Microsoft fällt in alte Muster zurück

Bei der Jahres­musterung kommt der Windows-Konzern nicht gut weg: Windows 11 ist ein Flop mit Ansage. Und als ob das nicht negativ genug wäre, nutzt Microsoft seine Macht­posi­tion bei den Desktop-Systemen wie früher scham­los aus.

Microsoft muss sich in der Jahresmusterung 2021 an zwei Dingen messen lassen¹: Erstens natürlich an der Verheissung, die der Chef am 24. Juni abgegeben hatte. Satya Nadella hatte damals versprochen, «grösste Update des Jahrzehnts würde bevorstehen». Das hatte damals zu Spekulationen Anlass gegeben, Windows 10 würde durch einen Nachfolger abgelöst, der mutmasslich Windows 11 heisst.

Wie wir wissen, ist es genauso gekommen: Windows 11 ist auf dem Markt erschienen und hat diese Erwartungen nicht einmal ansatzweise erfüllt. Ich habe nach der Ankündigung kritisiert, dass man nicht von einem grossen Update sprechen kann, wenn in einem Update vorwiegend Dinge abgeschafft werden. Denn eben: Die Kacheln (Live tiles) sind weg, ebenso mit dem April-2018-Update eingeführte Zeitleiste. Dafür setzt Windows 11 die Hardware- und Sicherheitsanforderungen so hoch an, dass viele Computer nicht kompatibel dazu sind. Windows 11 ist meines Erachtens ein Rückschritt und eine verpasste Chance, zumal keine der hier aufgeführten sieben Baustellen (Paywall) durch das Update adressiert wird.

Während einer Pandemie mit Chipknappheit will sich niemand mit Windows 11 herumplagen

Ich kam nicht umhin zu konstatieren, dass Microsoft die Technologieführerschaft verloren hat. Ich bin zum Urteil gelangt, Windows 11 sei die «beschissenste Verkaufsaktion in der langen Geschichte des Personal Computers». Die Kehrseite besteht darin, dass wegen dieses Updates auch mehr Elektroschrott zu erwarten ist. Das entspricht nicht den Zeichen der Zeit und führt dazu, dass Microsoft 2021 schlecht abschneidet – erst recht in einer Pandemie, die nicht nur zu einer globalen Chip-Knappheit führt, sondern auch dazu, dass viele Anwender und Unternehmer dringendere Probleme haben als die Frage, ob und wie sie auf Windows 11 wechseln können.

Das zweite Ding, das mein Urteil über Microsoft massgeblich prägt, ist auf den ersten Blick ein Detail. Schaut man genauer hin, gibt es zur Frage Anlass, ob Microsoft in alte Muster zurückfällt und wieder zu dem Konzern wird, der er früher einmal war – damals, bevor Satya Nadella ans Ruder gekommen ist und für einen freundlicheren, zugänglichen Stil gesorgt hat.

Die alten Muster waren so, dass Microsoft die Konkurrenz schikaniert hat und auch keinen Zweifel daran liess, dass die eigenen Interessen der Zufriedenheit der Kundschaft vorangestellt werden. Das Bonmot damals war DOS Ain’t Done ’til Lotus Won’t Run. Ausgedeutscht: Unser Betriebssystem DOS ist erst dann fertig, wenn die beliebte und Excel überlegene Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3 darauf nicht mehr richtig funktioniert².

Den Leuten den Edge-Browser aufnötigen

Heute versucht Microsoft mit diversen – meines Erachtens auch unlauteren – Mitteln dem eigenen Browser eine bessere Position zu verschaffen. Die Details habe ich im Beitrag Wie Microsoft uns Nutzern seinen Browser aufnötigt dargelegt. Und auch wenn Microsoft es bei Windows 11 inzwischen wieder so einfach macht wie gewohnt, den Standardbrowser zu wechseln, so wird der Konzern dennoch nicht müde, die Konkurrenz in ein schlechtes Licht zu rücken und die Nutzer von einem Wechsel abzuhalten.

Abgesehen von diesen beiden grossen Kritikpunkten hat Microsoft nicht geglänzt. Während mich im letzten Jahr die KI-Offensive in Office beeindruckt hat (So hilft Ihnen künstliche Intelligenz im Büro, Paywall), scheint dieser Effort heuer erlahmt.

Ein schlechtes Jahr – oder ein Strategiewechsel?

Aber gut, jeder erwischt einmal ein schlechtes Jahr. Es bleibt abzuwarten, ob der mit Windows 11 eingeschlagene Weg ein «Ausrutscher» war oder ob wir es mit einem eigentlichen Kurswechsel zu tun haben, der uns in Zukunft wieder mehr Dominanzgehabe und zusätzliche Gängelungsversuche bringen wird. Das wäre allerdings eine Entwicklung, die primär Microsoft gefährlich werden könnte. Denn anders als bei früheren Weltbeherrschungsversuchen ist Microsoft heute nicht mehr alternativlos – weder bei den Betriebssystemen noch bei der Office-Software oder der Cloud.

Fussnoten

1) Zumindest aus Endanwendersicht: Die Investoren finden es natürlich grossartig, wie gut das Geschäft mit Azure läuft und welche Zukunftsperspektiven das eröffnet (Can Microsoft (MSFT) Become a $3 Trillion Company?).

2) Wenn man dieser oft zitierten Phrase hinterherrecherchiert, stösst man auf den Beitrag hier. Er lässt zumindest Zweifel an der Authentizität aufkommen und erklärt auch, diese Form der Sabotage wäre für Microsoft kontraproduktiv gewesen. Dennoch trägt er ein Körnchen Wahrheit in sich: Die Kartellklagen allein zeigen, wie gross die Marktmacht Microsofts war und wie der Konzern sie auch ausgenutzt hat.

Beitragsbild: Microsofts Geschäftsethik hat ein Update erfahren – oder vielleicht auch ein Downgrade (Clint Patterson, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Microsoft fällt in alte Muster zurück“

  1. @Elektroschrott: jetzt wäre doch die richtige Gelegenheit mit den älteren aber immer noch guten Laptops und PCs im grossen Stil auf Linux umzurüsten – das funktioniert noch laaange! 🙂

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