Diese App sollte Adobe Angst einjagen

Affinity Designer Verlauf

Kürzlich gab es im Apple-App-Store Affinity Designer von Serif Labs für fürs iPad für günstige 16 Franken zu kaufen. Das ist ein Vektorgrafikprogramm, das sich für Leute anbietet, die mit Adobe Illustrator nicht zurechtkommen oder der Adobe Creative Cloud müde sind.

Und es ist ideal für Leute wie mich, die zwar von Vektorgrafik keine Ahnung haben, aber vielleicht mal ein simples Logo oder Symbol basteln, ein Kärtchen oder einen einfachen Situationsplan zeichnen möchten – oder die schon in den 1990er-Jahren mit CorelDraw nichts anzufangen wussten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man sich auch mit dem Open-Source-Programm Inkscape über die Runden retten oder einen Versuch mit Krita wagen kann. Oder man wendet sich gleich dem Web und gravit.io oder vectr.com zu.

Aber hier soll es wie gesagt um Designer gehen. Nach dem Start lässt diese App keinen Zweifel daran, dass ich ein denkbar inadäquater Nutzer bin. Man wird nämlich dazu eingeladen, sich die acht mitgelieferten Beispiele anzusehen. Und das sind keine zitterigen Gehversuche oder simple Anwendungen der drei Hauptwerkzeuge, sondern ernsthafte Illustrationen, mit denen man seinen Lebensunterhalt verdienen wollen würde.

Die App selbst präsentiert sich aufgeräumt – aber am iPad Air 2 sehe ich sofort, dass dessen 9,7-Zoll-Display etwas gar klein für die vielen Werkzeuge ist. Kein Zweifel: Für die ernsthafte Arbeit drängt sich das 11-Zoll iPad Pro oder gar das wirklich grosse 12,9-Zoll iPad Pro auf. Es gibt am linken und rechten Bildschirmrand je eine schmale Leiste mit Werkzeugen und Befehlen. Links sind es folgende:

Verschieben, Knoten, Werkzeug für die Punkttransformationen, Ecke, Bleistift, Vektorpinsel, Zeichenstift, Füllungswerkzeug, Transparenz, Vektorzuschnitt, Rechteck, Grafiktext und Farbpipette. Darunter drei Befehle, nämlich Auswahl aufheben, magnetische Ausrichtung und Löschen.

Text und Rechteck haben auch Ausklapp-Menüs, die beim etwas längeren Antippen erscheinen. Beim Text gibt es die Auswahl Grafiktext und Mengentext. Beim Rechteck erscheint eine ellenlange Liste mit Formen, die nebst Ellipse, Quadrat, Dreieck, Stern, Träne, Trapez und Zahnrad auch Dinge wie Wolke, Raute, Sichel, Herz, Torte, Ring und Polygon enthält.

Das sind die Basis-Instrumente, die man so oder ähnlich aus Illustrator, CorelDraw oder Inkscape kennt. Mit ihnen leistet man die harte Gestaltungsarbeit, zeichnet Figuren, verändert Vektorkurven und fügt Text hinzu.

Rechts findet sich zuoberst der Befehl Benutzeroberfläche ausblenden, mit dem man sämtliche Werkzeugleisten zum Verschwinden bringt und nur noch das Dokument vor Augen hat. Darunter gibt es die so genannten «Studios». Die für die, wenn man so will, fortgeschrittenen Arbeitstechniken zuständig. Man arbeitet nicht an den Vektorkurven direkt, sondern organisiert die Elemente und deren Struktur, fügt vorhandene Versatzstücke ein, verändert bzw. bearbeitet Gruppen von Objekten oder operiert mit Effekten und Bildbearbeitungsmethoden.

Konkret gibt es Studios für folgende Bereiche:

Farben, Konturen, Pinsel, Ebenen, Darstellung, Assets, Symbole, Ebeneneffekte, Anpassungen, Text, Transformationen, Navigation und Protokolle

Zuunterst gibt es die Taste Hilfe, mit der man gelbe Beschreibungen für alle Befehle anzeigt.

Das dritte und letzte Bedienelement kümmert sich um das Dokument. Es findet sich als horizontale Leiste in der linken Bildschirmecke und enthält die Befehle Dokument, Bearbeiten, Designer, Pixel und Export.

Bemerkenswert ist der Befehlspunkt Pixel. Mit ihr wechselt man zu den Werkzeugen, mit denen man Pixelbilder bearbeitet, also zu Dingen wie Malpinsel und Radierer. Interessant ist in solchen Fällen natürlich, was mit den Vektoren passiert: Werden die in Pixel konvertiert und somit unwiderruflich verändert? Nein: Wenn man mit dem Radierer Pixel weglöscht, entsteht eine Pixelmaske, die die wegradierten Bereiche zum Verschwinden bringt. Die ursprünglichen Vektoren bleiben intakt und wie gewohnt bearbeitbar – das ist raffiniert!

Affinity Designer Verlauf
In der Ebenenpalette sieht man das Zusammenspiel von Vektor- und Pixelbearbeitung. Die Initialen (die ich ungerechtfertigterweise eingefügt habe, weil ich nicht der Künstler dieses Werks bin), sind als Maskenebene im Pixelformat angelegt.

Bei Dokument finden sich Befehle zur Änderung der Dokumentgrösse, für den Export, das Kopieren, Drucken, für Hintergründe, Hilfslinien, Platzieren von Bildern und das Umwandeln

Beim Umwandeln hier geht es um den Farbraum. Typischerweise arbeitet man mit RGB, aber nebst Graustufen und LAB gibt es für die unverbesserlichen CMYK-Anhänger auch den vierfarbigen Farbaufbau. Man kann jeweils auch das Farbprofil und die Pixeltiefe wählen. Und das macht klar: Affinity will auf Profi-Niveau mitspielen und auch technisch alle Anforderungen erfüllen, die für die einwandfreie Reproduktion im Druck eine Rolle spielen.

Im Bearbeiten-Menü finden sich Befehle wie Duplizieren, Ausschneiden, Alles markieren, Gruppieren, In Kurven umwandeln, Dahinter einsetzen, Oben einsetzen und Innen einsetzen, unterschiedliche Füllmethoden (Abwechselnd und Gewunden). Und die Befehle, die man bei Illustrator vom Pathfinder her kennt, nämlich Hinzufügen, Subtrahieren, Überlappen, Aufteilen und Xor.

Das ist eine ziemlich beachtliche Aufzählung. Damit kommt man selbst als erfahrener digitaler Illustrator schon sehr weit. Es wird so sein, dass dieses oder jenes aus Illustrator bekannte Werkzeug fehlt – aber ob das eine Rolle spielt oder völlig egal ist, hängt von den persönlichen Vorlieben und der Arbeitsweise ab.

Darum lässt sich an dieser Stelle kein Verdikt fällen wie: «Jawohl, Affinity Designer ist ein hervorragender Ersatz für Illustrator oder CorelDraw». Denn das stimmt für den einen Illustrator. Und für den anderen wäre das Gegenteil wahr: «Nein, es fehlt Affinity Designer an Dingen, die unverzichtbar sind.»

Wenn eine Funktion zu fehlen scheint, dann kann es aber auch sein, dass man sie am falschen Ort sucht. Zum Beispiel das Verlaufswerkzeug, das für Vektorillustrationen recht wichtig ist. In Illustrator gibt es dafür einen eigenen Knopf. Bei Affinity Designer steckt es im Füllungswerkzeug. Man gibt in der Kontextleiste anstelle des Typs Gleichmässig die Option Linear, Elliptisch oder Radial an und legt den Verlauf dann direkt in der Zeichnung, über entsprechende Steuerungslinien und Punkte fest – mit einem Dialogfenster zu operieren, wird einem nicht abverlangt.

Affinity Designer Verlauf
Rechts die Ebenenpalette, in der die einzelnen Bestandteile der Grafik auffind- und auswählbar sind. Links davon das Werkzeug für Verläufe.

Die Leiste mit den kontextuellen Einstellungsmöglichkeiten befindet sich übrigens in der Mitte des unteren Bildschirmrands, und sie wird weiter unten noch im Detail beschrieben.

Wichtig für das persönliche Wohlbehagen mit einer Software ist selbstverständlich auch, wie präzise die Werkzeuge arbeiten und wie einfach handzuhaben sie sind. Das zu beurteilen, traue ich mir nur bedingt zu – denn wie gesagt, muss ich mein tägliches Brot nicht mit dieser App verdienen. Und auch hier ist es selbstverständlich so, dass die individuellen Vorlieben eine zentrale Rolle spielen. Das ist, um einen unpassenden Vergleich zu wählen, wie bei einer Tastatur. Die einen mögen einen weichen, leisen Anschlag mit geringem Hub. Die anderen lieben es, wenn es klappert und scheppert und man so richtig draufhauen kann.

Darum mein persönliches Fazit: Ich komme Affinity Designer gut zurecht. Die Werkzeuge sind einleuchtend für mich und sie tun das, was ich erwarte. Serif Labs hat einen hervorragenden Job gemacht, eine Benutzeroberfläche zu entwickeln, die am Tablet Sinn ergibt und auch per Finger und Touch einfach zu bedienen ist.

Am unteren Rand in der Mitte erscheint je nach Befehl ein Menü mit kontextuellen Befehlen: Beim Bleistift zum Beispiel gibt es die Parameter Breite und Konturfarbe mit der Auswahl, ob man mit oder ohne Füllung zeichnen will. Bei Steuerung gibt man an, was den Pinselstrich beeinflusst: Tempo, Druck oder ohne. Wählt man Tempo, wird der PInselstrich dicker, je schneller man zeichnet.

Ausserdem gibt es die Option Modellieren. Die wird in der Hilfe wie folgt beschrieben:

Ist diese Option aktiviert, lässt sich jeder ausgewählte Bleistiftstrich neu formen oder fortsetzen. Um ihn zu verformen, zeichnen Sie entlang des Bleistiftstrichs einen neuen Start- und Endpunkt. Um den Strich fortzusetzen, zeichnen Sie einfach an dem Start- oder Endpunkt weiter.

Das ist eine wirklich nützliche Funktion gerade für die weniger geübten Nutzer – und normalerweise etwas, das Softwarehersteller erst dann hinzufügen, wenn die Updateversion so langsam zweistellig zu werden droht.

Beim Zeichenstift lässt sich im Kontextmenü der Bearbeitungsmodus ein- und ausschalten. Ist der Modus an, ändert man die gezeichnete Kurve. Ist er aus, zeichnet man neue Kurven oder führt die angefangene fort. Das ist intiutiv und praktisch.

Bei Rechtecken ändert man im Kontextmenü den Eckentyp oder wandelt das Objekt in Kurven um.

Und so weiter… durchdacht ist das Kontextmenü auch beim Verschieben-Werkzeug, das auch der Auswahl von Objekten dient. Das grösste Manko, wenn man am Touchscreen arbeitet, sind nämlich die fehlende Steuerungstasten. Arbeitet man mit Illustrator am Windows-PC oder Mac, hält man die Umschalttaste gedrückt, um mehr als ein Objekt auszuwählen. Diese Möglichkeit fällt am Tablet weg. Aber im Kontextmenü gibt es die Option Zur Auswahl hinzufügen; nebst Darunter auswählen und Innerhalb auswählen.

Es ist klar: Für 16 Franken – oder auch fürs Doppelte – erhält man so viel Zeichenpower, dass man diese App unbedingt auch einfach auf Verdacht hin kaufen muss. Man kann sie für den Fall bereithalten, dass man einmal tatsächlich etwas zeichnen möchte. Oder man braucht sie als Grafikspielzeug – denn kreativ ist das Zeichnen per Touch allemal, und vielleicht haben auch die Kinder Spass daran.

Ich halte die Bedienung für gelungen und den Funktionsumfang für beeindruckend – denn es kommen ja noch die so genannten Studios dazu, die ich kurz aufgezählt, aber hier nicht näher beschrieben habe. Die eröffnen noch einmal ein weites Tummelfeld:

Man kann, natürlich, mit einer vorgefertigten Farbauswahl operieren oder sich seine Pinsel zurechtschustern. In der Ebenenpalette findet man nicht nur die eigens angelegten Ebenen, mit denen man seine Zeichnung in mehrere Schichten aufteilt. Es werden hier auch alle Zeichenelemente aufgeführt, die man leicht auswählen und ein- und ausblenden kann.

Um ein Objekt zusätzlich auszuwählen, streicht man übrigens von rechts nach links darüber – von links nach rechts wählt ein Objekt ab und mit Antippen wählt man nur ein einzelnes Objekt aus. Auch das ist durchdacht und hilft einem, ohne Umschalttaste mehr als ein Objekt zu markieren.

Bei Assets gibt es Symbole und Steuerungselemente und bei den Ebeneneffekten Dinge wie der Schein nach Innen, Schein nach aussen, die Gausssche Unschärfe und ein 3D-Effekt, der einem Objekt Tiefe gibt. Bei den Anpassungen finden sich Befehle, wie man sie typischerweise in einer Bildbearbeitung findet, nämlich den Kanalmixer, die Belichtung, Gradationskurve, LUT, Schatten/Licht, und so weiter.

Und schliesslich das Protokoll, das jeden einzelnen Bearbeitungsschritt in einer langen Liste mit einer kleinen Vorschau aufführt und es so erlaubt, im Bearbeitungsverlauf vor- und zurückzuspringen. Über die Snapshots speichert man Bearbeitungszustände, die man später noch zur Verfügung haben möchte.

… und damit habe ich meine Behauptung im Titel hoffentlich ausreichend untermauert: Diese App sollte Adobe wirklich Angst einjagen: Sie ist ein hervorragender Ersatz für Illustrator. Die obendrein viel günstiger ist und einem jegliches Heckmeck mit der Cloud erspart.

Beitragsbild: Das ist eine der Beispielgrafiken. Die bringt klar zum Ausdruck, dass Affinity Designer auch für komplexe Projekte geeignet ist. Mein altes iPad Air 2 kommt damit aber ganz gehörig an den Anschlag.

Autor: Matthias

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