In den App-Stores kommt die freie Software unter die Räder

Ich sehe die Vision der freien und offenen Software in der Defensiven. Die Freiheitsrechte, die sie den Nutzern gewährt, sind nicht kompatibel zu den App-Stores. Trotzdem sollte man diese Bewegung noch nicht abschreiben.

Neulich gab es die laute Klage auf Twitter¹, mein Gspändli Rafael Zeier und ich würden zu oft Apple abhandeln und uns zu wenig um Open Source kümmern. Die Meinungen über die Setzung und Gewichtung von Themen gehen auseinander – ist ja klar. Doch wenn neue Versionen der Betriebssysteme für iPhone und iPad erscheinen, dünkt mir die Sache so klar wie selten: Das ist ein Thema, das einen beträchtlichen Anteil unserer Leserinnen und Leser direkt betrifft. Wir müssen es aufgreifen, wenn wir unseren Service-Auftrag ernst nehmen.

Abgesehen davon halte ich Open-Source bzw. freie und offene Software (FOSS) für wichtig – nicht unbedingt als Selbstzweck, weil ich nicht zu den Leuten gehöre, die proprietäre Softwareprodukte grundsätzlich ablehnen und sich ihnen verweigern. Aber wenn die offene Software als ernstzunehmende Alternative zu einem kommerziellen Produkt auf den Plan tritt, dann gebe ich ihr selbstverständlich eine Chance.

Bei der Diskussion hat sich mir eine weitere Frage gestellt. Und zwar die, ob freie Software an Bedeutung verliert. Die Ursache für eine solche Entwicklung läge auf der Hand: Es ist die Machtverschiebung vom Desktop zu den mobilen Geräten und von Windows und Mac hin zu iOS, iPad OS und Android.

Es gibt freie Software nicht nur für die Desktop-Betriebssysteme. Sie ist auch in den App-Stores zu finden, wie Firefox, VLC und diverse andere Beispiele belegen. Aber es gibt einen andauernden Disput darüber, ob etwa die GPL-Lizenz, die bei vielen Open-Source-Produkten zur Anwendung kommt, mit den Vorgaben vereinbar sind, die Apple und Google für ihre Stores machen.

Müsste der VLC-Player aus dem App-Store raus?

Ein exemplarischer Konflikt aus diesem Bereich spielt sich in der Community des Mediaplayers VLC ab. Er hat schon vor zehn Jahren seinen Anfang genommen, wie «Ars Technica» im November 2011 berichtet hat.

Vom Zaun gebrochen hat den Zwist der Entwickler Rémi Denis-Courmont, der wichtige Beiträge zum Code von VLC beigesteuert hat. Er stellt sich auf die Position, dass die Regeln des App-Stores nicht mit der GPLv2 – also der Lizenz, unter der VLC veröffentlicht wird – in Übereinstimmung zu bringen ist.

Meines Erachtens hat Denis-Courmont einen Punkt. Denn rufen wir uns die vier Freiheitsrechte in Erinnerung, die FOSS den Nutzern einräumt. Es sind folgende, zitiert nach giswiki.org:

  • Freiheit 0: das Programm zu jedem Zweck auszuführen.
  • Freiheit 1: das Programm zu studieren und zu verändern.
  • Freiheit 2: das Programm zu kopieren.
  • Freiheit 3: das Programm zu verbessern und zu verbreiten, um damit einen Nutzen für die Gemeinschaft zu erzeugen.

Wie soll man das Programm denn frei kopieren, wenn man es nur im Store kriegt?

Offensichtlich ist der Verstoss gegen die Freiheit 0: Bekanntlich lässt der App Store von Apple kein Sideloading zu. Das heisst, man muss Apps zwingend aus dem Store beziehen und bekommt sie nicht auf anderem Weg auf ein iOS-Gerät. Eine Offline-Verbreitung ist nicht möglich. Sollte Apple einem die Apple-ID sperren, ist Feierabend.

Ferner scheint mir Freiheit 3 eingeschränkt, weil Apple darüber entscheidet, ob die Variante einer FOSS-App im Store zugelassen wird. Mit der Sandbox und den rigiden Regeln gibt es sicher Situationen, in denen man das in Abrede stellen muss. Ob bei iOS und iPad OS Freiheit 2 gewährleistet ist, darüber kann man streiten, zumal man an die ausführbare Datei nicht bzw. nur umständlich herankommt²; siehe dazu auch die Kommentare.

Eine gute Gelegenheit, wieder einmal mein Interview mit Richard Stallman ins Spiel zu bringen…

VLC ist diesen Einwänden zum Trotz nach wie vor im Store erhältlich. Der Konflikt schwelt aber auch zehn Jahre später noch. Wie hier zu lesen ist, hat Rémi Denis-Courmont im Mai 2021 Apple eine formelle Beschwerde wegen einer Urheberrechtsverletzung zukommen lassen. Zitat aus dem Artikel:

Denis-Courmont merkt an, dass die Entwickler, die VLC für das iPad veröffentlicht haben, sich der Inkompatibilität der GPL mit dem App Store-Vertriebsmodell hätten bewusst sein müssen und «sie tragen die volle Verantwortung für alle Konsequenzen». Er merkt jedoch auch an, dass «Nutzer von iOS-basierten Geräten den VLC Media Player nicht nutzen können, da Apple seine Plattform für mobile Anwendungen unnachgiebig streng kontrolliert».

Wie streng und ideologisch soll man sein?

Das ist das Dilemma: Soll man die Freiheitsrechte der Software streng auslegen? Das hätte zur Folge, dass alle entsprechenden Apps aus Apples Store verschwinden müssten. Ob eine Verbreitung via Google Play möglich wäre, müsste man gesondert ansehen – aber auch da wäre ich skeptisch.

Oder soll man sich für eine pragmatische Lösung aussprechen, so wie das die Entwickler hinter der VLC-App gemacht haben? Die hat immerhin zur Folge, dass iPhone- und iPad-Nutzer freie und offene Software nutzen dürfen, was ihre Wahlfreiheit ganz offensichtlich erhöht.

Ich würde mich auf der Seite der Pragmatiker verorten, weil eine ideologische Auslegung der Freiheitsrechte dazu führt, dass ein Anhänger der FOSS-Idee der Freiheit beraubt wird, ein iPhone oder iPad zu verwenden.

Es wäre ein Verlust, wenn Apple-Geräte frei von freier Software wären

Wenn man sich die Sache umfassend ansieht, dann ist das auch nicht sinnvoll: Es schwächt die Rolle der freien Software global gesehen massiv, weil eine wichtige Plattform von einem Tag auf den anderen wegbricht. Das würde FOSS-Anhänger zwingen, Android-Mobilgeräte zu verwenden, wo es deutlich schwieriger ist, sich vor Tracking zu schützen und die Privatsphäre zu wahren. Damit würde man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Trotzdem strapaziert dieses Dilemma natürlich die Idee der freien Software. Denn wenn man weiss, dass man seine Ideale andauernd verrät, dann macht es das schwierig, sie auf Dauer aufrechtzuerhalten und nicht andere Kompromisse einzugehen – etwas überspitzt gesagt, spielt es dann auch keine Rolle mehr, wenn man noch ein paar In-App-Käufe einbaut, wie es die anderen auch tun.

Darum glaube ich leider, dass die App-Stores und die Entwicklung hin zu den stärker kontrollierten Plattformen die Bewegung der freien Software schwächt.

Es braucht Alternativen zu den Stores – oder mindestens eine Lockerung der Regeln

Zumindest vorerst. Es besteht immerhin die Hoffnung, dass Apple und Google mittelfristig gezwungen werden, den eisernen Griff um ihre Stores zu lockern. Das Urteil im Fall Epic hat in dieser Hinsicht die erhoffte Trendwende nicht gebracht (Stichwort: Erfolg ist nicht strafbar, wie ein Jurist im Dienste Apples sich ausgedrückt hat.)

Aber das letzte Wort in dieser Sache ist nicht gesprochen – und wenn man diese Öffnungsbestrebungen noch mehr aus der Sicht der freien Software und ihrem unbestrittenen Nutzen für die Welt ansehen würde, dann bin ich überzeugt, dass das der Sache überaus dienlich wäre.

Fussnoten

1)


2) Zumindest nicht ohne relativ grossen Aufwand. Wie hier im Video erklärt, lassen sich die Apps mit einer Software wie iMazing (siehe auch In den iPhone-Innereien herumschnüffeln) aus einem Backup extrahieren, worauf sie als Datei greifbar sind. Das nützt aber nichts, weil man sie nicht auf ein anderes iOS-Gerät bekommt, um sie dort auszuführen.

Beitragsbild: Diese Fessel, die wir uns erst vor Kurzem abgestreift haben, wird uns von Apple und Google sogleich wieder umgelegt (Pixabay, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

4 Gedanken zu „In den App-Stores kommt die freie Software unter die Räder“

  1. Ich denke, die Stores sind schon GPL-kompatibel. Denn auch wenn man die ausführbare Anwendung nicht einfach so auf das Gerät bringt, hat man doch den Source Code und kann die App selbst kompilieren. Das Problem ist nur, dass man dafür bei Apple einen kostenpflichtigen Developer Account (und einen Mac) benötigt.

    Ein anderer Vorteil von Open Source ist aber verloren: wenn man eine App aus dem Store installiert, kann man (zumindest bei Apple) nicht wissen, ob sie aus den veröffentlichten Sourcen kompiliert wurde. Das ganze „Open Source“-Trara von Apps wie SwissCovid, welches von den Medien gerne als Garantie für Sicherheit aufgenommen wurde, ist für die Katze. Ich kann die Sourcen auf GitHub anschauen, aber wenn ich die App aus dem Store installiere, weiss ich nicht, ob sie aus diesen Sourcen stammt.

    1. Eine sinnvolle Präzisierung, danke!

      Man bekommt eine App selbst aufs iPhone oder iPad, wenn man den Entwickler-Account hat. Der ist aber, wie Manuel sagt, kostenpflichtig. Und Apple kann ihn sperren, wie wir spätestens bei Epic gelernt haben. Das ist für mich eine klare Verletzung der 0. Freiheit, weil du keine Garantie hast, deine Apps ausführen zu können.

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