Apple diktiert die Agenda

Apple in der Jahres­muste­rung: Der iPhone-Konzern hat die Kunst per­fek­tioniert, das Interes­se der Welt­öffent­lich­keit auf sich zu ziehen. Trotzdem gab es keine revo­lutionä­ren An­kündi­gungen, aber kleine Fort­schritte und einige Ent­täu­schungen.

Eins muss man Apple lassen: Der Konzern hat die Kunst perfektioniert, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und konstant im Gespräch zu bleiben. Streng getaktete, perfekt gestaffelte Events, Ankündigungen, Produktneuigkeiten und Gerüchte sorgten 2021 dafür, dass das Interesse kaum je erlahmte.

Einigen Leserinnen und Lesern ist es zu viel geworden. Ich erinnere mich noch an eine Diskussion, die sich an einem Beitrag zu iOS 15 entzündet hatte. Ich hatte daraufhin versucht, mit dem Beitrag In den App-Stores kommt die freie Software unter die Räder die Debatte in eine andere, meines Erachtens produktivere Richtung zu lenken – aber, wie ich feststellen musste, ohne den geringsten Erfolg. Die Apple-Verweigerer kein anderes Thema, sie wollten bloss weniger Apple.

Das kann ich nachvollziehen: Auch ich verspürte dieses Jahr eine Übersättigung. Ich habe deswegen hier im Blog und auch bei meiner beruflichen Arbeit immer wieder Kontrapunkte gesetzt. Aber auch das zeigt bloss, wie meisterlich Apple die Agenda diktiert – und so lange die Relevanz einigermassen stimmt, auch nicht ganz zu Unrecht im Gespräch ist.

Hat  Apple unsere Aufmerksamkeit verdient?

Die entscheidende Frage ist somit: Hat die Relevanz denn 2021 gestimmt – oder hat Apple die Weltöffentlichkeit mit Nichtigkeiten in Beschlag genommen?

Die Antwort hängt naturgemäss davon ab, wie sehr man für technische Dinge brennt. Für uns Nerds waren viele interessante Details dabei, auch wenn 2021 ein Jahr der eher kleinen Schritte war.

Für die Menschen mit einem nüchterneren Zugang zur digitalen Technik – die angesichts des Temposprungs des neuen Macbook-Pro-Modells mit M1Pro oder M1-Max-Prozessor nicht in einen Temporausch verfallen –, wurde dieses Jahr aber etwas gar viel Wind veranstaltet. Mir scheint es daher sinnvoll, wenn Apple 2022 entweder ein paar wirkliche Knaller im Ärmel hätte oder sonst ein, zwei Gänge zurückschalten würde. Denn sonst sehe ich die Gefahr von Abnutzungserscheinungen.

Also, wenn wir ein Fazit ziehen wollen, das sich nicht an den Einzelheiten orientiert, dann scheint mir beeindruckend, wie konsequent und erfolgreich Apple die Abkehr von Intel vorangetrieben hat.

Apple tut etwas gegen das Tracking

Bemerkenswert ist auch, dass Apple die Massnahmen gegen das Tracking und die Datensammelei glaubwürdig weiter vorangetrieben hat (Apple geht auf Konfrontation zu Facebook, bzw. iCloud-Privat-Relay, siehe hier). Ferner ist Shareplay eine sympathische Sache, und ich finde die Raumklang-Initiative spannend und ein Versprechen für die Zukunft (Musik in Raumklang – Revolution oder Hype?, Paywall).

Abgesehen davon gibt es auch einige Dinge, die mich nicht überzeugen. Die schon oft kritisierte Doppelstrategie mit iPad OS und Mac OS ergibt für mich immer weniger Sinn – jetzt, wo Desktop-Computer und Tablets mit den gleichen Prozessoren laufen und auf den M1-Macs auch iPad-Apps ausführbar sind, ist die Trennung der beiden Systeme eine umso künstlichere und schwer vermittelbare Angelegenheit. Eine Strategie, wie diese Systeme zusammengeführt werden können – oder sich wieder klarer ausdifferenzieren –, ist überfällig. Und auch 2021 hat Apple diesbezüglich keinerlei Klarheit geschaffen.

Der Protektionismus bei den App-Stores ist nicht mehr zeitgemäss

Eine schlechte Falle macht Apple bei den Konflikten um die Stores. Die protektionistische Haltung ist aus einer Geschäftslogik heraus verständlich, doch den Nutzern je länger, umso weniger vermittelbar. Mir jedenfalls wird angesichts der argumentativen Pirouetten schwindelig; wie ich im Beitrag «iPhones und iPads sind für Babys» versucht habe aufzuzeigen. Eine Öffnung ist unvermeidlich und für spezielle Fälle wäre ein Sideloading von Apps begrüssenswert.

Das grösste Flecken im Reinheft hat sich Apple im Sommer der doppelten Datenschutz-Affäre eingehandelt.

Da war einerseits die Pegasus-Affäre, bei der Juristen, Journalisten, Diplomaten, Ärzte, Sportler, Gewerkschafter, Aktivisten oder Politiker, einschliesslich Minister, sowie 13 Staats- oder Regierungschefs abgehört wurden. In der hat sich Apple selbst, soweit ich das beurteilen kann, nichts zuschulden kommen lassen. Die Frage bleibt jedoch offen, ob nicht grundsätzlich mehr zur Absicherung der Geräte getan werden müsste, selbst wenn das auf Kosten der Funktionsvielfalt gehen würde.

Vertrauen verspielt

Andererseits hat Apple mit den Plänen zum CSAM-Scanner viel Vertrauen verspielt. Eine Software gegen Child Sexual Abuse Material sucht nach bekanntem kinderpornografischem Material und wird von den meisten Cloudbetreibern routinemässig eingesetzt. Apple wollte (und will) eine solche Software lokal auf den Geräten betreiben. Das geht nicht: Genausowenig, wie die Polizei unsere Wohnungen aufs Geratewohl nach Drogen und Hehlerwaren durchsuchen darf, können auch unsere Geräte nicht unsere eigenen Inhalte auf Verdacht hin untersuchen.

Die Funktion wurde vorerst aufgeschoben und ist bis jetzt nicht in den aktuellen Betriebssystemen enthalten. Es bleibt abzuwarten, ob Apple die Pläne revidiert oder ob wir es doch noch mit dem SCAM-Scanner zu tun bekommen werden.

Beitragsbild: Auch 2021 erstrahlt das Äpfelchen in hellem Glanz (Matias Cruz, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Apple diktiert die Agenda“

  1. Apple hat unsere Aufmerksamkeit auf jeden Fall verdient. Aber aus meiner Sicht sollte sich die Berichterstattung auf relevante Neuigkeiten von Apple beschränken. Da haben Journalisten gefühlt immer weniger Gespür dafür. Ein Liveticker zu Produktankündigungen ist in Ordnung, da lese ich auch gerne mit. Aber wenn schon Monate vorher Artikel zum neuen iPhone geschrieben werden, deren Quelle ein Tweet eines chinesischen Twitterers ist, welcher drei Designs zeigt, von welchen er sicher ist, dass eines davon das neue iPhone sein wird, ist es zu viel des Guten. Damit machen sich Journalisten zu Handlangern des Apple-Marketings.

    Kurz: Nicht nur, aber besonders bei Apple, bitte weniger Spekulationen. Weniger Artikel mit Fragezeichen im Titel.

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