Ich, wie ich es gar nicht mehr kapiere – Symbolbild (Anna Shvets, Pexels-Lizenz).

Wer ist hier auf dem falschen Dampfer? Ich oder die KI?

In der Er­war­tung, mir eine hüb­sche Website ge­stal­ten zu las­sen, habe ich mit dem «KI-Design­part­ner» auf gamma.app los­ge­legt. Heraus­ge­kom­men ist etwas völ­lig anderes.

Gamma ist «Ihr KI-Designpartner für mühelose Präsentationen, Websites, Social-Media-Beiträge und mehr». So die Selbstanpreisung auf gamma.app: «Damit Sie sich auf das wesentliche konzentrieren können.» Für mich stellt sich zwar die Frage, worum es sich bei den «wesentlichen Dingen» handeln könnte, wenn die kreativen Belange anscheinend nebensächlich sind. Aber derlei Ungereimtheiten halten mich natürlich nicht von einem Test ab.

Für einen ersten Eindruck will ich mir eine Website entwerfen lassen. Dieses Experiment habe ich schon zweimal unternommen: Der AI Website Builder von WordPress bescherte mir einen Reinfall. Doch Lovable fuhr einen Achtungserfolg ein.

Dieses durchwachsene Resultat beweist, wie anspruchsvoll diese Aufgabe ist: Wenn wir uns unter einer Website nicht bloss eine simple Landingpage vorstellen, dann besteht eine Website aus mehreren Komponenten, die hübsch harmonieren müssen: Ein Blog braucht mindestens eine Übersichtsseite und eine Gestaltung für einen geöffneten Artikel.

Hochgradig irreführend: die Bezeichnung «KI-Designpartner». Dafür trifft «Hot Air» ins Schwarze.

Endlich eine Website ganz nach Mass?

Also, die konkrete Aufgabe ist ein Redesign für dieses Blog hier.

Die Gliederung und die Gestaltungsvorgaben für die Präsentation.

Ich verwende die Aufgabenbeschreibung, die ich auch bei den beiden anderen Webdesign-KIs benutzt habe. Als ich sie Gamma übergeben will, stelle ich fest, dass das Eingabefeld auf 500 Zeichen beschränkt ist, meine Instruktionen aber dreimal so lang ausgefallen sind.

Dieses Limit ist ein K.-o.-Kriterium, noch bevor wir überhaupt begonnen haben. Wenn wir eine klare Vorstellung unserer Ideen übermitteln sollen, dann können die Instruktionen etwas länger ausfallen. So kurz lässt sich eine Idee nur grob umreissen.

Dann halt die Kurzfassung

Knurrend dampfe ich meine Beschreibung auf 500 Zeichen ein, wobei ich mich auf die formalen Aspekte beschränke. Dann versetze ich die KI in Gang. Daraufhin erhalte ich einen sogenannten Umriss und sechs Varianten, was Titel, Farbe und Typografie angeht; ausserdem einige Optionen für den Inhalt – aber nichts, was wie die Gestaltung eines Blogs aussieht. Ich bin verwirrt. Um herauszufinden, wohin das führt, klicke ich auf Generieren.

Daraufhin unterbreitet mir Gamma etwas völlig anderes, als ich erwartet habe. Kein Theme, sondern eine Präsentation, mit der ich mein Blog einer Versammlung von Investoren schmackhaft machen oder an einer Blogger-Konferenz vorstellen könnte. Die KI hat meine Instruktionen nicht als gestalterische Vorgabe verstanden, sondern als Inhalt hergenommen, um einen Marketing-Pitch abzufüllen. Die Auswahl «Website» führt dazu, dass die Präsi als Onepager daherkommt, der von oben nach unten durchgescrollt wird. Das ändert aber nichts daran, dass die Gliederung einem klassischen Powerpoint-Werk entspricht, das Folie für Folie vorgeführt wird.

Ein Grundlagenirrtum

Tja, dass ich das nach dreissig Jahren Tech-Journalismus noch erleben darf! Ich habe tatsächlich den Sinn und Zweck dieser Webanwendung komplett missverstanden. Ein erstes Anzeichen von Senilität? Womöglich. Aber eine Sache, die gut zu den beiden anderen Irrtümern dieser Woche passt.

Das Resultat: Kein Webseiten-Layout, sondern eine Online-Präsentation.

Nun, die Fehlannahme dürfte durch den Begriff «KI-Designpartner» entstanden sein: Ich stellte mir darunter ein gestalterisches Muster vor; etwas, bei dem der Schwerpunkt auf der Optik liegt. Doch die ist bei Gamma nebensächlich. Es geht um etwas, das ich inhaltliche Strukturierung nennen würde. Die einzelnen Seiten werden zwar mit visuellen Elementen angereichert: Es gibt KI-Illustrationen, Piktogramme, Kästchen und infografische Versatzstücke. Doch das ist illustratives Zierwerk.

Aber gut, akzeptieren wir den Irrtum und beurteilen wir das Resultat aufgrund der veränderten Ausgangslage: Ohne Zweifel erfüllt Gamma ein grosses Bedürfnis: Eine grobe Idee in ein ausgefeiltes Marketing-Konzept umzuwandeln, ist etwas, das Heerscharen von Projektmanagern und Abteilungsleiterinnen das Leben erleichtern wird. Und in der Tat macht das Resultat Eindruck: Es wirkt abwechslungsreich, durchdacht, modern und kompetent.

Das ergibt hinten und vorn keinen Sinn

Zumindest bei der oberflächlichen Betrachtung. Schaut man näher hin, dann ergeben die grafischen Anreicherungen absolut keinen Sinn:

  • Die Themen meines Blogs sind als eine Art Zeitleiste dargestellt, die eine Entwicklung suggeriert. Eine irrelevante Dimension. Immerhin passen die Piktogramme gut.
  • Die Grafik zu der «Einzelseite» ist so generisch, wie sie nur sein kann, und weder die Ablaufgrafik noch die zyklischen Pfeile auf den Detailfolien lassen sich irgendwie inhaltlich erklären.
  • Ausserdem betätigt sich Gamma auch inhaltlich als Bullshit Artist und erfindet diverse Details dazu, von denen in meinem Konzept nicht ansatzweise die Rede war: Da ist die Rede von responsivem Design, von Barrierefreiheit, von Lazy Loading und «Sticky-Headern mit intuitiver Menüführung», von einem «vertrauenswürdigen Farbkonzept» und «subtilen Mikroanimationen».
  • Schliesslich zieht sich Gamma eine «Kernredaktion» und ein «Expertinnen-Netzwerk» sowie die Möglichkeit für Gastbeiträge fürs Blog aus dem Hinterteil. Alles Dinge, die es aus gutem Grund nicht gibt.

Fazit: Natürlich ist mir klar, dass diese Elemente als Platzhalter gedacht sind, die den wahren Gegebenheiten angeglichen werden müssen. Trotzdem sehe ich zwei grundlegende Probleme:

  1. Die Gefahr ist gross, dass sich Nutzerinnen und Nutzer durch die eigenmächtig eingebrachten Bausteine in eine bestimmte Richtung lenken lassen. Damit beteiligt sich die KI an der Konzeptarbeit, obwohl das nicht ihre Aufgabe ist.
  2. Wer sich aus Zeitmangel eine solche Präsentation von der KI erstellen lässt, kommt womöglich überhaupt nicht dazu, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Wenn das Publikum mit dem Projekt nicht vertraut ist, dürfte das Blamage-Risiko gering sein. Trotzdem öffnet diese Software Blendern Tür und Tor, die mit maximaler Wichtigtuerei eine inhaltliche Nullnummer abziehen.

Der falsche Einsatz von KI

Kommen wir zum Fazit: Wir können festhalten, dass meine alte Feststellung weiterhin Bestand hat. Ich habe sie nach Tests von Logo-Generatoren (hier und hier), einer Layout-KI, einem Modell für Typografie und einem für Piktogramme sowie einer Innendekorations-App gefasst: Die künstliche Intelligenz taugt nicht für die kreative Gestaltung – selbst wenn Gamma nicht einmal den Versuch zu einem ernsthaften visuellen Exploit unternimmt.

Unter dem Strich verfolgt Gamma einen falschen, kontrastierenden Ansatz: Die KI greift viel zu tief in einen Prozess ein, der sich nicht delegieren lässt. Denn würde die künstliche Intelligenz die grundlegende Konzeptarbeit beherrschen, könnte sie den Job auch gleich im Alleingang erledigen – dann bräuchte es den Menschen nicht mehr.

Kurz zu den Modalitäten: Die Gratisvariante gibt 400 Credits, die man für Experimente aufbrauchen kann. Das Plus-Abo kostet acht US-Dollar im Jahr und für 15 Dollar gibt es das Pro-Abo mit doppelt so vielen KI-Token.

3 Kommentare zu «Wer ist hier auf dem falschen Dampfer? Ich oder die KI?»

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