Mach mich hübsch!

Facetune (4 Franken fürs iPhone und für Android) verfolgt die Philosophie, dass man nicht auf das perfekte Foto warten soll, sondern stattdessen einfach seine mittelmässigen Selfies auf Hochglanz poliert. Sprich: Man motzt seine Portraitfotos mit allen Mitteln der Technik auf: Man glättet die Haut, macht gelbe Zähne weiss, betont Lippen und Augen, entfernt Augenringe, Pickel und Hautunreinheiten und verdeckt Lücken in der Haarpracht.

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Beim Glätten werden Hautunreinheiten eliminiert. Wie es geht, erklärt das Tutorial (rechts).

Und wenn alles nichts hilft, wirft man den guten alten Weichzeichner aufs Bild oder greift zum Verformungswerkzeug – das macht die Proportionen des Gesichts wohlgefälliger und fördert die Schönheit ungnemein.

An dieser Stelle gibt es einen grossen Elefanten im Raum. Klar, die moralische Frage. Ist es Beschiss am Betrachter, wenn man ihm nicht «die Wahrheit», sondern eine aufgemotzte Version der Wahrheit zeigt? Eine interessante Frage, weil wir das Überschminken von Hautunreinheiten viel weniger verwerflich finden als deren digitale Entfernung. Sich per Makeup und den Künsten von Visagistinnen zu verschönern, ist okay, aber eine App oder Photoshop zu verwenden, ist unter Umständen – namentlich in der Pressefotografie – nicht okay.

Der Unterschied lässt sich erklären: Beim Einsatz von Makeup, modischen und Beauty-Tricks sehen alle Betrachter im Raum das (mehr oder weniger) gleiche, das nachher auch auf dem Bild zu sehen ist. Beim Einsatz einer App hingegen nicht – da existiert die abgebildete Person mit dem demonstrierten Schönheitsgrad nur virtuell. Und es hat längerfristig das Problem, dass uns die Menschen, die wir tagtäglich auf der Strasse sehen, etwas weniger attraktiv erscheinen, als die Menschen, die uns aus den sozialen Medien entgegenlächeln.

Und das ist tatsächlich ein potenzielles Problem. Wenn die beiden Sphären allzu weit auseinanderlaufen, ist das ein Diskonnekt, der niemandem hilft. Zumindest, so lange wir ab und zu nicht darum herumkommen, noch ein bisschen in der Realität zu leben.

Trotzdem sehe ich das nicht allzu moralisch: Wir alle sind eitel und rücken uns gern ins rechte Licht. Wenn wir das nicht in Fällen tun, wo es schlicht doof ist (zum Beispiel beim Bewerbungsfoto), wenn wir es nicht übertreiben, dann seis drum. Wenn es das Selbstwertgefühl steigert, ist das auch etwas wert.

Die App stellt Bildbearbeitungswerkzeuge bereit, die speziell für die Portraitretusche ausgelegt sind, unter anderem:

  • Ein Aufhellwerkzeug, das die Zähne weisser macht.
  • Das Glättungwerkzeug, das Falten zum Verschwinden bringt.
  • Das Detailwerkzeug, mit dem man Augen oder Mund akzentiert.
  • Das Umformungs- und Skalierungswerkzeug, die Form von Gesicht, Nase, Augen optimieren.
  • Das obligate Tool gegen rote Augen.
  • Das Unschärfewerkzeug, um unvorteilhafte Details zu kaschieren oder den Hintergrund abzudämpfen.
  • Rahmen und Filter fürs Finishing.

Die Werkzeuge sind alle manuell zu benutzen. Facetune verspricht nicht wie andere Apps ein vollautomatisches Resultat, das mit Hilfe von Gesichtserkennung funktioniert. Im Gegenteil: Man muss die Werkzeuge beherrschen, um sein Sujet zu verschönern und nicht in ein gruseliges Monster zu verwandeln. Es gibt Videos und Tutorials, die die Grundlagen erklären, aber die Fingerfertigkeit muss man selbst mitbringen. Man kann Änderungen rückgängig machen und über die Taste rechts unten immer Original und Bearbeitung vergleichen.

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Links: Mit der Rote-Augen-Funktion kann man die Augen auch umfärben.
Rechts: Beim Umformen und Skalieren verändert man die Proportionen im Gesicht. Hier mit zweifelhaftem Resultat.

Fazit: Eine nützliche App, die beherrscht werden will. Lästig ist ein Bug, der dazu führt, dass nach dem Wechsel zu einer anderen App und zu Facetune das gerade bearbeitete Bild weg ist – das ist ein Showstopper, der aber hoffentlich bald behoben ist.

Autor: Matthias

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