Jetzt endlich schlägt Karl Klammers Stunde

Die künstlich intelligenten Funktionen in Office sind mehr als eine Spielerei. Und sie deuten an, was wir von der nächsten Software-Generation erwarten dürfen.

Erst vor Kurzem habe ich die neue Office-App lobend erwähnt. Und bereits komme ich wieder in die Verlegenheit, über Microsoft berichten und den Konzern sogar loben zu müssen. Da fragt man sich schon: Was ist aus der guten alten Zeit geworden, wo eine solche Kadenz nur wegen ständiger Missetaten zu erklären gewesen wäre?

Aber es ist tatsächlich so: Microsoft macht dieser Tage nicht mit Sicherheitslücken, Wettbewerbsverzerrung oder Steueroptimierung zu reden. Wobei, kurzer Einschub, ich nicht sicher bin, ob Microsoft dieser Tage wirklich mehr Steuern zahlt als noch 2016. Aber das müssen die wirtschaftskundigen Kollegen klären.

An dieser Stelle geht es um die Produkte. Und um die überraschende Beobachtung, dass sich Microsoft innovativ zeigt. Der Konzern legt eine fast schon unheimliche Lust an den Tag, angestaubte Produkte neu zu erfinden. Und er macht das bei einem Produkt, das nicht mehr viel angestaubter sein könnte.

Nämlich Office. Wann war diese Bürosoftware zu Ende entwickelt? Ich würde sagen, noch im letzten Jahrtausend. Zu Office XP jedenfalls habe ich seinerzeit geschrieben: «Office XP, im Mai 2001 lanciert, brachte gelungene Verbesserungen an der Oberfläche, ansonsten hauptsächlich Marketing-Brimborium und uneingelöste Versprechen: Eine ‹eXPierience›, d. h. ein Erlebnis, war Office XP nicht.»

Die letzte grosse Innovation war das mit Office 2007 eingeführte Menüband, der Ribbon. Das halte ich nach wie vor für eine gelungene Verbesserung und für einen Meilenstein in der Benutzerführung. Mit dem Menüband hat Microsoft den Weg bereitet, die klassischen Anwendungsmenüs abzulösen. Das kommt uns nun bei den mobilen Apps zupass, wo klassische Dropdown-Menüs schlicht unbrauchbar sind. Es ist auch am Desktop sinnvoll, wo Befehle leichter zugänglich sind.

Aber auch diese Verbesserung hat sich an der Oberfläche abgespielt. Genauso wie der Fokusmodus, der uns kreativen Schreiberlingen hilft, uns nicht von der Benutzerschnittstelle ablenken zu lassen.

Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob es in den letzten Jahren in Office ein Produktivitäts-Feature gegeben hat, das der Erwähnung wert gewesen wäre. Mir ist nichts eingefallen, auch mit Hilfe dieser Liste nicht. Aber das kann auch an meinem Hirn liegen – wenn ich Microsoft Unrecht getan haben und etwas Wichtiges unterschlagen haben sollte, dann weist mich bitte via Kommentare darauf hin.

Jedenfalls ist es so, dass Microsoft inzwischen neue Funktionen zu bieten hat, die in Sachen Produktivität einen Unterschied machen. Und die haben allesamt mit künstlicher Intelligenz zu tun:

In Powerpoint versuchen die Algorithmen, die Folien hübscher zu machen. Sie übersetzen Folien und fügen automatisch Untertitel zur Folienprojektion hinzu – entweder in Originalsprache oder übersetzt. Excel versucht, mit Hilfe des «Ideen»-Knopfs Rohdaten sinnvoll zu interpretieren. Und Word überprüft nicht mehr nur Orthografie und Grammatik, sondern auch den Stil und die Lesbarkeit des Textes. Alle diese Beispiele werden im Video im Detail vorgeführt:


Wie Ihnen künstliche Intelligenz bei der Büroarbeit hilft

Das ist jedenfalls ein echtes Argument für Microsoft Office und gegen die klassischen Alternativen wie OpenOffice oder LibreOffice: Denn diese KI-Features sind für manche Anwendungsfälle tatsächlich nützlich. Und vor allem vermitteln sie den Eindruck, dass wir hier die ersten Anzeichen erleben werden, wie Software in der Zukunft funktioniert.

«Ich habe zwar keine Ahnung, was du tust. Aber für den Fall, dass du einen Brief schreiben willst, dränge ich mich mal in den Vordergrund.»

Ja, für die nächste Generation der Apps dürfte künstliche Intelligenz – oder vielleicht sollte man besser von maschinellem Lernen sprechen – ein Standardelement sein.  Das bedeutet nicht, dass das magische Programme sein werden, die allein von Gedankenkraft gesteuert, die ganze Arbeit von allein tun werden. Aber es ist damit zu rechnen, dass sie Assistenzfunktionen enthalten werden, die den Namen auch wirklich verdienen.

Also anders als Karl Klammer (Clippy) seinerzeit, der leider nie kapiert hat, was der Benutzer nun tatsächlich tun wollte, werden diese Assistenten etwas mehr von unserer Arbeitsweise verstehen und uns echte Hilfe anbieten können. Und das wäre nicht zu verachten…

Beitragsbild: Äh, hallo? (Ann H, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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