Ein endgültiger Ausstieg bei Twitter, Hü und Hott bei Microsoft

Eine Würdigung von Jack Dorsey und die Frage, wie es mit Twitter nach dessen Abgang weitergeht. Plus im Wochenrückblick: Der Windows-Konzern kann sich nicht entscheiden, wie weit er bei der Protektion seines Browsers gehen will.

Just setting up his twttr (Jack Dorsey von Joi Ito, CC BY 2.0).

Jack Dorsey kehrt Twitter den Rücken

Am letzten Montag hat Jack Dorsey mitgeteilt, er gebe seinen Posten als Twitter-Chef ab. Er hat den Kurznachrichtendienst vor 15 Jahren gegründet und übergibt den Chefposten nun an Parag Agrawal, der bislang Technik-Chef des Unternehmens war.

Dorsey hat Twitter im März 2006 zusammen mit Biz Stone und Evan Williams gegründet, wobei deren Unternehmen Odeo ursprünglich eine Plattform fürs Podcasten hätte entstehen sollen. «Business Insider» erzählt in The Real History Of Twitter, dass diese Idee flachgefallen war und auf der Suche nach einem Ersatzbetätigungsfeld Dorseys Pläne rund um die Idee der Status-Updates der Nachrichtendienst entstanden ist, der in ein neues Unternehmen überführt worden ist.

Ab 2006 bis 2008 war Jack Dorsey der Chef und wurde danach auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden versetzt. Diese nicht ganz freiwillige Absetzung hatte damit zu tun, dass Dorsey seine weiteren Projekte verfolgen wollte, zumal er im Mai 2009 den mobilen Bezahldienst Square an den Start brachte. Seit 2011 war Dorsey wieder Teil der Führungsriege und seit 2015 wieder CEO. Doch das Problem, dass zwei Unternehmen parallel zu leiten, eine übermenschliche Aufgabe ist, blieb bestehen und hat jetzt vermutlich zum Rücktritt geführt. Per Mai 2022 will Dorsey Twitter ganz verlassen.

Wie geht es weiter mit Twitter? Einerseits zitiert die «New York Times» Dorseys Bemängelung an Unternehmensgründern, die sich am Chefsessel festklammern: Er sei der Meinung, dass so ein Chef zu einer gefährlichen Bruchstelle werden würde: «Ich bin überzeugt, dass es entscheidend ist, dass ein Unternehmen auf eigenen Füssen stehen kann, frei von dem Einfluss oder der Leitung des Gründers.»

Diese Kritik sei auf Mark Zuckerberg gemünzt, spekuliert die «New York Times» – und ohne Zweifel hätte er damit recht, weil auch ich nach der Lektüre des Facebook-Buchs von Steven Levy zum Schluss gekommen bin, dass Zuckerberg den Hut nehmen sollte. Daher ist es vorbildlich, wenn Dorsey den Weg frei macht.

Allerdings erwartet den Nachfolger eine grosse Aufgabe, wie «Wired» prognostiziert. Denn: «Jack Dorsey war Twitters Seele».

«Mashable» hingegen ist der Ansicht, dass man Dorsey jetzt auch nicht verklären sollte:

Damals, als so viele Nutzer um die Möglichkeit bettelten, beleidigende und gefährliche Tweets zu melden, dass «Schmeiss einfach die Nazis raus, Jack» zu einem einem Twitter-Mem wurde, schien Dorsey zum Inbegriff des gleichgültigen Tech-CEOs zu werden. Er schrieb einen langen Thread über seine Meditationsklausur in Myanmar (für die er sich später entschuldigte), machte beunruhigend lange Fastenzeiten und schien von der Vorstellung besessen zu sein, dass alles, was Twitter in einem Moment der moralischen Krise tun müsse, darin bestünde sicherzustellen, dass jeder Nutzern auch Leuten ausserhalb ihrer politischen Blasen folgen. Dann würde automatisch Frieden und Liebe einkehren.

«Mashable» ist daher schon zufrieden, wenn Twitter nicht ganz so schlimm wie Facebook wird. Naja, wir werden sehen.

Microsoft steckt zurück

Microsoft tut alles, um seinem Browser Edge zu mehr Verbreitung zu verhelfen, und schreckt vor ruppigen Methoden nicht zurück. Die beschreibe ich im Beitrag Wie Microsoft uns Nutzern seinen Browser aufnötigt ausführlich – und ich gebe auch Tipps, wie man Gegensteuer gibt.

Der Browser, der seine Konkurrenten versenken möchte.

Wie «The Verge» berichtet, ist der Konzern nun wenigstens bei einem Punkt von seiner harten Linie abgewichen. Windows 11 erleichtert es den Nutzern, von Edge zu Firefox, Chrome oder einem anderen Browser zu wechseln; es funktioniert jetzt wieder wie bei Windows 10.

… und legt gleichzeitig nach

Das heisst aber nicht, dass Microsoft gewillt ist, seinen Kampf für Edge aufzugeben. Im Gegenteil: Neowin hat gestern aufgezeigt, wie Nutzer vom Download von Chrome abgehalten werden sollen, wenn sie die entsprechende Website aufrufen. In einem Dialogfeld steht, Microsoft Edge basierte auf der gleichen Technologie wie Chrome, aber «mit dem zusätzlichen Vertrauen von Microsoft».

Dieser Hinweis erscheint anscheinend sowohl unter Windows 10 wie unter Windows 11. Bislang werden offenbar nur Nutzer in den USA entsprechend belehrt; ich habe bei einem Test diese Botschaft nicht gesehen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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