So kommt Bewegung in die Sache

Es gibt dieses Mittelding zwischen stehendem Foto und Video. Es gibt dafür noch keinen guten Gattungsbegriff. Apple nennt es Live Photo (ja, wirklich, mit Ph, als ob der Apfel-Konzern in den 1990ern stecken geblieben wäre). Ich habe auch schon die Bezeichnung Bewegtfoto gelesen, in Englisch moving image. Und früher hat man Solcherlei auch mal kurz Vine genannt.

In Anlehung an Harry Potter und die hyperaktiv wirkenden Daily-Prophet-Fotos könnte man sie auch Potterpix nennen. Oder Lifeprint, wie dieser Drucker, der offenbar Fotos ausdruckt, die sich tatsächlich bewegen. Der ist, wen wundert es?, in einer Kooperation mit dem Filmstudio Warner Brothers entstanden, damit man ihn auch standesgemäss vermarkten kann.

Und auch wenn diese zuckenden Bilder noch keinen vernünftigen Namen haben, sind sie allemal faszinierend. Zumindest für Leute wie mich, die mit klassischen, unbeweglichen Fotos aufgewachsen sind. Offenbar lassen sich aber auch junge Nutzer begeistern, denn ohne sie wäre der Hype um die animierten GIFs kaum so gross und langanhaltend. Aber sie stechen ins Auge, sind oft witzig und haben einen anarchistischen Touch: Sie erzählen eine Kürzest-Geschichte in ein paar Frames, und sie transportieren eine klare Botschaft.

Nebst dem animierten GIF und dem Live-Photo gibt es auch eine dritte Kategorie, die ich in Ermangelung eines besseren Begriffs Animationskunst nennen würde. Bei der wird die Bewegung entweder künstlich erzeugt oder aber verändert oder irgendwie bearbeitet. Und hier kommen vier Apps, mit denen man das tun kann:

Mit Cinemagraph bastelt man so genannte Cinemagramme. Das sind Standbilder, bei denen sich bloss ein kleines Detail bewegt. Im Beitrag Fotos mit dem gewissen Etwas habe ich die App ausführlich vorgestellt. Die App fürs iPhone ist kostenlos, aber für die Premium-Funktionen braucht man inzwischen ein Abo. Es gibt das in drei Varianten. Es kostet 120, 240 oder 320 Franken im Jahr. Für meinen Geschmack etwas viel. Dafür erhält man allerdings auch die App Blendeo, mit der man aus einem Video mit bis zu fünf Minuten Länge eine virtuelle Langzeitbelichtung erzeugt. Das muss ich unbedingt einmal ausprobieren!

Pixaloop gibt nur fürs iPhone; eine vergleichbare App für Android ist indes Loopsie. Sie animiert auf mehr oder weniger intelligente Weise Teile eines Bildes, die in Wirklichkeit nicht animiert sind – oder vielleicht schon, aber ohne dass man Video dazu eingefangen hätte. Man kann mit Pixaloop aus komplett videofreien Standbildern animierte Werke machen. Und weil man beliebige Elemente in Bewegung versetzen kann, lässt sich der Effekt auch ins Surreale drehen.

Anhand des Pfads wird angegeben, was sich im Bild bewegen soll

Das wirkt in manchen Fällen wirklich gut – denn offensichtlich findet eine recht ausgeklügelte Bildanalyse statt, mit der die Struktur des zu animierenden Bildinhalts in die Anaimation überführt. Aber natürlich muss das Bild das auch hergeben – ohne das passende Motiv gibt es auch mit Pixaloop kein Aha-Erlebnis.

Die Animation erfolgt entlang von Pfaden. Die zeichnet man per Finger aufs Bild. Sie geben Richtung und Bewegung vor. Mit den Heftzwecken grenzt man den Bereich ein, in dem die Animation stattfinden soll. Mit dem Sperren-Werkzeug malt man die Bereiche an, die nicht animiert werden sollen.

Über den Schieberegler Tempo bestimmt man die Geschwindigkeit, mit der die Animation abläuft. Und via Loop gibt man vor, ob am Ende der Animation auf den Anfang überblendet wird, ob zwischen den beiden Endpunkten hin und her gewechselt wird (Bumerang) oder versucht wird, ein mehr oder weniger nahtloser Übergang zu erzeugen (Schleife).

Beim Export kann man auch Videoformate angeben, die sich für Profi-Zwecke eignen.

Die Beispiele, die man beim ersten Start der App vorgeführt bekommt, lassen das alles ganz einfach wirken. Sie wecken allerdings auch falsche Erwartungen. Pixaloop gehört nicht zu den Apps, bei denen man nach ein paarmal Wischen auf dem Bildschirm total beeindruckende Resultate vorzeigen kann. Ich musste ein paar Bilder durchprobieren und mehrere Anläufe nehmen, bis ich ein einigermassen ansehnliches Werk hinbekommen habe. Es lohnt sich unbedingt, erst einmal in Ruhe das Tutorial zu studieren. Das wird über das Buchsymbol in der rechten oberen Ecke geöffnet. Und es gibt vier Beispielprojekte, mit denen man üben kann – auch das würde ich unbedingt empfehlen, obwohl ich sonst nicht der RTFM-Typ bin.

Nebst der Möglichkeit, Bildbereiche in Animation zu versetzen, kann man auch Bildbestandteile ersetzen oder hinzufügen:

  • Wasser/Himmel: Es ist möglich, Wasserflächen oder den Himmel durch animierte Varianten zu ersetzen. Da kräuselt sich dann der See, Tümpel oder das Meer, und es ziehen hübsche Schäfchenwolken über die Szenerie, selbst wenn im Original das Firmament grau und trüb gewesen ist.
  • Elemente: Man setzt animierte Objekte – wie Flammen, ein Vogelschwarm, eine sich drehende Spiralgalaxie, Schmetterlinge, eine bruzzelnde Pizza oder eine patrotisch im Wind wehende US-Flagge – ein.
  • Overlay: Über diesen Befehl werden Funken, Schneeflocken, Regentropfen oder -schleier, Motten oder Rauchscwaden übers Bild gelegt.
  • Kamera-F/X: Sie simulieren Schwenker, Zooms und andere Bewegungen beim Aufnahmegerät.

Die App kann spielerisch genutzt werden. Sie ist aber ausgefeilt genug, dass man sie auch für professionelle Zwecke einsetzen kann. Zum Beispiel bei einer Videoproduktion, wo ein Standbild zu statisch wirkt und daher entsprechend aufgepeppt werden sollte. Beim Export kann man sein Foto nicht nur für die einschlägigen sozialen Netzwerke (Instagram, Snapchat, Facebook, Twitter) exportieren, sondern auch als Video – mit vorgegebenem Seitenformat und Auflösung von 1080p über 2k bis hin zu 4k. Auch ein Export als Live-Hintergrund fürs iPhone ist möglich.

Die App ist in der Basisausstattung kostenlos. Für diverse Funktionen, besonders die, die man als Profi gerne nutzen würde, benötigt man aber die Pro-Vrsion. Die kostet für einen Monat 4.50 Franken oder für einen einmaligen Kauf 60 Franken. Wenn man sie ernsthaft nutzen möchte, lohnt sich das allemal.

Mug Life (kostenlos fürs iPhone) ist eine Gesichtsanimator-App. Zu einem Foto (also vor allem Selfies) wird ein bestimmter Gesichtsausdruck – Mimik, Kopfbewegung oder Lippenbewegung – hinzugefügt. Man macht ein Selfie von sich oder ein Foto von einer Person im Raum oder man nimmt eine vorhandene Aufnahme. Dann sucht man sich die Animation, die dem Foto übergestülpt werden soll. Es gibt viel Meme-tauglichen Kram, also telegenes Kopfschütteln, eine enttäuschte Grimasse, Nicken, unanständige Zungenakrobatik à la Batman-Joker, und so weiter

In der Galerie findet man diverse Kategorien: Videogames, Vintage, 3D, Celebs, Makeup, Reactions. Und wenn man mag, kann man auch eigene Vorlagen basteln und über die Community bereitstellen. Dafür benötigt man allerdings ein Abo, das 2 Franken für eine Woche, 12.90 Franken für ein Jahr oder 29 Franken für einen einmaligen Kauf kostet.

Fazit: Die Animation des Gesichts, mit Mimik und alles ist beeindruckend, Aber natürlich zielt die App auf Unterhaltung, nicht auf ernsthafte Videoproduktion. Die App selbst macht denn auch einen aufdringlichen und recht trashigen Eindruck.

Fly Camera für Android, respektive Levitagram (2 Franken fürs iPhone) erzeugt Levitation-Fotos. Bei denen sieht es so aus, als ob man schweben würde. Der Trick ist einfach: Man macht erst ein Foto mit einer Person, die auf einem Gegenstand steht, sodass die Füsse den Boden nicht berühren. Dann macht man ein Foto nur mit dem Hintergrund. Die App fügt die beiden zusammen, und zwar so, dass der Gegenstand, auf dem man stand, verschwindet.

Klar – es entsteht dabei ein Standbild, wodurch diese App eigentlich nicht in die Kategorie der lebendigen Fotos passt. Aber weil Schweben eine besondere Form der animierten Bewegungslosigkeit ist, mache ich hier grosszügig eine Ausnahme…

Beitragsbild: Pixabay/Pexels, Pexels-Lizenz

Autor: Matthias

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