Jahresmusterung, Teil 4: Der unheimliche Krisengewinnler

Amazon hat 2020 die Möglichkeiten genutzt, die sich durch die Coronapandemie ergeben haben. Und was ist an der Theorie, dass Jeff Bezos ein fleischgewordener Bond-Bösewicht sei?

Beitragsbild: Amazon Spheres Grand Opening von Seattle City Council/Flickr.com, CC BY 2.0)

Wenn mich jemand fragen würde, welcher von den grossen Fünf in meiner Gunst am tiefsten steht, würde mir die Antwort einigermassen schwerfallen. Denn besagte Gruppe ist nicht gerade eine Versammlung von Unternehmen, der ungefilterte Zuneigung zuteil wird – weder von mir noch von der Welt im allgemeinen.

Also, mit den grossen Fünf meine ich jene Giganten in der digitalen Welt, die manchmal mit dem Akronym GAFAM (oder alternativ FAAMG), gebildet aus den Anfangsbuchstaben bezeichnet werden, bestehend aus Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft. Und ja, wenn ich mich entscheiden würde, wer aus dieser Gruppe der grösste Unsympath ist, dann würde meine Wahl auf Amazon fallen. Dicht gefolgt von Facebook.

Der Unterschied bei dieser Reihenfolge macht der Chef. Ich würde zwar Mark Zuckerberg kein gebrauchtes Automobil abkaufen wollen. (Oder mit ihm ein gemeinsames Unternehmen gründen.) Aber er taugt weniger zum Superschurken als Jeff Bezos. Ich meine, ist noch niemandem aufgefallen, dass er – und das sage ich, der ich selbst ein Glatzkopf bin – wie Ernst Stavro Blofeld ausschaut?

Doch, natürlich ist das schon Leuten aufgefallen. Im Blogpost Rise of Bezos: A Bond Villain Origin Story behauptet einer, die Ähnlichkeit sei nicht nur äusserlicher Natur. Bezos hat mit Amazon ein Imperium geschaffen.

Zu diesem Imperium gehören nebst dem Online-Handel auch die Amazon Studios und Amazon Video, Whole Foods, Softwareentwicklung, Clouddienste (Amazon Web Services), Medien (Washington Post), Künstliche Intelligenz, Quantum-Computing und Roboter-Technologie.

Und ja, ich hielt den Bond-Film Man lebt nur zweimal immer für überzogen. Da betreibt Blofeld einen geheimen Weltraumbahnhof. Aber auch Bezos hat ein Raumfahrtunternehmen namens Blue Origin.

Und Brezos investiert sein Geld noch in andere Bereiche: In Unternehmen, die gut zu Blofeld passen würden, die zu gründen der Bond-Schurke meines Wissens aber verpasst hat. Wie wäre es mit einem Biotech-Unternehmen, das versucht, das Altern zu stoppen? Das heisst Unity Biotechnology und wird von Jeff Bezos und Peter Thiel gestützt.

Und ja – die Parallelen sind verblüffend. Doch der Besitzer eines Imperiums zu sein, bedeutet nicht, auch Ansprüche an die Weltherrschaft zu haben. Nicht jeder übermächtige Wirtschaftsboss wird zum Superbösewicht.

Doch wenn wir etwas aus der Popkultur gelernt haben, ist diese Metamorphose unvermeidlich. Das impliziert zumindest der Autor des Blogposts, Ryan Allred: Nicht nur im Bond-Universum, bei Blofeld oder auch Goldfinger, hat diese Entwicklung stattgefunden. Auch bei «Superman» ist Lex Luthor zum bösen Superhirn mutiert. Normalerweise läuft die Sache in drei Etappen ab: Erst Geschäftsmann, dann Philanthrop und schliesslich Nemesis.

Diese Verwandlung wird durch ein einschneidendes Ereignis ausgelöst, behauptet Ryan Allred. Und er präsentiert uns auch eine Idee, was im Fall von Bezos das auslösende Moment sein könnte: Eine öffentliche Blossstellung. Zum Beispiel Konkurrent Walmart, der den Einzelhandelskrieg gewinnt.

Die Erde ist nur ein solches Ereignis (…) davon entfernt, dass Mr. Bezos sein Feuer seine Wut und die Alexa-Überwachung entfesselt, unsere Webdienste drosselt, unsere Lebensmittelversorgung einschränkt, uns wegen unsserer Missetaten erpresst und uns alle in seinem epischen menschlichen Puppenspiel versklavt.

Ist das reine Schwarzmalerei oder hat diese «Black mirror»-hafte Zukunftsvision einen glaubwürdigen Kern? Man muss nur kurz googeln, um darauf zu stossen, dass der Vorwurf der Sklaverei schon jetzt an Amazon gerichtet wird. «The Mirror» hat ihn im Oktober 2019 erhoben. Demnach hat Bezos zwar noch nicht die ganze Menschheit, aber zumindest die Mitarbeiter in seinen Logistikzentren versklavt.

Aber gut – auch das lässt sich mit den kapitalistischen Mechanismen ausreichend erklären; den bösartigen Plan eines Superschurken braucht es nicht dazu. Und auch wenn ich diese Gedankenspiele spannend finde, halte ich mich für die Jahresmusterung lieber an die Fakten.

Und die sind eindrücklich genug: Sowohl das Unternehmen als auch sein Chef sind Gewinner der Coronakrise. Amazon verdreifacht Gewinn:

Im dritten Quartal kletterte der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37 Prozent auf 96,1 Milliarden US-Dollar, wie das Unternehmen am Donnerstag nach Börsenschluss in Seattle mitteilte. Der Gewinn verdreifachte sich sogar auf den bisherigen Rekordwert von 6,3 Milliarden.

Bezos selbst ist der erste Mann, der mehr als 200 Milliarden Dollar besitzt, wie «Forbes» im August vermeldete. Bei so einem Vermögen sind gigantische Schwankungen normal, sodass es auch mal ein paar Milliarden weniger oder mehr sein können.

Und ja: Amazon tut alles, um seinen Einfluss auszuweiten: Zum Beispiel mit all den Produkten fürs vernetzte Zuhause. Auch 2o2o sind diverse Neuerungen dazugekommen. Zum Beispiel mit den Drohnen und den Fitnessarmbändern, die ich hier beschrieben habe. Dass Amazon sich dabei um die Privatsphäre der Nutzer kümmern würde, kann ich bei diesen Produktlancierungen leider nicht erkennen. Amazon hat noch nicht einmal ein Gespür für die Intimsphäre: Das Fitnessarmband Halo bestimmt sogar den Körperfettanteil der Nutzer. Zumindest, wenn die sich nackt oder halbnackt fotografieren und die Aufnahmen zu Amazon hochladen.

Beim Begriff «Datenkrake» denken die Leute an Google und Facebook. Doch auch Amazon ist eine Datenkrake – das hat das ZDF Ende November aufgezeigt. Das Unternehmen könne «praktisch jeden Teil unseres Lebens erreichen»:

Insider schildern (…), wie das «Forschungsteam für Kundenverhalten» von Amazon eingerichtet wurde, um Verbraucher in mikroskopischen Details zu durchleuchten und «Daten-Voodoo-Puppen» für alle zu erstellen, die jemals auf der Website eingekauft haben.

Amazon hat 2020 ohne Zweifel effektiv zu nutzen gewusst. Für uns Konsumenten sollte das die Frage aufwerfen, ob wir unseren Teil dazu beitragen wollen, dieses Unternehmen noch mächtiger zu machen – oder vielleicht doch etwas auf Abstand zu gehen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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