Da weinen Bildbearbeiter vor Glück!

Ist das noch Fotografie? habe ich mich neulich gefragt. Es ging um Spielereien mit der Doppelkamera des iPhones, die auch Tiefeninformationen aufnimmt. Das ermöglicht es, manuell ein Bokeh dazuzurechnen oder den Hintergrund unschärfer zu rechnen, als er es von Haus aus wäre. Ob man das mag, ist Geschmackssache – und eine Frage, wie weit man seine Bilder dem Einfluss von Algorithmen aussetzen möchte.

Nun ist mir aber neulich eingefallen, dass die Doppelkamera auch für die herkömmliche Bildbearbeitung nützlich sein könnte. Der Trick mit dem Portraitmodus des iPhones basiert darauf, dass mit Hilfe der Tiefeninformationen, Vordergrund und Hintergrund einfach voneinander getrennt werden können. Entsprechend müssten diese Informationen doch auch beim Freistellen helfen, oder? Freistellen bedeutet, dass der Hintergrund isoliert und entfernt wird. Man braucht den für sein Foto nicht oder empfindet ihn als störend. Man will in der Layoutsoftware womöglich den Text um das Objekt herum arrangieren. Oder vielleicht möchte man auch einen anderen Hintergrund einfügen.

Normalerweise ist das mit beträchtlichem Aufwand verbunden:  Man muss eine Maske anlegen, was bei feinen Strukturen wie Haaren keinen Spass macht. Natürlich gibt es Algorithmen, die helfen. In Photoshop hilft oft die Motivauswahl (Auswahl > Motiv), aber man muss sich oft auch mit Werkzeugen wie dem ominösen Kanten verbessern herumschlagen.

Doch wenn die Kamera Tiefeninformationen mitliefert, sollte das eigentlich enorm einfach sein: Die Pixel, die relativ nahe an der Kamera dran sind, gehören in aller Regel zum Bereich, den man beibehalten möchte. Die Pixel, die weiter entfernt von der Kamera sind, machen den Hintergrund aus und können weg. Aber gibt es eine App, die genau das tut?

Die Standard-Foto-App von Apple ermöglicht es, bei der Bearbeitung die Beleuchtung zu verändern. Mit den Optionen Bühnenlicht und Bühnenlicht mono wird der Hintergrund schwarz – aber eben nicht transparent.

Es gibt aber eine App, die genau das verspricht: Depth Background Eraser von Jon Colverson: Man zieht am Regler Background Depth, und der Hintergrund verschwindet und wird durch das typische Kästchenmuster ersetzt, das in Photoshop transparente Bereiche kennzeichnet. Das passiert graduell: Erst verschwinden die am weitesten entfernten Bereiche, dann diejenigen, die näher am Motiv dran sind. Bei einem Bild mit gestaffelten Hintergründen (Himmel, Hecken, Bäume) ist das recht eindrücklich: Es sieht aus, als ob die Welt im Hintergrund quasi wegbrechen würde.

Mit Edge Softness macht man die Kanten bei Bedarf noch etwas weicher, wenn noch ein paar Pixel des Hintergrunds durchscheinen. Wenn man das Bild exportieren will muss man in die Tasche greifen: Das Update kostet 2 Franken – nutzt man die App gratis, kann man die freigestellten Bilder nur am Bildschirm ansehen, was natürlich nutzlos ist. Der Export erfolgt als PNG, was nahe liegend ist: JPG unterstützt keinen Alphakanal zur Kennzeichnung der transparenten Pixel. Noch etwas besser als PNG wäre das Tiff-Format geeignet. Das steht aber nicht zur Verfügung. Man gibt das fertige Bild über das Sharesheet weiter: Man speichert es in der Dateien-App oder lädt es bei einem Clouddienst wie der Dropbox hoch. Öffnet man die Datei in Photoshop, ist der Hintergrund tatsächlich transparent, ohne dass man einen Finger krumm gemacht hätte.

Je weiter der obere Regler nach links geschoben wird, desto mehr verschwindet vom Hintergrund.

Freistellen, ganz ohne Handarbeit? Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Und es ist auch nicht so perfekt, wie man glauben könnte: Die Kanten sind nicht immer sauber: Manchmal bleibt ein bisschen vom Hintergrund am Motiv «kleben» und Details wie Haarsträhnen können durchaus verloren gehen. Ausserdem darf der zu entfernende Hintergrund nicht zu nah am Motiv dran sein – sitzt die freizustellende Person zum Beispiel schräg auf einem Bänklein, kann es sein, dass die Lehne sich nicht überall vollständig wegrechnen lässt. Und schliesslich erkennt das iPhone nur in einem relativ beschränkten Bereich Tiefeninformationen. Motive, die zu nah oder zu weit weg sind, müssen nach wie vor von Hand separiert werden.

Trotzdem: Eine Aufnahme von Depth Background Eraser vorbereitete Aufnahme in Photoshop zu perfektionieren, ist deutlich weniger aufwändig, als wenn man die ganze Freistellung selbst erledigen muss. Wennn man die Sache mit professionellem Anspruch betreibt, dann sollte man schon bei der Aufnahme auf gute Freistellbarkeit achten: Es braucht einen ruhigen Hintergrund, der weit genug von der Person oder dem Gegenstand im Vordergrund entfernt ist.

Die Details in Photoshop: Wie man sieht, müsste man vor allem bei den Fingern der linken Hand noch nachbessern.

Und übrigens: Auch wenn der iPhone-Fotomodus Portraitmodus heisst, kann man ihn ausgezeichnet auch für Gegenstände benutzen.

Abschliessend ein Extratipp: Die App Apollo: Immersive Beleuchtung (1 Franken) rechnet künstliche Lichteffekte aufs Motiv. Man operiert auf digitalem Weg mit Gobo-Masken, was dank den Tiefeninformationen viel besser funktioniert als zum Beispiel im Beitrag Effektvolles Spiel mit Licht beschrieben. Das ist so beachtlich, dass ich die App separat vorstelle. Jedenfalls ist klar: Die Doppelkamera ist nicht bloss Schnickschnack: Die kann selbst für Profis echte Vorteile bringen!

Beitragsbild: Typischerweise nicht die Masken, an die man bei der Bildbearbeitung so denkt. (josealbafotos/Pixabay, CC0). Das Motiv der Beispielbilder ist der Fischmädchen-Brunnen in Winterthur.

Autor: Matthias

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2 Gedanken zu „Da weinen Bildbearbeiter vor Glück!“

  1. Ist ja krass! Erinnert etwas an die (mässig erfolgreichen) Lichtfeldkameras. Wie ich gerade gesehen habe, unterstützt Lightroom „Depth Maps“ als Previev-Feature. Hätte man also ein iPhone und ein Lightroom-Abo, könnte man auf Tiefe maskieren. Das wäre in der Tat eine Erleichterung, um den Hintergrund etwas abzudunkeln etc.

    Prognose: in ein paar Jahren erfassen alle Kameras Tiefeninformationen und das Bildformat DNG wird entsprechend erweitert, so dass man weiterhin mit RAW-Dateien arbeiten kann. Man darf gespannt sein!

    (Ebenso gespannt bin ich auf die Neuerungen bezüglich KI in der Bildbearbeitung. Vielleicht geht es bald sogar ohne Tiefensensor, sondern man klickt einfach auf das Objekt, das man freigestellt haben will und die Software macht den Rest.)

    1. Ich wage es nicht, deiner Prognose zu widersprechen. Im Gegenteil, ich glaube, dass der Schritt vom flachen Foto zur (echten) 3D-Landschaft nicht mehr so lange auf sich warten lässt.

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