Die bizarre Zahlenmystik, die Microsoft mit Windows 10 betreibt

Versionsnummer, Builds, Code- und Marketingnamen: Wenn man versucht, die Bezeichnungen für das neue Windows-Update zu verstehen, dann tut sich ein Abgrund auf.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, die grossen Funktions-Updates jeweils in einem Patentrezept-Video zu besprechen. Zum Beispiel 1709, 1809, 1903 und im letzten Herbst 1909. Ein solches Video gibt es nun auch für das jüngste Update mit der Version 2004, das Ende Mai veröffentlicht wurde.

Bevor ich darauf kurz eingehe, muss ich mir ein bisschen Luft verschaffen: Es geht um das beliebte Thema, dass Microsoft es schafft, Dinge zu verkomplizieren – und zwar massiv. Egal, ob es nun ursprünglich einfach, mittelschwierig oder schon undurchsichtig war – nachdem sich Microsoft darum gekümmert hat, ist das Thema für Laien kaum mehr zu durchdringen. Nicht nur das: Menschen, die sich vorgenommen haben, mit ihrer Lebenszeit etwas Vernünftiges anzufangen, kommen nicht umhin, sich frustriert abzuwenden.

Also, da gibt es die Frage, wie diese Updates nennt. Bei Apple und dem Mac ist die Sache einigermassen trivial: Es gibt eine Versionsnummer, zum Beispiel 10.15. Und dann hat jede Version einen Namen. Das fing seinerzeit mit Raubkatzen an (Cheetah bzw. Gepard, Puma, Jaguar) und führte uns in der Neuzeit zu geografischen Lokalitäten aus Kalifornien (El Capitan, Sierra, Mojave, Catalina).

Das mag ein bisschen verschroben wirken. Ausserdem können wir uns hierzulande diese Berge, Gebiete und Nationalparks aus dem Bundesstaat von der fernen US-Westküste schlecht merken, sodass für uns Bezeichnungen wie Rigi, Säntis und Zigerschlitz praktischer wären. Aber grundsätzlich ist an dem System nichts auszusetzen.

Bei Microsoft ist es, wie angedroht, diffiziler. Die Zahlen, die ich oben zur Identifikation angegeben habe, sind die Versionsnummern – und nicht die Build-Nummer, wie ich sicher auch schon geschrieben/behauptet habe.

Man kann sich nun fragen, warum diese Nummer nicht fortlaufend ist. Sie repräsentiert den internen Entwicklungsprozess, wobei wir uns Endanwender dann fragen, ob der uns etwas angeht – und ob es sich lohnt, sich näher damit zu beschäftigen. Als Faustregel kann man sagen, dass die Updates gewichtiger ist, wenn die Differenz zur vorherigen Version grösser ist. Wenn sie klein ist, hat sich wenig getan, wie zum Beispiel zwischen 1903 und 1909. Trotzdem wären aufeinander folgende Zahlen benutzerfreundlicher.

Die Versionsnummer wird offensichtlich auch relativ willkürlich angepasst. So habe ich hier gelesen, dass die Version 2004 eingentlich 2003 heissen müsste, Microsoft aber eine Verwechslung mit Windows Server 2003 vermeiden wollte.

Update: Ach ja, und Yves auf Twitter hat natürlich recht: Die Grundlage für die Nummer ist das geplante Erscheinungsdatum aus Jahr und Monat.


Update Ende.

An dieser Stelle ist die Geschichte aber nicht zu Ende: Jede Windows-Version hat auch eine zweite, fünfstellige Nummer. Sie gibt den «Build» an. Ein Build entsteht, wenn man aus dem Quellcode die lauffähige Software baut. Da man die gleiche Version unter Umständen mehrfach bauen will oder muss, braucht man diese Nummer, um die Varianten unterscheiden zu können, die während des Entwicklungsprozesses entstehen.

Die Buildnummer für die Version 2004, um die es im Video geht, das ich heute hier präsentiere. Die Buildnummer ist 19041 – was offensichtlich nichts mit der Version zu tun hat.

Für uns Endanwender sind diese Buildnummern von nachrangigem Interesse. Man muss sich nur dann mit ihnen auseinandersetzen, wenn man verfolgen will, wie sich eine Version vor der Veröffentlichung entwickelt, welche Funktionen hinzukommen und allenfalls noch gestrichen werden und wie die Fehlerbereinigung voranschreitet. Merken muss man sie sich unter Umständen trotzdem. Nämlich deswegen, weil in Medienartikeln darauf Bezug genommen wird.

Wenn man sich nun die Wikipedia-Seite Windows 10 version history ansieht, dann stellt man fest, dass die Tabelle noch zwei weitere Spalten hat: Dort findet sich ein Codename und ein Marketing-Name.

Die Codenamen für frühere Versionen waren Threshold (von 1 bis 2) und Redstone (von 1 bis 5). Da kann man sich ausmalen, dass diese die grösseren Ziele abbilden, die über mehrere Iterationen erreicht werden sollen. Doch seit Version 1903 heissen die 19H1, 19H2 und 20H1.

Ich hatte keine sonderliche Lust, der Bedeutung dieser neuen Bezeichnungen hinterherzurecherchieren. Sie scheint jedenfalls banal, vorne zwei Stellen des Erscheinungsjahrs, hinten eine Angabe, ob es sich um das erste oder zweite Update des Jahres handelt. Man kann aber festhalten, dass Codenamen bei Microsoft lange Tradition haben. Die Gründe dafür zu erfahren, wäre sicher spannend und würde einiges über die Firmenkultur verraten.

Und eben, dann gibt es noch den Marketingnamen: Das ist die Bezeichnung, mit der wir normalen Anwender auf eine Version Bezug nehmen sollen. Mai-2020-Update für die aktuelle Version, November-2019-Update für die Version aus dem letzten Herbst.

Vielleicht ist es ein Ausdruck der transparenten Entwicklungsweise, dass wir Anwender uns mit diesen Details herumschlagen dürfen oder müssen: Es zeigt, dass wir mehr über die Interna erfahren als früher. Und wenn man sich mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Builds beschäftigt, dann lässt das auch gewisse Rückschlüsse auf die Arbeit im Entwicklerteam zu. Man kann es sich aber auch einfach machen und sich auf den Standpunkt stellen, dass für uns Anwender nur das Resultat zählt – zumindest, so lange Microsoft keine basisdemokratischen Abstimmungen über die neuen Features durchführt.

So, und das wars nun zu diesem Thema. Über die neuen Funktionen des Updates mag ich an dieser Stelle nicht auch noch referieren. Für die seht ihr euch bitte das Video an:


Ein grosses Update für Windows 10 steht an

Und zum Schluss noch ein interessanter Hinweis von Yves.

Beitragsbild: Blind vier Ziffern herausgegriffen – das ist dann die Versionsnummer des nächsten Updates von Windows 10 (Black ice, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Die bizarre Zahlenmystik, die Microsoft mit Windows 10 betreibt“

  1. Ich finde die Versionierung nicht so schlimm. Windows 10.x und alle paar Jahre dann 11, 12, etc. wäre zwar etwas einfacher, aber bei 1909 sieht man wenigstens auf den ersten Blick, dass das System 2019 erschienen ist. Da diese Releases immer anderthalb Jahre Support haben, weiss man, dass man Version 1903 bis Ende 2020 upgraden muss. Wenn es heisst, Feature XY sei seit Version 1803 verfügbar, weiss man als Entwickler, dass man es gut verwenden kann, weil alle Leute mit Windows 10 eine neuere Version und somit dieses Feature haben. Wenn der neue Edge mit 2004 erscheint, weiss man, dass man ab Ende 2021 keine Websites mehr für den alten Edge „optimieren“ muss etc.

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