Der Dick Pic-King und seine riesige Phallus-Rakete

Bei Amazons Jahres­muste­rung kommt man um den Kon­zern­chef nicht herum – und nicht um die Frage, was Jeff Bezos mit dieser Penis-förmigen Rakete be­zwecken wollte, mit der er die Atmos­phäre pene­trierte.

Beitragsbild: His name is Bezos, Jeff Bezos (Jeff Bezos von Daniel Oberhaus/Fickr.com, CC BY 2.0).

Meine diesjährige Jahresmusterung lässt gewisse Mängel beim dramaturgischen Aufbau erkennen. Bei der vierten und zweitletzten Folge geht es um ein Unternehmen, zu dem ich fast gar nichts zu sagen habe. Der Klimax meiner Miniserie ist eher eine Art vorzeitiger Samenerguss.

Wobei wir beim Thema wären: Amazon und Jeff Bezos. Ich meine, der Mann tut alles, um meine Vorurteile zu erfüllen. Vor einem Jahr habe ich mich im Beitrag Der unheimliche Krisengewinnler gefragt, ob dieser milliardenschwere Online-Unternehmer nicht nur äusserlich wie der Bösewicht aus einem Bond-Film aussieht, sondern auch biografisch in diese Rolle passen würde. Und was macht Bezos? Er fliegt dieses Jahr mit einer Rakete ins Weltall, als ob er es darauf angelegt hätte, die hanebüchene Handlung aus Moonraker wahr werden zu lassen. Und wie um Bond in den Schatten zu stellen, hat Bezos eine Rakete benutzt, die wie ein gigantischer Penis aussieht:

Natürlich gab es in den sozialen Medien viel Spott zu lesen, auch wenn sich manche klassische Medien die Mühe gemacht haben, die Form der New Shepard-Rakete rational zu erklären. Kollege Martin Fischer hat bei Tamedia Holger Wentscher von der Ruag zu Wort kommen, der sich offenbar auch mit solchen Raumfahrzeugen auskennt. Er bekräftigt, Bezos habe «das ganz schlau gemacht», weil die Kuppel zwar mehr Widerstand verursache, doch letztlich mehr Komfort für die Passagiere biete.

Dieses anthropomorphe, fliegende Teil

Ähnlich klingt es auch bei «The Guardian», obwohl die Engländer leider zu prüde sind, im ganzen Artikel ein einziges Mal das Wort Penis zu benutzen – oder meinetwegen «Dick» oder ein anderes geeignetes Synonym. Stattdessen fragt man lieber, wieso die Rakete denn «so» aussehe und nennt das Design «anthropomorph» – was auch dann zutreffend wäre, wenn Jeff Bezos mit einem Objekt ins All geflogen wäre, an dem eine riesige Nase klebt oder unten zwei massive Plattfüsse prangen.

Jedenfalls gibt es auch in diesem Artikel eine wohlfeile Begründung, weswegen wir uns nicht allzu sehr über Bezos wundern sollten:

Die abgerundete Spitze wirkt bauchiger als bei vielen anderen Raketen, aber sie ist nicht einzigartig. «Es gibt eine lange Geschichte von so genannten Hammerkopf-Raketen, bei denen der Durchmesser der Kapsel grösser ist als der des Boosters», so McDowell. «Wenn man vorsichtig ist, hat sie eine sehr gute Aerodynamik».

Der zitierte Mann ist Jonathan McDowell, ein Astronom am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics.

Nun, das mag alles richtig und zutreffend sein, doch es bleibt dabei, dass natürlich auch ein Bösewicht in einem James-Bond-Film es geschafft hätte, seine absurden Ideen von den Medien als völlig vernünftig und durchdacht darstellen zu lassen. Und nein, ich bin kein durchgeknallter Verschwörungstheoretiker, wenn ich sage, dass Bezos das Glück hatte, dass bei ihm Wahnsinn und Methode eine überraschende und für ihn hochgradig befriedigende Vereinigung eingegangen sind.

Das Leben imitiert die Kunst – und manchmal auch die billigen Drehbuch-Gags

Zumal es nicht das erste Mal ist, dass Bezos wegen des primären männlichen Geschlechtsorgans in den Medien steht. Vielleicht erinnern wir uns noch an jene Affäre von 2019, als einschlägige Fotos, die der Amazon-Chef für seine neue Freundin Lauren Sanchez angefertigt hatte, in der Redaktion des Revolverblatts «National Enquirer» aufgetaucht waren.

Bezos liess daraufhin Ermittlungen anstellen, wie die Fotos dorthin gelangt sein könnten, was zur Folge hatte, dass der Verleger des Blatts bei weiteren Nachforschungen mit der Veröffentlichung besagter Aufnahmen drohte.

Allein der Name des Verlegers lässt keinen Zweifel daran, dass wir es hier mit einer Angelegenheit zu tun haben, die nur damit zu erklären ist, dass das Leben gelegentlich die Kunst imitiert und dabei auch nicht vor Nachahmungen jener Drehbuchkunst zurückschreckt, die seinerzeit bei den Roger-Moore-Bond-Filmen angewandt wurde, als der Humor nie über die Gürtellinie hinausgekommen ist. Der Verleger, von dem die Rede ist, heisst nämlich David Pecker. Und Pecker würde man in Deutsch, wohl mit Pimmel übersetzen müssen.

Bezos hat die Drohung daraufhin in vollem Wortlaut veröffentlichen lassen, woraufhin keine Zweifel an der Natur seiner Selfies mehr bestand und «Vanity Fair» nicht umhinkam, ihn zum «Dick Pic King» zu küren.

Wohltäter oder Bösewicht?

Zurück zum eigentlichen Plot und der Frage, ob Bezos ein Bond-Bösewicht ist oder vielleicht doch ein Wohltäter, der mit seinem Engagement die Welt weiterbringt. Nach dem Start seiner Phallus-Rakete und einem Blick aus dem All hatte er die gloriose Idee, wie unser Planeten zu schützen wäre, wenn die ganze schädliche Industrie ins All verfrachtet werden würde. Bei NBC sagte er, wir müssten «die gesamte Schwerindustrie, die gesamte umweltverschmutzende Industrie, in den Weltraum verlagern und die Erde als dieses wunderschöne Juwel von einem Planeten erhalten, das sie ist».

Diese Idee wurde von «The Verge» harsch kritisiert:

Ein ländlicher Landstrich entlang des Mississippi, in dem ehemals versklavte Menschen und ihre Nachkommen lebten, wurde nach der Ansiedlung von mehr als 150 Raffinerien und petrochemischen Anlagen zu Louisianas «Cancer Alley». Ihr Land und ihre Häuser wurden zu «Opferzonen» für die Industrie und die westliche Entwicklung, wie Befürworter der Umweltgerechtigkeit oft sagen.

Als Gründer von Amazon ist Bezos für die Schaffung neuer «Opferzonen» für die Lagerhäuser seines Einzelhandelsimperiums verantwortlich. Diese müssen noch in Angriff genommen werden – vielleicht könnte er dort beginnen, bevor er neue im Weltraum schafft?

Es ist nicht nur Bezos, der den Weltraumtourismus und die Privatisierung des Erdorbits vorantreibt. Es ist auch Bezos’ Milliardärskollege Branson SpaceX-Gründer Elon Musk, die das Protz-Spiel der Superreichen ins All verlagern, nachdem Leute wie Oracle-Chef Larry Ellison noch damit zufrieden waren, die längste Yacht zu besitzen. Man kommt nicht umhin, der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren zuzustimmen, wenn sie Folgendes twittert:

«Jeff Bezos macht eine Spritztour ins All, während er und andere Milliardäre das System so manipuliert haben, dass sie fast keine Steuern zahlen.»

Ein reines Privatvergnügen oder eine Wohltat für die Menschheit?

Sind diese Engagements reines Privatvergnügen oder doch sinnvoll und fortschrittlich, so wie es oft dargestellt wird, wenn die Nasa mit privaten Partnern zusammenarbeitet und es die Privatisierer feiern, wenn ein Dragon-Raumschiff Fracht zur ISS-Raumstation bringt? Das Fazit der deutschen Helmholtz-Forschungsgemeinschaft ist differenziert, aber kritisch genug, um uns dazu zu bringen, 2022 vielleicht nicht mehr ganz so angestrengt auf Herrn Bezos Hosenstall zu starren:

In der Raumfahrt lässt sich mit Sicherheit nicht alles kommerzialisieren. So gibt es Grundlagenexperimente oder Ansätze bei der Erprobung von Technologien, die unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten niemals realisiert werden würden. Hier ist dann staatliches Engagement erforderlich, um wichtige Entwicklungen anzustossen oder strategische Interessen zu wahren. Wie oft scheint also der richtige Weg zwischen «New Space« und «Old Space« in der Mitte zu liegen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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