Drei fulminante Abenteuer für Junge und Junggebliebene

«Das ferne Leuchten», «Perfect Copy» und «Die seltene Gabe»: Drei Geschichten von Andreas Eschbach, die es neu als Hörbücher gibt und die zu entdecken sich allemal lohnt.

Mir sind Autoren sympathisch, die ihren Lesestoff nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche anfertigen. Das zeugt von Selbstvertrauen und erzählerischem Talent. Denn während man Erwachsenen auch eine halbgare Geschichte schmackhaft machen kann, indem man sie mit intellektuellem Firlefanz garniert, muss man dem Nachwuchs eine glaubhafte Geschichte präsentieren – und Figuren, mit denen er sich identifizieren kann.

Zwei Schreibtischtäter, die das beide gut beherrschen, sind J.K. Rowling, aber auch für Andreas Eschbach. Heute geht es um Letzteren (denn das neue Buch Gliss – Tödliche Weite habe ich schon vor ein paar Tagen besprochen). Von ihm sind eine Reihe Bücher neu in Hörbuchform herausgekommen – auch ältere Werke, die erst in der letzten Zeit eingelesen wurden. Denn wie schon hier bemerkt, sind die deutschsprachigen Verlage dabei, ihre gesprochenen Kataloge aufzustocken. Das deute ich so, dass diese Darreichungsform so langsam alltäglich wird. Was mich natürlich freut – denn lang genug gedauert hat es ja.

Der grosse Eschbach-Marathon des Herrn Thiele

Ich stelle heute drei Werke vor, die allesamt vom gleichen Sprecher gelesen werden. Louis Friedemann Thiele heisst er, und er scheint in diesem und letztem Jahr viel Zeit mit Eschbach und seinen Geschichten zugebracht zu haben. Ich habe nichts dagegen, wenn die Verlage die Sprecher passend zur Geschichte auswählen – und beim dritten heute hier vorgestellten Buch hätte eine Frauenstimmen besser gepasst – aber Thiele macht das über alles gesehen gut, und er hat eine Binge-Hör-taugliche Stimme.

Also, jetzt zu den drei Büchern:

Das ferne Leuchten: das Marsprojekt 1

Das fast normale Leben auf dem Mars

Am besten gefällt mir Das ferne Leuchten. Das liegt vermutlich daran, dass mir Eschbach am besten gefällt, wenn er zu einer epischen Erzählung ausholt. Das ist hier ohne Zweifel der Fall, denn das Buch ist der erste Teil¹ der Reihe  «Das Marsprojekt», die bislang sechs Folgen umfasst. Ob die  Hexalogie vollendet ist oder sich zu einer Heptalogie auswächst, weiss ich nicht – und ich habe es nicht in Erfahrung gebracht, weil ich mir den Spass nicht verderben will.

Im Zentrum des ersten Bands stehen die vier Jugendlichen Elinn, Ronny, Ariana und Carl, die das Glück (oder Pech) haben, in einer Marskolonie zu leben. Sie sind einzigen der rund zweihundert Siedler, die nicht volljährig sind.

Ein entsprechend eingeschworenes Trüppchen bilden sie, das dem Schabernack nicht abgeneigt, die nicht gerade menschenfreundliche Umgebung als ihre natürliche Heimat wahrnehmen. Zwei der Jugendlichen sind auf dem Mars auf die Welt gekommen, zwei kennen die Erde zumindest aus ganz frühen Tagen.

Und ohne zu spoilern, hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen². Es enthält das, was man von einem Jugendroman erwartet: Glaubwürdige Charaktere, eine glaubwürdige Stimmung und ein echtes Abenteuer, an dem man als Leserin gerne teilnehmen würde.

Auf dem Mars scheint es lebenswert zu sein

Weiterhin spielt Eschbach seine Stärke aus, nämlich allen Widrigkeiten zum Trotz eine freundliche, friedliche Erzählstimmung aufzubauen, in der man sich geborgen fühlt – was dieses Buch zum Beispiel von den Hunger Games oder Divergent unterscheidet. Und mir gefällt die Selbstverständlichkeit, mit der Eschbach das Leben auf dem Mars schildert, mit den notwendigen technischen Details, die fürs Überleben notwendig sind. Damit passt es gut zum anderen grossen Mars-Epos – womit ich The Martian meine.

Perfect Copy

Jeder glaubt, er sei ein Original.

In Perfect Copy von 2002 begegnet die Leserin Wolfgang Wedeberg, der in einem düsteren und freudlosen Elternhaus lebt. Seine Mutter malt verstörende Bilder und sein Vater, ein bekannter Arzt, ist ein regelrechter Haustyrann. Er wird vom der Idee angetrieben, aus seinem Sohn einen perfekten Cellisten zu machen und die Karriere als Starmusiker anzustreben, die ihm verwehrt worden ist. Doch Wolfgang hat keine Freude an den endlosen Übungsstunden, und er zweifelt zunehmend an seinem Talent.

Diese Geschichte³ ist ein Plädoyer für junge Menschen, sich frühzeitig von den Eltern abzunabeln und sich zu nichts drängen zu lassen – noch nicht einmal von einem Talent für die Musik oder die Mathematik. Es ist eine Aufforderung, sich selbst zu entdecken und herauszufinden, was man wirklich will – und damit so etwas wie eine archetypische Coming-of-Age-Erzählung (der englische Begriff gefällt mir übrigens sehr viel besser als das deutsche Wort Entwicklungsroman).

Die seltene Gabe

Was ich mit dieser Gabe anstellen würde?

Schliesslich Die seltene Gabe: Auch hier gibt es eine Coming-of-Age-Moral, die lautet, dass man als Jugendlicher das Recht hat, sich selbst zu sein – ganz gleichgültig, wie seltsam, extravagant, genial oder durchschnittlich man auch sein mag. Und auch in dieser Geschichte ist die Moral zwar spürbar, aber nicht so dick aufgetragen, dass es das Lesevergnügen schmälern würde.

Ich habe auch diese Geschichte gern gelesen. Ich habe sie ans Ende sortiert, weil sie ihr Potenzial nicht so gut ausschöpft wie die beiden anderen Bücher.

Erst Geisel, dann Freundin?

Das liegt daran, dass der grösste Teil der Geschichte in der Flucht der beiden Hauptfiguren besteht. Das ist erstens Armand Duprée, Besitzer jener seltenen Gabe, die im Titel erwähnt ist, und zweitens Marie, die von Armand als Geisel genommen wird. Und auch wenn man im Verlauf der Geschichte versteht, warum Armand handelt, wie er es tut, so war es für mich doch relativ schwer zu akzeptieren, dass aus einer Entführungs- eine Liebesgeschichte wird.

Natürlich habe ich vom Stockholm-Syndrom gehört, doch erstens scheint es das gar nicht zu geben und zweitens schmälert das die Wirkung der Liebesgeschichte eher – auch wenn Eschbach sie glaubwürdig und einfühlsam schildert.

Das heisst mit anderen Worten, dass man als Leserin nicht Hals über Kopf in einer abgrundtief romantischen Liebesgeschichte schwelgen kann, weil der Autor dafür einfach ein zu nüchterner Erzähler ist.

Man kann sich aber auch nicht von der seltenen Gabe von Armand in eine Superhelden-Stimmung hineinversetzen lassen, weil er von ihr relativ wenig Gebrauch macht und – genau wie Duane Fitzgerald in «Der Letzte seiner Art» (Terminators melancholische Seite) eine ambivalente bis ablehnende Haltung zu dem, was ihn vom Rest der Menschheit unterscheidet. Aber ein wenig mehr Unterhaltung, wie aus dem Popcorn-Kino bekannt, hätte der Geschichte nicht geschadet – auch wenn ich verstehe, dass das eine Gratwanderung gewesen wäre, weil Eschbach seine Helden als zutiefst menschlich und eben nicht als Fabelwesen zeigen wollte.

Fussnoten

Amiramin695, CC BY-SA 4.0

1) Gemäss Wikipedia handelt es sich um den zweiten Teil, als erster Band wird «Der flüsternde Sturm» angegeben. Bei den Hörbüchern, auf die ich mich beziehe, ist allerdings «Das ferne Leuchten» Teil eins.

2) Kurz zur Geschichte, mit einigen Spoilern: Die Ereignisse kommen in Gang, nachdem die Erdregierung in einem geheimen Entscheid beschlossen hat, die Marskolonie aufzugeben. Der Statthalter auf dem Mars, Tom Pigrato, ist gewillt, diesen Entscheid entgegen aller Einwände der Bewohner umzusetzen, weil es ihm selbst auf dem Mars nicht sonderlich gut gefällt.

Auch die Kinder wollen nicht auf die Erde. Einige von ihnen kennen nur den Mars, und Elinn erfährt vom Stationsarzt Dr. DeJones, dass sie auf der Erde keine zehn Tage überleben würde. Sie war eine Frühgeburt und ihre Lunge hat sich daraufhin nicht normal entwickelt. In der Schwerkraft des Marses ist das kein Problem, auf der Erde hingegen ein Todesurteil.

Die Kinder setzen nun alles daran, auf dem Mars bleiben zu können; sie bitten sogar bei der Station der Asiatischen Allianz um Asyl. Doch nichts hilft; alles, wozu sich Senator Björnstatt herablässt, ist, Elinn und ihrer Mutter ein Wohnrecht auf einer Raumstation mit marsähnlicher Gravitation anzubieten.

Die zwei Türme

Als letztes grosses Abenteuer machen sich die Kinder zu einer Expedition auf. Elinn hat auf dem Mars mehrere Artefakte gefunden, von denen ein Leuchten ausgeht, dass nur sie sehen kann. Sie hat immer behauptet, dass das von den Marsbewohnern stammen würde, für die es ansonsten aber keine Beweise gibt. Auf der Station der Asiatischen Allianz stellen die Kinder nun fest, dass das Artefakt haargenau eine Felsformation in Form eines Löwenkopfs abbildet.

Sie machen sich dorthin auf und bewirken, dass sich zwei blaue Türme aus dem Boden erheben. Da niemand weiss, woher die stammen, wird die Rückkehr zur Erde abgeblasen und die Forschungstätigkeit auf dem Mars verstärkt. Tom Pigrato holt seine Familie nach, zu der auch der 15-jährige Urs Pigrato gehört.

Randbemerkung: Die Szene mit den Türmen, die aus dem Boden wachsen, erinnern ein bisschen an die Heimstatt, jenes Raumschiff, das die Expedition in «Eines Menschen Flügel» im ewigen Eis entdeckt (Eskapismus schlägt Kapitalismus).

3) In dem Fall – und jetzt sind wir bei den Spoilern angelangt – ist das für Wolfgang nicht nur ein Gebot, sondern eine Überlebensnotwendigkeit, weil er nicht als Individuum in die Welt gekommen ist, sondern als Kopie seines Bruders Johannes, der das Cello mit noch mehr Talent als Wolfgang gespielt hat, sich den Vereinnahmungsversuchen seines Vaters noch vehementer entziehen wollte. In einem Streit mit seinem Vater ist er zu Tode gekommen, woraufhin der Vater ihm noch kurz ein paar Zellen seines Körpers abgenommen und ihn anschliessend kurzerhand geklont hat.

Die perfekte Kopie des Bruders

Diese Klongeschichte wird durch einen Journalisten ans Licht gebracht, wobei die Öffentlichkeit anfänglich denkt, Wolfgang sei der Klon seines Vaters. Diese Vermutung kann zerstreut werden, doch sie bringt Wolfgang dazu nachzuforschen und der Sache mit Johannes auf die Spur zu kommen. Als Wendung am Schluss erfahren wir, dass der Journalist, der hinter den Enthüllungen steckt, der angeblich gestorbene Bruder Johannes ist, der den Unfall nach dem Gerangel mit seinem Vater überlebt und daraufhin untergetaucht ist.

Auch hier überzeugen die Details rund ums Klonen. Aber am Ende fragt man sich doch, wie der arme Wolfgang den Verrat seines Vaters jemals verkraftet hat.

4) Um mit ein paar Spoilern abzuschliessen: Armand Duprée hat telekinetische Fähigkeiten, deretwegen er seit Jahren in einer Anstalt festgehalten, trainiert und erforscht wird. Seine Aufpasser gestatten es ihm nicht, ein normales Leben zu leben, weil sie in ihm ein Spionagewerkzeug und eine Waffe sehen. Doch als Armand einem Whistleblower auf telekinetischem Weg das Lebenslicht ausblasen soll, bevor er vor Gericht dreckige Wäsche waschen kann, entschliesst er sich zur Flucht.

Zum Mordwerkzeug werden?

Gehetzt von seinen nicht sehr auf Rechtsstaatlichkeit bedachten Betreuern versteckt er sich in Maries Haus, wo er von ihr überrascht wird und sie zwingt, ihn auf der Flucht zu begleiten. Diese Flucht gelingt; Armand kann letzten Endes untertauchen. Marie entschiesst sich, ihm in den Untergrund nachzufolgen.

Beitragsbild: Könnte ein Eschbach-Buch sein, so gefesselt wie sie wirkt (Eliott Reyna, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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