Die englischsprachige Redeswendung Don’t judge a book by its cover besagt, dass wir ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen sollen. Neulich, beim Besuch einer Buchhandlung, ging mir auf, weshalb dem so ist. Neutral formuliert, könnte man sagen, dass der Umschlag eines Buchs dessen Inhalt in der Regel nicht gerecht wird.
Wenn wir die Diplomatie abstreifen, kommen wir zum unweigerlichen Schluss, dass die Redewendung von Verlagen in die Welt gesetzt wurde, die genau wissen, welch lausige Arbeit ihre Grafikabteilung leistet – aber nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Gründen des Marketings: «Don’t judge a book by its cover» ist ein Schuldeingeständnis der Buchindustrie, der Verkaufsförderung zuliebe sämtliche künstlerischen Ansprüche geopfert zu haben.
Aber schauen wir uns das doch im Detail an:
1) «50 shades of Rosarot. Und ein genauso viele in Hellblau»
«Die wichtigste Aufgabe besteht darin, dass immer genügend Bücher in Rosa und Hellblau im Angebot sind», steht sicherlich so oder ähnlich im Pflichtenheft des Verlagsleiters.

Das Gegenargument liegt auf der Hand: Es ist schwierig, ein Buch auszuwählen. Ein Klappentext verrät entweder zu viel, zu wenig oder das falsche. Da kann die farbliche Gestaltung einen Hinweis auf die Stimmung des Werks geben, die womöglich wichtiger ist als die Handlung selbst.
Einverstanden. Aber muss das derart klischeehaft erfolgen, dass man die Abteilungen in der Buchhandlung nach Farben benennen könnte? Ist es nötig, dass diese Cover so streng nach Gender-Marketing riechen? Und besteht nicht die Gefahr, dass die eine oder andere Buchkäuferin vom unguten Gefühl beschlichen wird, dass ebenfalls inhaltlich jegliche Kreativität der Konformität geopfert wird? Sprich, dass diese Bücher sich nicht nur äusserlich extrem gleichen, sondern auch beim Storytelling so gestrickt sind, dass sie in ein paar wenige grobe Schemata passen?
2) «Irgendein komisches Muster wirkt tiefgründig und geheimnisvoll»
Es gibt gute Argumente, die für simple Symbole oder abstrakte Elemente auf einem Buchcover sprechen: Sie wirken (im Idealfall) geheimnisvoll, ohne etwas über den Inhalt preiszugeben. Sie sind auch auf kleinen Reproduktionen gut zu erkennen – schliesslich werden Bücher auch gern im Internet gekauft, wo das Cover nur in Briefmarkengrösse zu sehen ist.

Das funktioniert manchmal ansatzweise gut: Bei Salman Rushdies Knife ist der Messerschnitt klar zu erkennen. Aber die geometrische Form bei Haruki Murakami ist Unsinn. Es scheint sich um eine Art Box oder Umrandung zu handeln. Aber in Bezug auf den Titel Die Stadt und ihre ungewisse Mauer würde das bedeuten, dass die Mauer das einzig Gewisse ist an der Geschichte. Bei Alain Damasios Buch Die Horde im Gegenwind erkennen wir in der Rauchfahne weder eine Horde noch den Gegenwind. Kommt hinzu, dass eine Manschette ums Buch dieses wolkige Etwas halb verdeckt. Vielleicht, weil der Verlag selbst nicht an dessen verkaufsfördernde Wirkung glaubt?
3) «Keiner erwartet, dass das Cover in einer Beziehung zum Inhalt steht»
Zugegeben, dieser Blogpost hier bezieht seine ganze Legitimation daraus, dass die Bücher anhand des Covers beurteilt werden und ich keines der hier abgebildeten Werke tatsächlich gelesen habe. Es ist nicht auszuschliessen, dass in Sofia Lundbergs Geschichte Wo wir uns trafen eine Frau mit Hut vorkommt, die barfuss an einen Strand rennt.

Trotzdem sieht dieses Bild leider so aus, als ob es kostenlos bei Pexels oder Unsplah heruntergeladen worden wäre. Vielleicht tue ich jemandem Unrecht, der tatsächlich einen Fotografen anstellte, der ein Foto exakt passend zu der Geschichte ablieferte. Das Dilemma bleibt, dass das Bild auf dem Cover unsere Erwartungen nicht zu stark in eine bestimmte Richtung lenken sollte. Das verhindert oft jegliche Anflüge von Aussagekraft.
4) «Oder ohne Bild. Hauptsache, die Typografie wirkt bedeutungsschwanger»
In letzter Konsequenz flüchten sich viele Verlage in die Typografie. Der Titel lasse sich allein anhand von Buchstaben spannend inszenieren, ist die Idee. Sie ist nicht verkehrt, wenn man sie originell umsetzt und nicht bloss jeden einzelnen Buchstaben anders einfärbt, wie bei Lara Malina Seilers Buch Sex mit dem Universum geschehen.

Aber gut möglich, dass die Grafikabteilung bei diesem Werk genauso ratlos war, wie ich jetzt. Auch der Untertitel «Was ein Engel über das Leben lernt» hilft nicht weiter.
Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Cover die Notlösung war, nachdem Dall-e und Stable Diffusion den Prompt («Ein riesenhafter Engel, der gerade mit dem ganzen Universum geschlechtlich verkehrt») ablehnten («Tut mir leid, dieser Prompt widerspricht unseren Content-Richtlinien»).
5) «Wie, Kinder wohnen nicht in Nestern?»
Es ist an dieser Stelle billig, über die Symbolbilder zu schnöden. Denn ich selbst stecke immer wieder in der ungemütlichen Lage, abstrakte Themen mit konkreten Motiven bebildern zu müssen. Der Ausweg sind vorgefertigte Fotos aus Bilddatenbanken, die mehr oder minder gut zum Sachverhalt passen.
Die wirken im besten aller Fälle originell. Meistens sind sie leider abgeschmackt und nur durch eine halsbrecherische Bildlegende mit dem Text in Einklang zu bringen. Und da die Bildredaktionen davon ausgehen, dass die Leserinnen und Leser auch nicht zu sehr um die Ecke denken wollen, kommen meist stereotype und langweilige Bebilderungen heraus.

Das gilt auch hier: Ein Vogelnest als Heimatsymbol, wie es in Stefanie Stahls Das Kind in dir muss Heimat finden zu sehen ist? Wenn man eine Sekunde darüber nachdenkt, passt es einfach nicht. Jungvögel müssen das Nest früh verlassen, so will es die Natur. Heimatlos sind sie deswegen nicht.
Abgesehen davon ist das ein Metaphern-Wirrwarr: Das Kind im ist kein Vogelkind, sondern ein Schlüsselwort aus der Psychotherapie: In dieser Disziplin bezeichnet «das innere Kind» ein «Modell für eine Betrachtungsweise innerer Erlebniswelten», erklärt Wikipedia. Gleichzeitig gibt es mit dem «Schlüssel» in der Unterzeile ein weiteres Schlüsselwort. Vielleicht widerspiegelt die Hilflosigkeit der Gestaltung, dass auf dem engen Raum des Buchcovers derart viele unterschiedliche Dinge versprochen werden. Der Gipfel der Marktschreierei ist die Behauptung, wir bekämen «die Lösung aller Probleme» serviert. Auf gestalterischer Ebene wird diese Verheissung jedenfalls nicht eingelöst.
6) «Text-Bildschere? Nie gehört!»
Covergestaltung und Titel in Einklang zu bringen, ist eine schwierige Sache. Beim Buch Der Gluckose-Trick von Jessie Inchauspé ist in der Unterzeile von einer «Achterbahn des Blutzuckerspiegels» die Rede.

Auf den Kurven der beiden Grafiken ist wohl der Blutzuckerspiegel abgebildet. Der macht aber keine Achterbahn-, sondern eine eher gemächliche Berg- und Talfahrt. Und ich als Laie frage mich: Muss das nicht so sein?
Aber wahrscheinlich soll ich diese Darstellung nicht hinterfragen, sondern sie als Beleg dafür nehmen, dass alles zwischen den beiden Deckeln auf streng wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.
7) Es geht natürlich auch anders!
Abschliessend drei Beispiele, die uns hoffen lassen:

Saša Stanišić mit Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Giesskanne mit dem Ausguss nach vorne. Da ist der Titel schon so schräg, dass es nicht weiter stört, dass sich die Comicpanels auf dem Cover uns auch nicht erschliessen.
Roberto Saviano hat es bei Falcone zugegebenermassen leicht: Dieser Roman hat eine reale Hauptfigur, die hier verbindlich zur Lektüre auffordert.
Und The Shards von Bret Easton Ellis zeigt, wie ein Cover aussehen kann, das nichts über die Geschichte verrät, trotzdem eine Ahnung der Stimmung vermittelt und gestalterisch überzeugt – zumindest mich, der ich auf Halbtonraster stehe.
Ich mag die Gestaltung der O’Reilly-Bücher: Seit Jahrzehnten immer gleich aufgebaut, mit Titel und Bleistiftzeichnung eines Tieres. So kultig, dass es Generatoren dafür gibt: https://arthurbeaulieu.github.io/ORlyGenerator/.