Bücher anhand ihres Covers zu kaufen, ist tückisch. Fernsehserien bloss aufgrund des Titels auszuwählen, kann ebenso in die Irre führen. Beispiel: die Serie Hacks. Wenn sie schon so heisst, habe ich keine Wahl, als sie zu sehen und aus computerjournalistischer Sicht zu besprechen. Denn um technische Tricksereien dreht sich mein berufliches Schaffen, und ich bin auch privat ein grosser Freund von jeglichen Methoden, die auf raffinierte Weise aus einer Sache mehr oder etwas anderes herausholen, als es beabsichtigt war.
Ich schaue also diese Serie, die hierzulande bei Netflix läuft. Ich amüsiere mich ausgezeichnet. Die beiden Frauen in den Hauptrollen harmonieren toll. Beide sind sie auf ihre Art grantig, ehrgeizig und selbstbewusst; auch wenn das Leben dazu (auf hohem Niveau) nicht viel Anlass gibt. Sich nicht korrumpieren zu lassen, ist für beide Frauen wichtig – auch wenn die alte genau weiss, dass gewisse Kompromisse notwendig sind, während die junge exakt das lernen muss.

Die eine ist angekommen, die andere kaum aufgebrochen
Beide sind sie im Unterhaltungsgeschäft tätig. Die alte, Deborah Vance (Jean Smart) ist angekommen: Sie spult in Vegas seit Jahren ihre Show ab und hat jahrzehntelang treue Fans. Berufliche Herausforderung: null. Die junge, Ava Daniels (Hannah Einbinder), hat sich ihre berufliche Karriere mit einem Tweet gerade komplett verbaut und keine Wahl, als den Job anzunehmen, der sie mit Vance zusammenführt. Sie soll für die alte Lady frische Gags schreiben, damit die dem «Stand up»-Anteil ihrer Auftritte als «Stand-up»-Comedienne endlich wieder Rechnung trägt und nicht bloss die immergleichen Nummern zum Besten gibt.

Zuerst verstehen sich die beiden gar nicht. Doch mit der Zeit gibt es eine sachte Annäherung. Und auch wenn es keine romantische Komödie ist – obwohl das theoretisch möglich wäre, da wir zumindest von Avas Bisexualität wissen – fragen wir uns als Zuschauerinnen natürlich: Kommen die beiden zusammen? Denn es gelingt den beiden Schauspielerinnen hervorragend, uns zu vermitteln, wie grossartig ihre beiden Rollen als Team wären.
Man könnte sich fragen: Das ist die abgeschmackteste aller Fragen. Kann dabei überhaupt noch etwas Originelles herauskommen; dem Schauspieltalent der beiden Frauen zum Trotz?
Ja, weil auch die Drehbücher top sind. Mein Highlight ist die Episode fünf aus der ersten Staffel – und Achtung, im Rest dieses Absatzes gibt es Spoiler zu lesen! Ava lernt in ihrer Absteige einen Mann kennen, der sich als Kavalier für sie einsetzt. Es ergibt sich, dass die beiden zusammen durchs Nachtleben von Las Vegas ziehen; Kokain und andere Drogen in unbotmässigen Mengen konsumieren und in seinem Hotelzimmer landen. Er überzeugt sie, Deborah noch in der Nacht ihre Kündigung zu übermitteln, was sie sogleich tut und am nächsten Morgen natürlich bitter bereut. Was sie nicht ahnt, ist uns Zuschauerinnen längst klar – und wenn es nur am Titel der Folge liegt («Falling») –: George hat beschlossen, sein Leben nach dieser letzten Nacht am Morgen durch einen Sturz aus dem Fenster zu beenden. Das packt; auch wenn Jeff Ward den suizidalen George zu oberflächlich-fröhlich verkörpert.

Eine Mogelpackung?
Also, eine schöne Entdeckung. Bleibt die Frage: Wurde ich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Rezeption verleitet? Bzw.: Wo sind die Hacks, die im Titel versprochen werden? Weder Ava noch Deborah greift jemals zum Laptop, um bei einer Online-Bank Geld abzugreifen oder whitehouse.gov zu vandalisieren. Es werden keine Ikea-Möbel falsch zusammengebaut und auch sonst tun sie nichts, was die Bezeichnung rechtfertigen würde. Sind es Hacks, die sich die Frauen gegenseitig angedeihen lassen – damit Deborah aus ihrem Comedy-Trott ausbricht und Ava ein bisschen Kompromissbereitschaft lernt?

Gewissheit schafft die englischsprachige Wikipedia, wo es einen eigenen Eintrag für den Comedy-Hack gibt:
Das Wort Hack leitet sich vom britischen Begriff hackneyed ab, was so viel bedeutet wie «überstrapaziert und dadurch abgewertet oder banal».
Die Hacks sind Deborahs alte Gags und die Hacks sind auch die Dinge, die Ava noch fehlen. Ganz schön raffiniert!