Schätzing erklärt den Nahostkonflikt

Seit «Der Schwarm» und trotz «Limit» (das ich, anders als viele andere, gern gelesen habe) hat Frank Schätzing bei mir den Status einer bedingungslosen Empfehlung. Will heissen: Wenn er ein neues Buch vom Stapel lässt (was nur etwa alle fünf Jahre vorkommt), dann kümmere ich mich erst gar nicht um Klappentext, Kurzbeschrieb oder Rezensionen, sondern klicke auf «Kaufen» und stürze mich drauf.

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Ich finde es toll, auf ein literarisches oder filmisches Abenteuer zu gehen, ohne den Hauch einer Ahnung zu haben, was mich erwartet. Ich gehe darum auch ganz gern ins Kino, ohne den Trailer gesehen oder eine Zusammenfassung gelesen zu haben. Einerseits vermitteln die sehr häufig ein komplett falsches Bild – wie so oft, wenn Marketing im Spiel ist. Es kommt ständig vor, dass mir eine gut klingende Story überhaupt nicht zugesagt. Umgekehrt entpuppen sich vermeintlich öde Streifen manchmal als echte Perle. Abgesehen davon ist es viel aufregender, im Kinosaal zu sitzen oder ein Buch aufzuschlagen und vom ersten Augenblick an überrascht zu werden. Sonst hockt man da und wartet darauf, dass endlich die Wendung einsetzt, die einem nicht nur versprochen, sondern verheissen wurde. Aber da man nicht alles sehen und lesen kann, muss man irgendwie auswählen. Und darum ist der Name des Autors eine gute Orientierungshilfe. Der Name des Regisseurs ist seinerseits leider längst nicht immer ein Garant für Filmgenuss. Beim Kino reden einfach zu viele Leute drein, ist meine Vermutung. Und es gibt Quatsch wie die Testscreenings, und so.

Mediale Verschwörung?
Als ich Schätzings Breaking News entdeckt hatte, wusste ich nicht viel mehr als den Titel. Der legt einen Medienthriller nahe. Ein Mord in einer Redaktion? Ein Skandal um CNN? Oder inszenierte News als mediale Verschwörung? Das Buch startet mit dem Einsatz von …

… aber soll ich jetzt eigentlich nach der Einleitung, dass ich am liebsten nichts von Büchern weiss, tatsächlich mit einer inhaltlichen Beschreibung anfangen? Das wäre doch gewissermassen ein Unfug, und tatsächlich finde ich das Genre der Rezension spannend, indem man als Autor alles sagen, aber nichts verraten darf. Was ungemein schwierig ist. Ich mache es mir an der Stelle einfach, indem ich mit dem Fazit beginne:

Wer mit Frank Schätzings Art etwas anfangen kann, der sollte das Buch lesen. Es ist ein überaus ambitionierter Titel, an dem Schätzing gerade wegen seiner manchmal recht schnoddrigen Art leicht hätte scheitern können. IMHO scheitert er aber nicht, sondern hat im Gegenteil das Kunststück geschafft, mir – und damit plaudere ich nicht zu viel aus – den Nahostkonflikt sehr viel verständlicher zu machen. Das hat damit zu tun, dass Schätzing ein akribischer Rechercheur ist. Ich mag mir nicht ausmalen, wie viel Aufwand in den Titel geflossen ist, den der Autor selbst als «Recherchemonster» bezeichnet. Wer langatmige Bücher nicht mag, der sollte die Finger von «Breaking News» lassen, zumal der eigentliche Plot erst spät in Gang kommt und dann vergleichsweise schnell wieder vorbei ist. Doch wer in der Realität verwurzelte Geschichten schätzt und es nicht auf reinen Eskapismus anlegt, der sollte sich an den Titel heranwagen – und jetzt auf keinen Fall noch weiterlesen!

Der Fall des Kriegsreporters
Also, zurück zum Buch, das mit dem Einsatz des Kriegsreporters Tom Hagen. Er ist Deutscher, ein hartgesottener Hund, der dahin geht, wo es im wortwörtlichen Sinn kracht. Nachdem es ihn nach Afghanistan verschlagen hat, fällt er tief. Er verschuldet den Tod einer Kollegin und wird zum Ausgestossenen, der nicht mehr für die (im Buch nicht namentlich genannte) «Bild»-Zeitung schreibt, sondern bei Online-Portalen anheuern muss.

Dann gibt es einen Szenenwechsel und eine Rückblende. Der Leser findet sich in der Zeit wieder, als Juden aus Deutschland fliehen und der Staat Israel noch seiner Gründung harrt. Rachel und Schalom Kahn haben ihrer Heimat Berlin den Rücken gekehrt, sind in Kfar Malal auf der Scharonebene angekommen (deren Name später noch eine Rolle spielen sollte) und freunden sich mit ihren Nachbarn, den Scheinermanns an. Im Hörbuch wird das kenntlich gemacht, indem die Rückblenden von einer Frau (Hansi Jochmann) gelesen werden, während die Passagen mit Hagen mit Oliver Stritzel als Sprecher operieren.

So geht das dann hin und her. Hagen findet sich in Tel Aviv wieder, wo ihm geheimes Material aus Geheimdienstkreisen angeboten wird, das er in Zeiten der Whistle-Blower natürlich noch so gern annimmt. Die Familiensaga der Kahns mit ihrer Freundschaft zu den Scheinermanns wird weitererzählt, wobei die persönliche Geschichte immer auch mit der von Israel und dem jüdisch-arabischen Konflikt verwoben ist – sodass man als Reflexion der persönlichen Schicksale auch viel über die Staatengründung, die Kriege, Intifadas, die Siedlungspolitik und das Massaker von Sabra und Schatila erfährt. Von ihm ist Yaels Vater unmittelbar betroffen.

Flashbacks beim Lesen
Mir ist im Verlauf des Buchs bewusst geworden, dass mich dieser Konflikt schon mein Leben lang begleitet. Die geografischen Namen, die Namen der Politiker, Parteien und Ereignisse, sie alle klangen mir noch im Ohr und haben auch bei mir «Flashbacks» ausgelöst, zurück zu den Tagen, wo ich als ungefähr Zehnjähriger zum ersten Mal bewusst die Nachrichten gehört habe und sich mir Namen wie Menachem Begin und Anwar as-Sadat ins Gedächtnis eingegraben haben. Wie akkurat oder objektiv die Erzählung Schätzings ist, kann ich nicht beurteilen. Die Welt schreibt zu dieser Frage folgendes:

Wer sich ins mächtige Magnetfeld dieses Konflikts begibt, kann keine mittlere, gerechte Position wahren, sondern wird unweigerlich von demjenigen Pol angezogen, dem er zufällig, und sei es nur ein kleines Stück, näher steht.

Das sollte einen trotzdem nicht von der Lektüre abhalten, auch wenn es natürlich Kritikpunkte gibt. Die manchmal etwas flachen Formulierungen, von denen ein Rezenzent bei Amazon einige herausgesucht hat:

Schätzing liebt restlos abgedroschene Thriller-Sätze: «Adrenalin flutete seinen Körper.» Der Klassiker, wow! Riskante Vergleiche und Metaphern lassen aufhorchen: «Ihr Körper kommt ihr vor wie der sprichwörtliche Porzellanladen nach dem Besuch des Elefanten.» Großes Deutsch gibt sich ein Stelldichein: «Hagen glaubt schier verrückt zu werden.»

Es hätte auch zäh werden können
Bei der psychologischen Glaubwürdigkeit kommt Schätzing nicht an einen Stephen King heran und manchmal sind seine Formulierungen tatsächlich reichlich flapsig. Mich hat das nicht gestört, weil ich mindestens ebenso oft anerkennen durfte, dass Schätzing mit seinen Metaphern und Vergleichen genau ins Schwarze traf. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber der saloppe Ton tut dem Buch mit seinem gewichtigen Thema gut – ansonsten hätten die fast 1000 Seiten bzw. 35 Stunden Hörbuch sehr zäh werden können.

Den Titel des Buchs finde ich schlecht. Natürlich, er beschreibt die Triebfeder des Protagonisten. Tom Hagen ist Kriegsreporter, der während seiner Arbeit sein Leben aufs Spiel setzt – und da soll wenigstens eine gute Story dabei rumkommen. Die Suche nach der ganz grossen Schlagzeile bringt auch den Plot ins Rollen. Sie führt dazu, dass die zweite Protagonistin, die junge Ärztin Yael Kahn, von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und sich mit Hagen auf die Flucht aus Israel nach Palästina begibt, es mit dem israelischen Geheimdienst Schin Bet zu tun bekommt – der seinerseits von Elementen unterwandert ist, die den Nahostkonflikt ein für alle Mal und mit einer radikalen Lösung beenden wollen.

Trotzdem ist das nur ein Nebenschauplatz. Der Kern der Geschichte ist der Nahostkonflikt, der bei einer Siedlerfamilie über mehrere Generationen immer wieder zur Entwurzelung führt, während die Politik zwischen Versöhnung und harter Hand gegenüber den palästinensischen Nachbarn oszilliert. Der Konflikt entzweit Freunde und führt dazu, dass Yael Kahn in Ereignisse hineingezogen wird, die mit ihrer Familie und ihrer Identität verbunden sind. Wie das nicht nur ein einzelnes Leben, sondern ganze Generationen prägt, hat Schätzing sehr fassbar herausgearbeitet.

Autor: Matthias

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