Diese Dinos sind nicht mehr ganz taufrisch

Wenn ihr denkt, das Mesozoikum sei lange her – dann denkt mal an die 1990er-Jahre!

Heute geht es um einen alten Hut. Der heisst «Jurassic Park» und war 1993 ein Riesending im Kino. Man erinnert sich vielleicht noch. Steven Spielberg hat sich einen Stoff von Michael Crichton vorgenommen. Man hat damals geschwärmt, wie lebensecht die Dinosaurier doch zum Leben erweckt worden seien. Zwar nicht mittels modernster Genetik. Aber immerhin mit zeitgemässer Filmtechnik.

Ich fürchte, «Jurassic Park» hat den Test der Zeit nicht bestanden. Aus heutiger Sicht wirken die Hauptfiguren, die Velociraptoren, die Stegosauri und Dilophosauri, etwas mechanisch und ungelenk. Denn heute lassen sich mit dem Budget einer mittleren Fernsehserie mehr gruselige Kreaturen in die Handlung einbauen als vor 26 Jahren mit einem Hollywood-Budget (63 Millionen US-Dollar hat er gekostet).

Gut, es gibt auch andere Ansichten. Hier wird behauptet, der Film sei noch immer der grösste CGI-Streifen aller Zeiten. Scheint mir unplausibel, zumal der digitale Anteil mit 14 Minuten gering ist. Der grösste Teil der Effekte wurde animatronisch mittels Modellen erzeugt.

Ich habe den Film damals im Kino gesehen. Ich erinnere mich, dass ich mässig beeindruckt war. Den Anfang, wo man den Park und die Hauptfiguren kennenlernt, fand ich spannend. Doch ab dem Moment, wo die Saurier die Herrschaft übernehmen, wird die Story flach: Es geht ums Überleben und um nichts anderes mehr. Natürlich habe ich Tim und Lex die Daumen gedrückt. Aber intellektuell habe ich mich nicht mehr wirklich gefordert gefühlt.

Das ist das Problem, wenn Zombies, Ausserirdische, Raketenwürmer oder Riesenschnecken die Antagonisten sind: Sie haben banale Motive. Und sie sind in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Natürlich, im Film werden die Velociraptoren als intelligent beschrieben. Und trotzdem darf man von ihnen keine schlauen Ränkespiele, keine Intrigen oder psychologische Kriegsführung erwarten. Sie folgen ihren Instinkten, ihrer Natur.

Die menschlichen Helden, so sehr man sich auch mit ihnen identifiziert, müssen sich auf dieses Niveau herablassen. Vielleicht gibt es den einen oder anderen interessanten Nebenhandlungsstrang, zum Beispiel ein sabotierender Computertechniker, der Dinosaurier-Embrios stiehlt. Aber letztlich läuft doch alles auf einen Action-Showdown heraus. Und da ist der Ausgang im Grunde völlig zufällig. Diese Position vertritt in «Jurassic Park» übrigens recht überzeugend Dr. Ian Malcolm: Er erklärt uns, weswegen die  Chaostheorie es uns verbietet, uns an Gewissheiten zu klammern und an die Berechenbarkeit der Welt zu glauben.

Ich weiss natürlich, dass ein Grossteil der Kinobesucher nichts anderes erwartet als ein Actionspektakel – und da ist es womöglich sogar egal, ob die Dinosaurier so echt wie das Leben oder wie von Ed Wood erfunden aussehen. Aber mich langweilen Action-Szenen, wenn sie länger als dreieinhalb Minuten dauern. Ich ziehe es vor, wenn der Verlauf der Geschichte nicht durch Geschwindigkeit, Skrupellosigkeit oder Gewalttätigkeit entschieden wird, sondern durch Witz, Empathie und Klugheit. Taktik ist auch erlaubt, wenn sie sich nicht auf das sportliche oder militärische Feld bezieht.

Dass ich mich trotzdem mit «Jurassic Park» beschäftigt habe, hat zwei Gründe. Einerseits gibt es eine relativ neue Hörbuch-Variante bei Audible. Andererseits hat meine Tochter, wohl wegen «Peppa Pig», eine gewisse Vorliebe für die Viecher entwickelt. Und darum habe ich auf dieses Abenteuer eingelassen.

Das Fazit an dieser Stelle krankt am Umstand, dass ich wie erwähnt den Film vor 26 Jahren gesehen habe und mich nur noch schwach daran erinnere. Trotzdem kann ich sagen, dass mir das Hörbuch mehr Spass gemacht hat als der Film. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viel von der Wissenschaftskritik des Dr. Ian Malcolm im Film vorkommt.

Aber im Buch fand ich die spannend: Bringt es wirklich das Vertrauen in die Wissenschaft zum Wanken, wenn man erkennen muss, dass nicht alles berechenbar ist? Zerstört es das Interesse der Gesellschaft an der rationalen Denkhaltung, wenn wir erkennen, dass wir uns von der Idee verabschieden müssen, irgendwann mal die Börsenkurse, die Launen der Konsumenten und sogar das Wetter über Wochen und Monate vorauszubestimmen?

Ich würde das verneinen. Denn eigentlich war das doch intuitiv klar. Und vor allem gehört die Falsifizierung von Theorien, die Widerlegung von Ideen zum täglichen Geschäft der Wissenschaft. So gesehen hat auch «Jurassic Park» in Buchform den Test der Zeit nicht wirklich bestanden. Heute wissen wir, dass Verschwörungstheoretiker, Wirrköpfe im Internet, durchgeknallte Youtuber und Flacherdler, Esoteriker, Dummschwätzer und naive Fake-News-Konsumenten das Vertrauen in die Wissenschaft erschüttern.

Trotzdem ist «Jurassic Park» eine angenehme Lektüre. Auch das Buch ist gegen Ende etwas Action-lastig; aber im Gegensatz zum Film stört es da weniger. Auch die Lesung von Scott Brick hat mir gut gefallen.

Und es stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine gute Idee ist, eine Geschichte wie diese von einem Medium (Buch) auf ein anderes zu übertragen (Film). Vielleicht müsste man sie im Kino komplett neu erzählen – zum Beispiel radikal subjektiv aus der Sicht der beiden Kinder Lex und Tim. Ich denke, das würde funktionieren…

Beitragsbild: Für intellektuelle Höhenflüge eher ungeeignete Gegenparts (Dariusz Sankowski/Pixabay, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

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Ein Gedanke zu „Diese Dinos sind nicht mehr ganz taufrisch“

  1. Im Film war „Dr.“ Ian Malcolm mit Abstand der schwächste Charakter. Er hat wenig wissenschaftliches von sich gegeben und das war dann auch noch so oberflächlich, dass man sicher nichts über Chaostheorie gelernt hat. Die animatronischen Effekte finde ich auch heute noch gelungen. Bei CGI hat sich seither sicher einiges getan, aber wirklich überzeugend sind damit erzeugte Szenen für mich noch immer nicht.

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