Das Hakenkreuz, das gar keines ist

Putin-Propa­ganda zu verbreiten, ist einfach – die Propa­ganda als Lüge zu entlar­ven, manchmal aber auch. Ein Beispiel, wie das mittels Bilder­suche und Über­setzungs­dienst tun kann – und ein Plädoyer, es auch zu tun.

Aus (manchen) Corona-Massnahmengegner sind Putin-Apologeten geworden. Das ist überaus bedauerlich, aber zu einem gewissen Grad erklärbar.

Diese Leute, die aufseiten Russlands stehen, haben ein Problem: Es ist schwierig, die Position eines rücksichtslosen Aggressors zu verteidigen, der Völkerrecht bricht, mutmasslich Kriegsverbrechen begeht und mutmasslich einen Genozid anstrebt. Wer das rechtfertigen will, muss zu den groben Propaganda-Mitteln greifen und die Wahrheit verdrehen und Dinge aus dem Kontext reissen. Aber in Zeiten der sozialen Medien braucht man auch dafür kein Diplom in angewandter Desinformationsverbreitung. Man braucht sich nur bei den passenden Quellen zu bedienen. Telegram ist hierfür die passende Anlaufstelle.

Wenn nun Bilder und Memes aus der geschlossenen Telegram-Welt in die öffentlicheren sozialen Medien wie Facebook und Twitter schwappen, ist es unsere Pflicht dagegenzuhalten. Das kann, nebenbei bemerkt, auch eine kathartische Wirkung haben. Denn wir sind bei diesem Krieg weitgehend zum Zuschauen verdammt – wir können spenden, was wir tun sollten und manche von uns haben vielleicht die Möglichkeit, eine ukrainische Geflüchtetenfamilie aufzunehmen. Aber im Informationskrieg können wir eine aktive Rolle spielen, wenn wir solchen Lügen entgegentreten.

Dagegenhalten!

Wenn uns auf Facebook und Twitter oder anderswo entschuldigende oder rechtfertigende Beiträge begegnen, dann halte ich es für wichtig festzuhalten, dass es für einen Angriffskrieg keine Entschuldigung gibt.

«Ein abwechslungsreiches Opferland»

Wenn wir ein wenig mehr Zeit haben, dann könnte es lohnenswert sein, dem Inhalt in dem Posting medienkritisch auf den Grund zu gehen. Was ich damit meine, würde ich gerne anhand dieses Facebook-Posts zeigen. Da schreibt einer, mit dem ich seit ein paar Wochen befreundet bin – und der, soweit ich sehe, nicht bloss Putin-Propaganda verbreitet –, die Ukraine «sei ein abwechslungsreiches Opferland».  Dazu hat er einige Fotos gesetzt, die – angeblich – ukrainische Nazis zeigen.

Grundsätzlich fällt auf, dass diese Meinungsäusserung zu den nutzlosen Posts gehört, mit denen man in den sozialen Medien viel zu oft seine Zeit verschwendet. Er macht eine grobe Anschuldigung, indem er andeutet, dass die Ukrainer an ihrem Schicksal irgendwie doch selbst schuld sind. Aber er macht es auf eine ironisch-oberflächliche Art und Weise, die wohl verhindern soll, dass der Urheber direkt angreifbar wird.

Zweitens ist unübersehbar, dass diese Bilder ganz ohne Kontext veröffentlicht werden und darum überhaupt nicht einzuordnen sind. Einer kommentiert denn auch völlig zutreffend: «Es gibt analoge Bilder auch aus der Schweiz.» Neonazis gibt es in vielen Ländern, auch in der Ukraine. Mit Putins Argument von der Entnazifizierung könnte man in jedes einzelne Land in Europa einmarschieren. Nützen würde es nichts, weil man Neonazis nicht auf diese Weise bekämpft.

Die reverse Bildersuche hilft weiter

Drittens findet man heraus, dass Bilder nicht immer das zeigen, was der Urheber behauptet. Mir kam die Aufnahme mit dem vermeintlichen Menschenauflauf in Hakenkreuz seltsam vor. Ich habe es darum in die Bildersuche von Google gesteckt und es im Beitrag В Пензе участники флешмоба в честь Дня космонавтики выстроились в цифру «55», похожую на свастику gefunden.

Nun müsste erst herausfinden, ob die Quelle, gordonua.com, vertrauenswürdig ist. Hier gibt es eine Auflistung ukrainischer News-Websites, in der «Gordonua» auf Platz zehn steht. Sie berichtet in Englisch, Ukrainisch und Russisch, was sie in diesem Konflikt nicht zu einer unabhängigen Quelle macht, aber zu einer, die man prüfen kann und sollte.

Das Foto stammt von 2016 und hat mit dem Krieg nichts zu tun.

Der Beitrag ist in Russisch, aber auch ohne diese Sprache zu beherrschen, erkennt man schon im Titel die Zahl «55», und hat mit dieser Information den Faktencheck des Bildes so gut wie abgeschlossen. Das Foto zeigt nämlich kein Hakenkreuz, sondern zwei etwas eckig geratene Fünfen. Wenn man den Text von Deepl.com übersetzen lässt, erfährt man Folgendes:

Die Teilnehmer des Flashmobs reihten sich in Form der Zahl «55» auf, die den 55. Jahrestag des ersten Raumfluges markiert, und liessen gleichzeitig Luftballons in den Himmel steigen. Studenten der örtlichen Universitäten und Hochschulen sowie Vertreter von Jugendorganisationen nahmen an der Veranstaltung teil.

Erwähnt wird auch, dass sich ein Foto des Flashmobs schnell im Internet, verbreitet habe, da lebende Figur eher wie ein Hakenkreuz ausgesehen hätte. Stattgefunden hat die Aktion im Zentrum von Pensa, einer Stadt in Russland.

Zugegeben: Es ist nicht immer so einfach

Mit anderen Worten: Es braucht Klicks auf die Bildersuche von Google, die Fundstelle und den Übersetzungsdienst Deepl, um nachzuweisen, dass dieses Bild nichts mit Nazis zu tun hat. Und selbst wenn es ein Hakenkreuz wäre, müssten die Russen sich selbst entnazifizieren.

Klar, es ist nicht immer so einfach. Die anderen Bilder im Beitrag habe ich ebenfalls in die Bildersuche eingespeist, aber keinen klaren Treffer gelandet. Die Flagge auf dem Bild unten links stammt von ukrainischen Neonanzis, nämlich von der ins Regiment Asow eingegliederten rechtsextremen Gruppierung Misanthropic Division. Aber ob und wie es mit dem Krieg in Zusammenhang steht, wissen wir nicht.

Abgesehen ist es halt in der Tat so, dass der Urheber des Facebook-Posts bei mir nun unter akutem Propaganda-Verbreitungsverdacht steht: Wer solche Bilder ungeprüft in einen Kontext stellt, der den mutmasslichen Kriegsverbrecher Putin von seiner Schuld reinwaschen soll, der ist für mich nicht mehr glaubwürdig. Umso mehr, weil ich meinen Befund auch als Kommentar unter den Beitrag gesetzt habe. Denn klar, es kann einem einmal ein Fehler unterlaufen. Aber wenn jemand klare Anzeichen ignoriert, dass sein Facebook-Post nicht haltbar ist, dann ist das verantwortungslos und unfreundlich gegenüber allen seinen Facebook-Freunden.

Beitragsbild: Was da alles auf uns einstürzt! (Florian Schmetz, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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