Echte und vermeintliche Gefahren von 5G

Neulich war ich in der Stadtbibliothek Winterthur. Dort gibt es auch einen Ständer, bei dem Faltblätter, Postkarten und ähnliche Dinge aufliegen. An diesem ist mir ein Pamphlet mit einem sehr unheilvollen Titel aufgefallen: «5G-Monster schlägt zu!» Und am Rand: «Kriegserklärung an die Menschheit?!»

Die Mobilmachung gegen 5G findet nicht nur mittels Youtube-Videos, sondern auch mit Flyern statt, mit denen selbst unschuldige Bibliothekenregale nicht verschont werden? Irgendjemand scheint hier eine tiefgehende Antipathie gegen Datenfunkwellen in sich zu spüren.

Die Argumente im Flyer bewegen sich zwischen unhaltbar und Panikmache. Sie sind schon allein deswegen unsinnig, weil selbst das gierigste Telekomunternehmen – die hinter dieser «Kriegserklärung an die Menschheit» stecken – keine Technologie einsetzen wird, die innert weniger Jahren einen Grossteil der Kundschaft eliminiert. Aber egal, mit Logik muss man der Zielgruppe dieses Flyers und den Urhebern nicht kommen.

Mein erster Impuls war, mich aufzuregen und lauthals zu erklären, wie falsch es sei, dass solche Flyer an Orten wie der Stadtbibliothek aufliegen. Ich habe es dann nicht getan, sondern ein Exemplar (zufälligerweise das letzte) mitgenommen, und es nach meinem Studium dem Altpapierstapel zugeführt: So, wie es der Bestimmung eines Faltblatts entspricht.

5G-Flyer mit Panikmache.

Ich habe keinen Aufstand gemacht, weil in einer Bibliothek zwangsläufig ganz unterschiedliche Weltsichten zusammenkommen. Das gilt vor allem auch für den Bücherbestand. Dort sind auch nicht nur Werke vorhanden, die bloss die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit verbreiten. Nein, natürlich enthalten Bibliotheken viele Werke, die überholt sind oder schon von Anfang an Unfug reinsten Wassers enthalten haben. Deswegen würde ich aber nicht verlangen, dass man die Bibliotheken ausmistet. Denn Bibliotheken zeichnen sich dadurch aus, dass man dort Bücher lesen kann, die man niemals würde kaufen wollen. Und darum gehören auch die nutzlosen und schädlichen Medienerzeugnisse in den Bestand.

Abgesehen davon: Wer würde die Grenze zwischen gerade noch akzeptablem und unhaltbarem Unfug ziehen wollen? Diese Grenze ist naturgemäss keine klare Linie, sondern ein riesiger Graubereich. Und in einer Bibliothek steht neben einem einseitigen, voreingenommenen Buch zu einem Thema vielleicht eines, das richtig, gut und einleuchtend informiert: So besteht die Chance, dass jemand, der sich wirklich für dieses Thema interessiert und nicht bloss Vorurteile bestätigt haben will, dann doch noch etwas Vernünftiges liest. (Die Chance scheint mir im Internet deutlich geringer zu sein, weil die Vorschlagsalgorithmen oft die Fehlinformationen befördern.)

Nochmals zurück zu 5G: Bei mir überwiegt die Freude auf den neuen Standard. Auch wenn ich durchaus Bedenken habe. Meine gehen aber nicht dahin, dass ich befürchte, mir werde wegen der Strahlung noch ein Ohr auf dem Hinterkopf wachsen und dafür sämtliche anderen Extremitäten abfallen. Nein, ich sorge mich ein bisschen um die Netzneutralität. Denn 5G bringt die Möglichkeit, Dienste zu priorisieren. Daniel Jacob erklärt das in einem Papier  für die deutsche Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung berät, wie folgt:

So sollen hohe Verbindungsgeschwindigkeiten und flächendeckend zuverlässige Verfügbarkeit für eine hohe Zahl verbundener Geräte ermöglicht und zugleich die technischen Anforderungen auf Seiten der Endgeräte gering gehalten werden. Ein einfacher Sensor etwa soll über ein kostengünstiges Modul mit niedrigem Energieverbrauch an das 5G-Netz angeschlossen werden können.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sollen 5G-Netze über Mechanismen verfügen, die Bandbreite, Zuverlässigkeit und Latenz (Verzögerung von Signalen) der Verbindung an die Erfordernisse der jeweiligen Geräte anpassen. Dies wiederum soll durch das sogenannte «network slicing» erreicht werden. Die verfügbare Datenverbindung wird dabei virtuell in Untereinheiten mit verschiedenen Eigenschaften aufgeteilt: Einige Spektren des 5G-Netzes beispielsweise können so besonders schnelle Datenübertragungen bereitstellen, während bei anderen Spektren die Geschwindigkeit der Verbindungsherstellung Vorrang hat.

Letzteres ist vor allem für sehr zeitsensitive Anwendungen wie
etwa beim autonomen Fahren relevant.

5G erhöht die Zuverlässigkeit für besonders kritische Anwendungen, was bei den typischen Beispielen von Telemedizin etc. auch einleuchtet. Doch es widerspricht eben auch dem Prinzip, dass alle Daten im Netz gleich zu behandeln sind. Und es ist nicht gesagt, dass das «network slicing» lediglich für sinnvolle Zwecke eingesetzt wird. Im Gegenteil. Es sind auch ziemliche Horrorszenarien denkbar. Netzpolitik.org hat ein solches entworfen:

Mögliche Einsatzszenarien reichen von einer Bevorzugung von Premium-Kunden im Mobilfunk zu Lasten aller anderer Netzteilnehmer, die sich mit einem schlechter gestellten «Slice» zufrieden geben müssten, bis hin zu einer kompletten Segmentierung des Internets, bei der jede Anwendung im Netzwerk einzeln kontrollierbar wäre.

Diese sogenannten Spezialdienste, die in der Debatte rund um die europäischen Netzneutralitätsregeln zu einem der meist umkämpften Themenfelder zählten und deren Einsatz letztlich eng eingezäunt wurde, könnten also im schlimmsten Fall das offene Internet ablösen: Überholspuren für die Reichen, lahme Verbindungen für den Rest.

Ändert sich etwas Grundlegendes? Vermutlich nicht: Die Provider haben heute schon die Möglichkeit, gegen die Netzneutralität zu verstossen, wenn sie das tun wollen. Und sie tun es auch hierzulande fleissig, wie das Zero-Rating seit Jahren vor Augen führt. Vielleicht werden die Verlockungen mit 5G noch grösser, das Netz nicht neutral, sondern nur nach dem Kriterium der Gewinnmaximierung zu bewirtschaften. Vielleicht auch nicht – wenn wir Kunden Verstösse gegen die Netzneutraltität notfalls mit einem Providerwechsel ahnden, dann wird sich die Gefahr auch bei 5G eindämmen lassen.

Und falls es vergessen gegangen sein sollte, hier eine kleine Gedächtnisstütze. Die Schweiz hat seit Kurzem eine gesetzlich festgeschriebene Netzneutralität:

Damit erhält die Schweiz eine Regelung für die Netzneutralität, die über die Bestimmungen in der EU hinausgehen. So wird auch Zero-Rating (wirtschaftliche Diskriminierung) klar unzulässig sein.

Beitragsbild: 5G ist im Anmarsch (Maraisea/Pixabay, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Echte und vermeintliche Gefahren von 5G“

  1. Ich denke da werden zwei Sachen vermischt. Das normale Shaping („Swisscom TV wird gegenüber Netflix bevorzugt“) passiert auf OSI Layer 3, also auf Ebene IP. Das funktioniert jetzt schon und wird teilweise gemacht (siehe die unterschiedlich schnellen Internetzugänge je nach Abo).

    5G ist auf OSI Layer 1 und 2, also unterhalb von IP. Es kennt keine IP-Adressen und kann nicht aufgrund von „Paket geht zu Netflix“ oder so shapen. Stattdessen kann pro Endgerät ein „Slice“ gewählt werden (oder ggf. mehrere pro Gerät, einer zum Surfen und einer zum Telefonieren). Industrieanwendungen kommen in ein „virtuelles Netz“, in welchem die Latenz wichtiger ist als die Bandbreite. Dies ist ähnlich zum QoS (Quality of Service), welches man in herkömmlichen Netzwerken jetzt schon betreibt, damit VoIP auch funktioniert, wenn im Hintergrund gerade Updates heruntergeladen werden.

    Von daher würde ich mir nicht speziell wegen 5G Sorgen machen. Die allgemeinen Bedenken bezüglich 5G sind natürlich trotzdem berechtigt.

Kommentar verfassen