Jahresmusterung Teil 3: Hat Microsoft 2020 überhaupt etwas gemacht?

Es gibt eine weitere Note für einen grossen Tech-Konzern. Derjenige, der sich heute meinem Urteil stellen muss, hat dieses Jahr immerhin eine Spielkonsole lanciert.

Microsoft hat dieses Jahr mehrfach in Form von nostalgischen Rückblicken stattgefunden: In meinem Beitrag Das leise Ende des PC-Zeitalters zum Auslaufen von Windows 7. Oder im grossen Jubiläumsbeitrag zu 35 Jahren Windows 1.0, der die Frage gestellt hat, warum das Betriebssystem eigentlich nicht gleich zu Beginn wieder von der Bildfläche verschwunden ist.

Ist Microsoft vor allem noch dazu da, sentimentale Gefühle zu wecken und uns daran zu erinnern, wie wir in unserer Jugend mit dem Programmmanager hantiert und  mit Solitär Zeit verschwendet haben? Ist dieser Eindruck gerechtfertigt?

Zu einem guten Teil ist er das natürlich. Microsoft ist zwar nicht den Weg von IBM gegangen und für uns Endanwender in der kompletten Bedeutungslosigkeit versunken. Aber Microsoft ist nicht mehr das Unternehmen, das Trends vorgibt und an dem sich unsere Gefühle entzünden – egal, ob die nun positiver oder negativer Art sind.

Natürlich mit einer grossen Ausnahme: Wer eine gewisse Affinität zum Konsolengaming hegt, der ist dieses Jahr nicht um die Lancierung der Xbox Series herumgekommen. Das war ein Ereignis – aber nicht unbedingt bei Microsofts Kerngeschäft.

Bei diesem Kerngeschäft – das klassisch nach wie vor aus Windows und Office besteht und neuerdings mit dem Service- und Cloud-Bereich ergänzt wurde –, gab es ein bisschen etwas zu berichten, aber nicht wahnsinnig viel. In den beiden Beiträgen Microsoft dreht das Rad zurück und Die bizarre Zahlenmystik, die Microsoft mit Windows 10 betreibt habe ich mich um die Windows-Updates2004 und 20H2 gekümmert.

Ferner hat der Edge-Browser zu reden gegeben: Microsoft hat mit dem einen Neuanfang gewagt, wobei ich den nicht unbedingt unter Innovation abhandeln würde: Denn Microsoft hat sich von der eigenen Browser-Engine verabschiedet und fabriziert nun eine Abspaltung (Fork) des Google Chrome-Browsers. Um so etwas zu bewerkstelligen, muss man kein renommiertes Softwareunternehmen sein; das bekommt auch ein Hobbyprogrammierer hin. Darum habe ich diese Entwicklung kritisiert, wenngleich ich der Chrome-Variante von Edge auch ein paar gute Seiten abgewinnen kann.

Wird Microsoft 2021 noch langweiliger werden – oder besteht Grund zur Hoffnung, dass Redmond noch ein paar Asse im Ärmel hat? Das ist die Ausgangslage zur Beurteilung dieser Frage:

Es gibt einige Dinge, die gegen Microsoft sprechen. Vor allem der Umstand, dass der Konzern im mobilen Bereich vollkommen versagt hat. Das ist ein Nachteil, der nicht mehr wettzumachen ist – in diesem für die Zukunft entscheidenden Geschäft machen Google mit Android und Apple mit iOS die Musik. Da hilft es auch nichts, dass ich Windows 10 nach fünf Jahren als Erfolg einstufen würde (Unsere Bilanz nach fünf Jahren Windows 10).

Tiktok hat Microsoft 2020 nicht zu einem neuen Social-Media-Standbein verholfen. (Solen Feyissa, Unsplash-Lizenz)

Ein zweites Argument gegen Microsoft ist die gescheiterte Übernahme des US-Geschäfts von TikTok. Auch wenn dieses Trauerspiel mit dem Ende von Trumps Präsidentschaft nun womöglich auch vorbei ist, so ist es doch beschämend, bei einem solchen Unterfangen von Oracle ausgestochen zu werden. Denn Microsoft hat mehr Erfahrung mit Endanwender-Produkten als Oracle und ist dank Skype auch im Kommunikationsbereich verankert – auch wenn Skype und Tiktok sich nur schwer vergleichen lassen.

Schliesslich ist es mehr als bedenklich, dass die ARM-Version von Windows nicht vom Fleck kommt. Im Licht der Lancierung von Apples M1 steht Microsoft umso schlechter da. Man kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob Microsoft der Sache technisch nicht gewachsen ist oder bis heute nicht verstanden hat, wie wichtig ARM in der mobilen Welt ist. Beides wäre höchst bedenklich.

Es gibt allerdings auch Anzeichen, dass Microsoft gewillt ist, auch in Zukunft ein Wörtchen mitzureden. Ich mache das an den kreativen Ideen fest, die der Konzern für sein angestaubtes Office-Produkt hat. Die Art und Weise, wie KI integriert wird, gefällt mir gut. Siehe: So hilft Ihnen künstliche Intelligenz im Büro, bzw. Jetzt endlich schlägt Karl Klammers Stunde.

Allerdings trifft Microsoft immer auch wieder seltsame Entscheide. Office 365 in Microsoft 365 umzubenennen, ist ein hanebüchener Fehlentscheid.

Mit der Zahl 365 konnten die meisten Anwender bis jetzt schon nichts anfangen, aber immerhin haben sie den Begriff «Office» wiedererkannt. Den nun zu eliminieren, macht die Identifikation mit diesem Produkt endgültig kaputt.

Und sorry – wenn man eine solche Matrix braucht wie die hier von Wikipedia, um sich einen Überblick über ein Produkt zu verschaffen, dann ist definitiv etwas Grundlegendes schiefgelaufen.

Fazit: Ich finde eine Prognose schwierig. Jedoch halte ich es für zu früh, Microsoft abzuschreiben. In Abwandlung des berühmten Bonmots von Winston Churchill würde ich sagen, dass Microsoft immer das Richtige tun wird – nachdem sie alle Alternativen ausgeschöpft haben.

Beitragsbild: Doch, ein bisschen etwas hat Microsoft dieses Jahr schon gemacht (Kamil S, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Jahresmusterung Teil 3: Hat Microsoft 2020 überhaupt etwas gemacht?“

  1. Microsoft ist nicht durch coole Gadgets aufgefallen, aber was sie gemacht haben, war solide: die Nutzung von Teams ist von 32 Millionen aktiven Benutzern im März auf 75 Millionen im April gestiegen und stand im November bei 115 Millionen. Das haben sie fast ohne Ausfälle hinbekommen, dank ihrer Azure-Infrastruktur. Für OneDrive habe ich keine Zahlen, aber dessen Nutzung wird ähnlich rasant gestiegen sein.

    Wenn sie ihr Marketing abbauen würden, dem wir ja den Microsoft-Account-„Zwang“ bei Windows 10 und den Namen „Microsoft 365“ zu verdanken haben, würden sie bei der Sympathie gar nicht so schlecht dastehen. Nicht hip, aber zuverlässig.

Kommentar verfassen