletzt einer der ganz grossen Sciencefiction-Romane und gemäss Wikipeida eines der einflussreichsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts – und völlig zu Recht, wie ich finde. Der Einstieg mit der Führung durch das Brut- und Aufzuchtszentrum ist grandios; und die Idee, Menschen gemäss ihrer Bestimmung als Zugehöriger einer bestimmten Kaste zu züchten, erscheint heute noch etwas weniger absurd als 1932, wo das Buch geschrieben wurde.

Diese Dystopie denkt Huxley gnadenlos zu Ende: Wenn Menschen gezüchtet werden, haben und brauchen sie keine Eltern. Infolgedessen ist das Konzept der Familie obsolet und es gibt auch keine moralischen Gründe gegen sexuelle Promiskuität. Und so vielversprechend dieses Szenario auch ist, so hat es nicht zu meinem Sommer 2020 gepasst, der dystopisch genug gewesen ist. Ich habe das Buch erst einmal beiseite gelegt. Ohne Zweifel werde ich irgendwann einmal darauf zurückkommen.

Was nun «NPC» angeht, finde ich Bücher spannend, die Computergame-Szenarien mit der realen Welt verbinden. Ready Player One von Ernest Cline ist einer meiner grossen Favoriten im eher amüsanten Bereich der Nerdliteratur, und auch Extraleben von Constantin Gillies empfehle ich gerne. Und die Idee mit den Nebenfiguren, die mit ihrer Rolle unzufrieden sind, hat John Scalzi in Redshirts wunderbar aufgearbeitet.

Doch «NPC» hat mich kaltgelassen. Schuld daran ist weder die Geschichte, die, wie erwähnt, am Anfang eine interessante Wendung zu bieten hatte, noch das Figurenpersonal, das durchaus Potenzial aufzuweisen hatte – auch wenn man die Motivation des psychopathischen Mörders besser hätte darlegen müssen. Aber gut möglich, dass das im Lauf der Geschichte noch passierte und für die eine oder andere Wendung gesorgt hat – ich werde es nie erfahren.

Das Problem ist der Autor selbst. Im Vorwort prahlt Jeremy Robinson, was für ein grossartiger Schreiberling er doch ist: Er würde hier eine Geschichte präsentieren, die kein anderer so schreiben könne und die voller Action und dramatischer Wendungen sei. Mal abgesehen davon, dass das eine strunzdämliche Aktion ist, mit der lediglich die Erwartungen des Lesers auf ein nicht erfüllbares Mass emporgeschraubt werden, so zeigt es auch mangelnde Demut.

Und auch wenn das nun besserwisserisch und etwas moralinsauer klingen mag: Ich bin überzeugt davon, dass nur demütige Autoren gute Autoren sind. Selbst wenn sie wissen, wie grossartig sie ihr Handwerk beherrschen, so stehen sie doch hinter ihrer Geschichte zurück. Sie lassen ihre Genialität in den Figuren, in den Beschreibungen und in packenden Szenen aufblitzen – und nicht, indem sie den Leser ums Verrecken spüren lassen wollen, wie toll doch die Person ist, die ihnen dieses Werk hier geschenkt hat.

Diese These lässt sich gut belegen: Andreas Eschbach ist einer, der hinter seine Geschichten und Figuren zurücktritt. Auch Stephen King tut das: Seine besten Geschichten, It, The Stand und 11-22-63 zeigen, wie sehr er seine Figuren mag – nur um sie dann umso mehr zu quälen.

Und J. K. Rowling tut das. Ob Harry Potter und Hermione Granger, Cormoran Strike und Robin Ellacott: Man spürt, dass ihr diese Figuren etwas bedeuten und dass sie sie zu sich nach Hause einladen würde – wenngleich das im Fall von Cormoran Strike durchaus ein Risiko ist, wie «Troubled Blood» in einer grossartigen Szene deutlich vor Augen führt.

Der Einwand gegen meine These liegt auf der Hand: Man könnte sagen, dass gut gezeichnete Charaktere den Unterschied machen – solche, die menschlich wirken und mit denen man sich als Leser gut identifizieren kann. Und man könnte entgegnen, dass ein Autor nicht nur sympathische Charaktere erschaffen kann: Es braucht auch die Kotzbrocken und die Antagonisten, damit eine Geschichte rund wird.

Aber so verstehe ich meine These nicht: Es heisst nicht, dass ein Autor eine Figur mögen muss, um sie einfühlsam zu zeichnen. Er kann sie auch mit Inbrunst verabscheuen. J. K. Rowling würde sich mit Cormoran Strike sicherlich in die Haare kriegen, so wie es die Studenten beim legendären Dinner bei Robins Vermieter getan haben. Nein, es heisst einfach, dass ein Autor etwas für sie empfinden muss und sie nicht bloss als strategisches Element, als Schachfigürchen betrachten soll, die in jeder Szene an der richtigen Stelle zu stehen hat. Bei «NPC» habe ich ein gewisses Interesse am Priester, Ezekiel Ford, herausgespürt. Aber Samael ist ein blutleeres Konstrukt, trotz der Vorgeschichte, die er natürlich abbekommen hat.

Und wenn ich, der ich nie einen Roman geschrieben habe, eine Theorie abgeben darf, wie man ein packendes Buch schreibt, dann ist es genau der Moment, der aus einer erfundenen Geschichte ein für uns Leser bedeutsames Erlebnis macht: Es ist der Moment, an dem aus einem Szenario, einem Exposé eine lebendige Erzählung wird – weil die Figuren eine Dringlichkeit entwickeln, dieses ausgedachte Abenteuer zu bestehen.

944 Seiten stark – und als Hörbuch, grossartig gelesen von Robert Glenister, fast 32 Stunden lang.

Muss ich an dieser Stelle noch konkrete Worte zu «Troubled Blood» verlieren – ausser, dass mich die Geschichte gefesselt und auf mehreren Ebenen berührt hat? Die Ermittlungen durch diverse Milieus, die vielen Unterhaltungen zwischen Cormoran und Robin, die sich am Anfang etwas in die Länge ziehen – sie waren spannend und haben mir das grösste Lesevergnügen von 2020 beschert. Und auch die privaten Querelen fand ich feinfühlig geschildert, obwohl ich bei den «Tatort»-Folgen finde, dass dort die persönlichen Verstrickungen der Kommissare oft dazu herhalten müssen, um von den dürftigen Plots abzulenken.

Falls es noch eine Zusammenfassung braucht, mache ich es sehr kurz: Es geht um einen vierzigjährigen Fall, der unaufgeklärt blieb. Margot Bamborough ist damals von jetzt auf sofort verschwunden. Ihre Tochter hatte keine wirklichen Informationen, nur die garstigen Gerüchte ihrer Mitschüler. Und auch Jahre später liegt fast alles im Dunkeln, weil der zuständige Ermittler wegen einer psychischen Erkrankung von der Spur abgekommen ist und die Nachforschungen komplett in den Sand gesetzt hat. Lässt sich so ein Fall noch aufklären?

Und ja: Ich habe von der Kontroverse um den Frauenkleider tragenden Mörder gehört und auch den Shitstorm mitbekommen, den die Transgender-Community losgetreten hat. Aber die angeblich transphobe Haltung konnte ich in keinster Weise nachvollziehen – und ich werde mir von dieser Debatte auch ganz sicher eine tolle Autorin und spannende Bücher verderben lassen. Die LGBTQ-Bewegung hat berechtigte Anliegen, aber sie ist IMHO zu überempfindlich – wie es Michèle Binswanger hier richtig erklärt: Man kann die Literatur auch gleich abschaffen, wenn selbst die Figuren in einem Roman moralischen Ansprüchen genügen müssen. Sie dürfen uns – und ihre Schöpfer nicht kaltlassen – und dann ist alles gut.

Beitragsbild: Cormoran Strike, verkörpert durch Tom Burke, in der Verfilmung von «Career of Evil» (Robert Galbraith/Twitter).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Skandal, was mir der Amazon-Algorithmus so alles vorenthält!“

  1. Ziemlich am Anfang des Artikels steht:
    „… Hörbüchern … gelesen …“
    Hörbücher lesen?
    Ich habe bis jetzt immer gedacht, dass Hörbücher gehört werden. 😉

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