Microsoft hat den Edge-Browser über die Kante geschubst

Microsoft hätte seinen Edge-Browser besser in Frieden sterben lassen, anstatt ihn zu diesem lahmen Abklatsch von Google Chrome umzubauen.

Mein erster Versuch, die neue Version des Edge-Browsers herunterzuladen, ist leider an einer Nebensächlichkeit gescheitert. Immerhin hat es uns allen einen Extra-Blogbeitrag beschert.

Willkommen beim neuen Browser. Ähnlichkeiten zum Browser eines Mitbewerbers sind nicht zufällig.

Ich habe mich jedoch nicht dauerhaft ablenken lassen. In einem zweiten Anlauf habe ich es geschafft, das ursprüngliche Vorhaben in die Tat umzusetzen, das Update auszuführen und die neue Version des Edge-Browsers zu installieren. Daher ist es an dieser Stelle unvermeidlich, sie einer kritischen Würdigung zu unterziehen.

Eine kleine Vorbemerkung: Der direkte Vergleich wird erschwert, weil die alte Version komplett ersetzt wird. Ich habe zwar versucht, auf meine Windows-10-Installation in der virtuellen Box zurückzugreifen. Doch die verweigert sich leider mit der Fehlermeldung «Raw-mode is unavailable courtesy of Hyper-V.» Man müsste zur Lösung des Problems Microsoft Hyper-V entfernen. Aber das war mir für diesen kleinen Test zu aufwändig.

Als erstes fällt das neue, buntere und abstraktere Icon auf. Das alte Programmsymbol hatte eine gewisse Ähnlichkeit zum E des Internet Explorer aufgewiesen. Das ist nun (weitestgehend) weg. Stattdessen gibt es eine Art blaugrüne Schnecke. Ich hoffe, dass darin kein diskreter Hinweis auf die Ausführungsgeschwindigkeit des Programms verborgen ist.

Eine Schnecke? Oder doch eine noch abstraktere Variante des alten E-Symbols?

Wenn man Edge startet, muss man sich für eine von drei Layout-Varianten entscheiden, mit denen sich jeweils ein neuer, leerer Reiter präsentiert. Es gibt diese drei Varianten:

  • Inspirierend erscheint mit einem bunten Hintergrundbild.
  • Konzentriert verzichtet auf derlei Schnickschnack und zeigt nur einige der am meisten verwendeten Websites, plus natürlich ein Suchfeld an.
  • Bei Informativ schliesslich werden in der unteren Hälfte Schlagzeilen von msn.com eingeblendet – Gott bewahre!

Man kann das Layout auch über den Zahnrad-Knopf in der rechten oberen Ecke oder aber über die Einstellungen und die Rubrik Seite «Neuer Tab» verändern. Es gibt auch die Variante Benutzerdefiniert, in der man die sogenannten Schnellverknüpfungen und das Bild des Tages an- und ausknipsen kann und wählen darf, ob man bei den MSN-Schlagzeilen Bilder oder nur Überschriften sehen will.

Zum Verwechseln ähnlich. Links übrigens Edge, rechts Chrome.

Bei einem genaueren Blick auf den Browser, das Menü rechts oben und die Einstellungen zeigt sich eines sofort: Microsoft hat längst nicht nur die Rendering Engine von Chromium ausgeborgt. Nein, Edge ist nun offensichtlich eine Abspaltung (Fork) von Chromium, die ein bisschen auf Edge getrimmt wurde. Aber es ist offensichtlich, dass der neue Edge eine viel grössere Ähnlichkeit zu Google Chrome als zum alten Edge hat.

Das zeigt sich, wenn man die beiden Browser nebeneinander platziert: Die Reiter, die Anordnung von Knöpfen und Bedienelementen, die Gestaltung der Oberfläche – da muss man die Unterschiede suchen, nicht die Gemeinsamkeiten.

Zum Verwechseln ähnlich, Teil zwei. Links auch dieses Mal Edge, rechts Chrome.

Noch unmissverständlicher ist es beim Menü ersichtlich, das man rechts oben über den Knopf mit den drei Punkten aufklappt: Bei Edge sind die drei horizontal und bei Chrome vertikal angeordnet – und das ist dann fast schon der grösste Unterschied. Im Menü selbst findet man mehr oder weniger die gleichen Einträge. Einige sind unterschiedlich benannt und etwas anders platziert. Doch damit hat es sich fast schon.

Als eigenständige Funktion hat Microsoft die Sammlungen eingebaut. In der sammelt man keine Links wie in den Lesezeichen, sondern Textschnipsel und Bilder. Diese Sammlungen sollen sich auch in den Office-Anwendungen nutzen lassen. Auf diese Weise würde Edge besser mit Microsofts eigenen Programmen harmonieren, was für die Anwender ein Grund sein könnte, ihn Chrome vorzuziehen.

Demgegenüber scheint die Notizen-Funktion verschwunden zu sein. Die heisst in Englisch Write on the Web und ermöglichte es, beliebige Websites mit einem virtuellen Kugelschreiber, Textmarker, Radierer zu traktieren und mit Postit-Zetteln zu versehen. Diese Möglichkeit gibt es bei der Konkurrenz nicht, und entsprechend hatte Microsoft im Windows-Blog seinerzeit ziemlich geprahlt:

Wussten Sie, dass Sie in Microsoft Edge direkt auf Webseiten schreiben und das, was Sie markiert haben, problemlos speichern oder mit Freunden und Kollegen teilen können? Microsoft Edge ist der einzige Browser mit der integrierten Funktionalität, mit der Sie direkt auf Webseiten Notizen machen, schreiben, kritzeln und markieren können. Sie können dies mit Ihrem Finger tun, wenn Sie ein berührungsempfindliches Gerät verwenden, mit einem Stift oder mit Ihrer Maus oder Ihrem Trackpad.

Kann sein, dass diese Funktion noch nachgerüstet wird. Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass sie dem Umstieg auf Chromium zum Opfer gefallen ist und nicht zurückkehren wird.

Und damit sind wir beim Fazit. Und das fällt leider vernichtend aus.

Es ist mir ein völliges Rätsel, warum Microsoft diesen Weg eingeschlagen hat. Mir leuchtet ansatzweise ein, dass Microsoft keine eigene Rendering Engine (oder Browser Engine) pflegen will. Aber es hätte auch die Möglichkeit gegeben, diese Engine auszutauschen und den Browser in seiner eigenständigen Form beizubehalten. Über diese Möglichkeit habe ich seinerzeit bei der Ankündigung spekuliert. Und ich habe sie für viel wahrscheinlicher gehalten.

Doch ich habe mich offensichtlich getäuscht. Es gibt an dieser Stelle nur eine mögliche Beurteilung: Edge ist in dieser neuen Version als eigenständiger Browser tot. Mit diesem Wechsel zu Chromium hat Microsoft selbst seinem Browser die Existenzberechtigung abgesprochen.

Denn wirklich: Diese notdürftig bemäntelte neue Version von Google Chrome braucht niemand. Jeder vernünftige Nutzer wird, der Sammlungen-Funktion zum Trotz, lieber gleich zum Original greifen. Und das ist nun einmal Google Chrome.

Es ist genauso wie in der Politik: Wenn eine alteingesessene Partei plötzlich Parolen und Positionen einer jungen Protestpartei aufgreift, weil damit Wähler vom Wechsel abgehalten oder zur Rückkehr bewogen werden sollen, dann funktioniert das nicht. Stattdessen werden die Wähler darin bestärkt, das Original – also die Protestpartei – zu wählen.

Chrome ist die federführende Variante des Browsers. Edge wird immer der Nachzügler bleiben. Klar, Edge führt ein paar Exklusivitäten ins Feld. Nebst der erwähnten Sammlungs-Funktion könnte Microsoft den Schutz der Privatsphäre höher gewichten als Google. Doch noch nicht einmal das ist der Fall, wenn man diesem Beitrag hier glauben darf (und dieser wissenschaftlichen Analyse, die dem Beitrag zugrunde liegt):

Edge verweist (…) nicht auf Browser-Installationen, sondern auf die Hardware. Leith: «Beide [auch der Yandex-Browser] senden persistente Identifikatoren, die verwendet werden können, um Anfragen (und die verbundene IP-Adresse un der Standort) mit Backend-Servern zu verknüpfen.» Der Effekt ist, dass die gesammelten Daten mit der Zeit Ihre Identität aufdecken können. Was nicht ideal klingt. Zumal der Benutzer offenbar nichts dagegen unternehmen kann.

Das muss man erst einmal schaffen: Ein Browser, der wie Google Chrome auf Chromium basiert, der aber beim Schutz der Privatsphäre noch schlechter abschneidet als Chrome. Gratulation, Microsoft!

Dieser neue Edge ist vor allem eines: Eine Bestätigung für Google, auch im Browsermarkt gewonnen zu haben. Und wenn diese Bestätigung von einem der grössten Konkurrenten kommt, dann kommt das dem Endsieg schon ziemlich nahe. Immerhin – es gibt noch Firefox, und das ist auch gut so.

Beitragsbild: Edge, kurz bevor sich Microsoft von hinten anschleicht und ihm ein kleinen Stoss verpasst (Arthur Ogleznev, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

4 Gedanken zu „Microsoft hat den Edge-Browser über die Kante geschubst“

  1. Wenn ich bei der Privatspähre zwischen Google und MS wählen muss, dann muss ich nicht lange überlegen. Da ist mir Microsoft doch lieber, als meine Daten dem Kraken zu übergeben, denn wenn ich MS nicht vertraue müsste ich eher Linux einsetzen und nicht Windows.

  2. Man kann den alten und neuen Edge übrigens parallel installieren. Dazu muss man in den Gruppenrichtlinien die „Side by Side“-Installation erlauben.

    Ich kann Deine Argumente nachvollziehen, möchte aber anfügen, dass der neue Edge in professionellen Umgebungen durchaus seine Berechtigung hat. Nicht weil er schneller oder schöner ist als Chrome oder Firefox, sondern weil er über Windows Update aktualisiert wird und im Support von Microsoft ist.

    Aktuell hat man auf Servern ein Problem: der alte Edge stellt viele Websites nicht korrekt dar. Installieren die Benutzer den Chrome, wird der im Benutzerprofil abgelegt und pro Benutzer gibt es einen Update-Task. Nicht ideal bei hundert Benutzern… Der Firefox lässt sich gut zentral installieren und verwalten, aber auch das ist immer eine separate Schiene neben Windows Update. Und fremde Software muss je nach Umgebung validiert werden etc. Deswegen erwarten viele Admins den neuen Edge sehnlichst.

    1. Gute Argumente! Ich habe tatsächlich aus Sicht des Privatanwenders argumentiert, aber natürlich hat Microsoft eine Verpflichtung gegenüber den geschäftlichen Nutzern.

      Trotzdem hätte ich erwartet, dass Microsoft weiterhin einen eigenständigen Browser pflegt, meinetwegen mit Blink (der Chromium-Engine). Und wenn auch das zuviel verlangt ist, hätte Microsoft wenigstens die schlimmsten Usability-Sünden beheben müssen (z.B. das unbrauchbare Menü «Favoriten»-Menü, das sogar noch unübersichtlicher ist als Chromes Lesezeichen-Liste).

      Was das Update angeht, sollte Microsoft die Update-Funktion für Drittprogramme öffnen. Mich nervt seit jeher, dass sich beim Start x Updater im Hintergrund drängeln. Das ist etwas besser geworden, seit viele von uns auf Flash und Java verzichten können. Trotzdem ist das nach wie vor unhaltbar.

      1. Zur Update- bzw. Paketmanager-Problematik gibt es spannende Neuigkeiten. Da ist mir gleich dieser Artikel eingefallen.

        Microsoft hat einen Paketmanager veröffentlicht. So, wie man ihn schon lange von Linux kennt und liebt:
        https://devblogs.microsoft.com/commandline/windows-package-manager-preview/

        Man kann seine Anwendung dort veröffentlichen. Die Liste der bis jetzt erhältlichen Pakete ist schon erstaunlich lang:
        https://github.com/microsoft/winget-pkgs/tree/master/manifests

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