Das eigene Datenwölkchen

Kollegin Simone Luchetta hat neulich ein Wunderding vorgestellt, das einem «die Cloud in die eigenen vier Wände holt». Es handelt sich um ein kleines Böxchen namens Lima mit einem bestechenden Konzept: Man hängt es an seinen Router, verbindet es mit einer Festplatte und hat dann eine eigene Datenwolke – die natürlich den Namen nicht verdient, weil sie eben nicht irgendwo in einem anonymen Rechenzentrum zu Hause ist, sondern unter eigener Kontrolle steht. Das klingt toll: Das Böxchen ist günstig, schon ab ungefähr 100 Dollar zu haben (allerdings gibt es im Moment eine Wartefrist). Man kann ein beliebiges USB-Speichermedium anhängen und ist somit nicht an die Speicherkonfigurationen gebunden, die der Hersteller für sinnvoll erachtet. Und die Sache soll, anders als beispielsweise ein NAS-Laufwerk oder OwnCloud, sehr einfach zu installieren und zu betreiben sein.

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Passt auch in engen Wohnungen hinter den Router.

Das klang für mich so überzeugend, dass ich gleich eine Lima Starter (es gibt auch noch eine Ultra-Variante mit schnellerer Daten-Übertragungsrate) besorgt habe. Die kam, mit einem ordentlichen Post-Aufschlag, die dem hierzulande üblichen Einfuhrzoll und der Mehrwertsteuer geschuldet ist – ein Thema, über das ich separat gebloggt habe. Weil ich nicht gleich Zeit hatte, mir eine Festplatte zu besorgen, habe ich den erstbesten USB-Stick mit 8 GB angehängt. Das war ein Fehler, wie sich zeigen sollte.

Jedenfalls ist die Installation, genau wie es der Hersteller verspricht, extrem schnell erledigt. Man schliesst das Böxchen an den Strom und per Ethernet an den Router an. Dann lädt man die Software, die es für Windows, Mac und Linux gibt. Und holt sich die App fürs Smartphone (Android, iPhone) oder das Tablet, mit der man seine Daten mobil zur Verfügung hat. Nach der Installation der App erscheint das Laufwerk bei Windows im Explorer und beim Mac auf dem Desktop. Man kann mit den Daten dann genauso arbeiten, wie mit lokalen Dateien, auch wenn man sich ausser Haus befindet.

So weit, so gut. Die Probleme haben bei mir angefangen, als ich den USB-Stick durch eine eigens gekaufte 2-GB-Festplatte austauschen wollte. Einfach das alte Medium abhängen und das neue anhängen, geht schon mal gar nicht. Die Lima-Box hat sich sofort und konstant beklagt, es sei ein fremdes Medium angeschlossen. Kein Problem, dachte ich, dann mache ich halt einen Reset und installiere Lima mit der neuen Festplatte noch einmal. Das geht aber nicht, denn wie hier steht, können nur die Lima-Supportmitarbeiter das Böxchen zurücksetzen:

A remote wipeout can only be done by a restricted internal team. Each team’s member is identified and all actions are registered. If a wipeout is performed by a Lima’s employee, we’ll know who did it, from where, when and why.

Das ist natürlich in zweierlei Hinsicht bizarr: Einerseits, weil ich selbst als Besitzer nicht befugt bin, einen Reset auszuführen. Andererseits, weil ein solcher Reset offenbar von aussen möglich ist. Ich hätte es lieber anders herum. Natürlich, das liegt daran, dass sich die Software noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet. Mit künftigen Versionen wird man als User selbst einen Neustart einleiten können und der Lima-Support wird keine Löschungen mehr vornehmen. (Ob sie technisch noch möglich sein werden, lässt das Dokument offen):

We plan to integrate this feature in the product so that you’ll be able to hard reset your device on your own.

At the end, no remote wipeout will be done anymore by the Lima Team.

Ich habe ein paar Mal mit dem Lima-Support hin und her gemailt, aber ohne dass sie mir den Reset durchgeführt hätten. Irgendwie kamen sie nicht an meine Lima-Box heran, obwohl ich via iPhone problemlos darauf Zugriff hatte. Die Lösung tat sich dann auf, als mir die Box meldete, die 8 GB des Sticks seien nun aufgebraucht und darum funktioniere Lima nicht mehr so richtig: Lima stopped working because of insufficient disk space

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Jetzt läufts auch mit der grossen Festplatte. Doch wegen der Partitionen füllt sie sich nicht.

In diesem Dokument wird erklärt, dass man in so einem Fall den versteckten Lima-Ordner vom zu kleinen Speichermedium auf ein grösseres kopieren kann. Dazu braucht man bloss beide Medien an seinen Computer zu hängen und einmal zu dragunddroppen. Auf diese Weise hat die Austauschaktion hervorragend geklappt, zumal unter Windows der Ordner sehr einfach zu finden ist. Er heisst .lima und der Punkt am Anfang des Dateinamens macht ihn auf dem Mac und bei Linux, jedoch nicht bei Windows unsichtbar.

Das nächste Problem liess jedoch nicht auf sich warten: Ich stellte fest, dass die probehalber manuell auf die Lima-Box kopierten Dateien dort problemlos aufzufinden waren, aber keine neuen Dateien dazu kamen – die Idee ist schliesslich, dass sich die Box selbst verwaltet und auch automatisch alle neuen Dokumente in die eigene Cloud wandern, ohne dass man etwas dafür tun müsste. Das Problem liegt nun offenbar darin, dass mein Windows-Computer zwei Laufwerke hat: Eine SSD fürs System und eine drehende Festplatte für meine vielen Daten. Doch diese Konfiguration scheint nicht unterstützt zu werden, so deutet es das Dokument Having multiple partitions on my drive, Lima doesn’t work an.

Ich habe mich auch mit diesem Anliegen an den Lima-Support gewandt. Denn mit zwei physischen Laufwerken kann man die vorgeschlagene Lösung – die Zusammenlegung der Partitionen – nicht realisieren. (Wenn man diesen Schritt miteinbezieht, ist die Installation dann alles andere als schnell und einfach. Die Partitionierung zu ändern, ist eine Heidenarbeit, und obendrein riskant. Zumindest, wenn man kein Backup hat. Aber wegen des Backups hat man sich womöglich die Lima-Box angeschafft.)

Die Antwort auf diese Frage ist noch ausstehend. Aber ich rechne damit, dass ich die Lima-Box die Box vorerst nicht so werde benutzen können, wie beabsichtigt. Das einzige, was wirklich gut funktioniert, ist der Upload der Fotos und Videos vom iPhone1. Wenn man seine Aufnahmen kontinuierlich sichern, aber nicht Google, Microsofts Onedrive oder der Dropbox anvertrauen möchte, dann ist das eine gute Lösung.

Mir lag an dieser Stelle ein Verriss auf der Zunge. Die Lima-Box kann ihre Versprechen nicht so richtig einlösen. Die Software macht einen unfertigen Eindruck. Dass weder Partitionen unterstützt werden noch Resets möglich sind, macht das Gerät eigentlich unbrauchbar – da hätte vor der Veröffentlichung noch ein halbes Jahr Arbeit in die Software investiert werden müssen. Und damit die Box auch wirklich mit Dropbox und Co. konkurrenzieren kann, müssen noch etliche Funktionen nachgerüstet werden:

  • Zentral ist das Web-Interface, das am Bürorechner Zugriff auf meine Dateien ermöglicht. Am Bürorechner kann und will ich die Lima-Software nicht installieren. Und natürlich will ich auch nicht, dass private Dateien am Büro-PC zugänglich sind. Und das Geschäft will das umgekehrte nicht.2
  • Ein selektiver Sync tut Not. Nicht alle Daten müssen überall verfügbar sein.
  • Ich würde gerne Dateien und Ordner freigeben – entweder öffentlich oder passwortgeschützt. In der iPhone-App gibt es eine Teilen-Funktion. Doch die teilt die Datei selbst und nicht den Link auf die Datei.
  • Es wäre schön, wenn man die Box als Familienspeicherort oder fürs KMU einsetzen könnte. Doch davon rät Lima explizit ab: «Lima should only be used for one person only.» (sic)

Das sind für mich K.O.-Kriterien. Dennoch habe ich mich entschieden, die Box nicht in Bausch und Bogen zu verdammen und auch nicht zurückzuschicken. Die Roadmap hier deutet an, dass die Mankos nach und nach ausgebügelt werden. Dass das seine Zeit braucht, dafür habe ich Verständnis. Neue Funktionen bringen immer auch neue Sicherheitsrisiken, und dass die Sicherheit bei einer solchen Lösung zuoberst stehen muss, versteht sich von selbst.

Trotzdem hat dieses Gadget meine Erwartungen nicht erfüllt. Das kann an mir liegen, weil ich mir eine Lösung auf Dropbox-Niveau vorgestellt habe, ohne daran zu denken, dass Dropbox inzwischen seit bald zehn Jahren an seiner Software feilt. Aber den Vorwurf, dass die Versprechen der Lima-Macher – «Lima provides the best Personal Cloud experience on the market» – etwas gar hoch gegriffen sind, kann ich ihnen an dieser Stelle nicht ersparen.

Footnotes

  1. Naja, inzwischen hat der Upload aus unerfindlichen Gründen gestoppt; 6 GB warten seit längerem darauf, vom iPhone auf die Lima-Box hochgeladen zu werden. ^top
  2. Die App synchronisiert nicht alle Dateien überall hin, verwendet aber einen Cache, um häufig verwendete Dateien schnell vorhalten zu können. Meines Wissens kann man diesen Cache nicht auf null setzen. ^top

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

2 Gedanken zu „Das eigene Datenwölkchen“

  1. Das Ding scheint ja die Nachteile aller anderen Lösungen zu vereinen: “öffentlich” zugängliche Lösung (zumindest der Hersteller kommt drauf), gepaart mit schlechter Software und erbärmlicher Dokumentation (nur eine Partition zu haben, sorgt nicht für “best performance”).

    Dabei geht es mittlerweile auch einfacher: ownCloud/nextCloud gibt es auch von Schweizer Anbietern schon fertig installiert, inkl. regelmässiger Sicherheitsupdates. Zudem ist es auch in einem Webhosting schnell installiert und die Updates funktionieren mittlerweile problemlos, jedenfalls sofern man keine zusätzlichen Apps installiert hat.

    Wenn es zuhause sein soll, dann ein Synology. Es ist erstaunlich, was die Dinger bieten fürs Geld. Unter anderem können sie neuerdings sich selbst verschlüsselt in die Cloud (Google Drive, OneDrive, Amazon S3…) sichern. Inkl. definierbarer Rückhaltezeit etc.

    Als Kombilösung gibt es gehostete NAS. Ein kleines Synology kostet weniger als 50 Fr./Monat in einem Schweizer Rechenzentrum.

  2. I have some good work experience with essay writing service and my words are clearly based on what I felt through such processes in the past.

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