Mit den Ohren lesen

Die Rubrik Lies das wurde in der letzten Zeit in diesem Blog sträflich vernachlässigt. Das liegt daran, dass ich mich immer noch durch «A Song of Ice and Fire» kämpfe und da inzwischen in der Mitte des vierten Bandes angelangt bin.

Immerhin – der Hörbuchörerei fröne ich auch weiterhin mit Leidenschaft und habe darum nachfolgende Liste kompiliert, die kurze und knackige Tipps zu diesem Gerne enthält. In die Rubrik «Lies das» wird dieses Posting einsortiert, weil hörbuchantipathische Zeitgenossen die angegebenen Werke auch lesend rezipieren können…

Sebastian Fitzek habe ich das Buch Das Amokspiel zu verdanken, das mich deswegen interessierte, weil es beim Radio spielt. Zwar nicht bei Stadtfilter, denn zum einen spielt die Geschichte in Berlin. Und zum anderen hat der Mann, der zu einer öffentlichen Geiselnahme entschlossen ist, keinen alternativen, sondern einen massentauglichen Sender für seine Aktion ausgesucht.

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Spannend, die Geschichte, weswegen ich dann auch gleich noch Die Therapie und Der Augensammler nachgelegt habe. Dann musste ich aufhören, weil mir die notorisch kaputten Protagonisten und die immer komplett überspannten Szenarien zu viel wurden. Auch sind die Plots, wenn man sich die Szenarien genauer überlegt, nicht immer glaubhaft und der Hang zur Dramatisierung geht einem mit der Zeit auf den Keks:

Da wird aus jedem Pups gleich ein Knall, aus jeder Mücke ein Elefant oder aus einer harmlosen Leuchtschrift ein Menetekel apokalyptischen Schreckens… krimi-couch.de)

Trotzdem kann ich Fitzek empfehlen, mit Ausnahme vielleicht des letztgehörten Buchs mit dem Augensammler. Im neuesten Werk geht es nun wieder um Augen. On verra.

Andreas Eschbach ist ein weiterer deutscher Autor, der sich dem Genre des Thrillers verschrieben hat und seine Plots noch etwas souveräner serviert als Fitzek (die Parallele zum Augensammler besteht in der Figur der Charlotte, die wie wie die blinde Alina Gregoriev in Fitzeks Buch durch blosse Berührung in die Vergangenheit sieht). Ich habe mich an sein Werk Herr aller Dinge herangemacht, weil die Lektüre von Lucifer’s Hammer von Larry Niven und Jerry Pournelle meinen Hunger auf gute, überzeugende Sciencefiction nicht zu stillen vermochte. Eschbachs Tech-Vision ist sorgfältig recherchiert. Sie überzeugt auch bei den kleinsten Details und darum kann sich der Autor seinen angenehm unaufgeregten Erzählstil bestens leisten. Es geht um die Idee, was wäre, wenn die Menschheit das Arbeiten aufgeben könnte, weil Roboter oder Nanobots sich selbst erhalten, fortpflanzen und tun, was getan werden muss. Schön auch, wie die beiden Hauptfiguren, Charlotte und Hiroshi, sich annähern und wieder entfernen, und wie sie doch ein gemeinsames Schicksal teilen…

Rita Falk pflegt Bayerisches Brauchtum und gefressen und gesoffen wird die ganze Zeit, dass es eine wahre Freude ist. Das passiert in den von Christian Tramitz gelesenen «Provinzkrimis» mit Kommissar Eberhofer, die ich vor allem aus familiären Gründen konsumiere, um bezüglich Weisswürsten, Leberkässemmeln und Kartoffelknödeln auf der Höhe zu bleiben, ohne um die Hüfte zusehr an Umfang zu gewinnen. Der neueste Fall heisst Grießnockerlaffäre und zeigt wiederum einen Ermittler, der als reaktionäres Landei mit den amoralischen Elementen aufräumt und mehr aus Zufall über seine Mörderinnen stolpert. Die biedere, erzkonservative Weltsicht der Hauptfigur ist manchmal, so witzig sie auch serviert wird, schwer zu ertragen, aber der kiffende Vater als anarchistisches Klischee macht vieles wieder wett.

Suzanne Collins hatte es mir in einem Anfall von Jugendwahn angetan, sodass ich in einem Rutsch The Hunger Games, Catching Fire und Mockingjay antun musste, obwohl mir die Sprecherin Carolyn McCormick etwas zu wehleidig und die Hauptfigur zu teeniehaft-zickig war. Die Autorin macht Defizite in der Geschichte mit Brutalität wett, was beim Zielpublikum die emotionale Wirkung nicht verfehlen dürfte. Ich hatte nach der Lektüre jedenfalls mehr als genug Zeit mit meiner weiblichen Seite verbracht…

Robert Harris erzählt in Fatherland eine Kriminalgeschichte, die in einer Welt spielt, in der das dritte Reich nie untergegangen ist. Wir hatten in Folge 175 des Digitalmagazins über dieses Buch gesprochen, und ich muss dem Autor ein Lob aussprechen. Die Verbindung von Facts and fiction ist ihm ausgezeichnet gelungen. Wie ein scheinbar harmloser Kriminalfall sich als Ausläufer der grossen Verwerfungen der Geschichte entpuppt, ist sehr gut gemacht. Man leidet mit der Hauptfigur. Sie ist zwar Mitläufer, hat aber den inneren Widerstand nie aufgegeben. Und auch wenn ich wusste, dass die Sache gar nicht anders als bitter enden kann, war ich vom Ende dennoch mitgenommen. Eine tolle erzählerische Leistung, und auch der Sprecher Michael Jayston mit seiner scharrenden Diktion ist ausgezeichnet besetzt – bei den vielen deutschen Worten gibt er sich nur selten eine Blösse. Die Schweizer Banker haben in diesem Buch natürlich auch ihren Auftritt. Und sie sind in der Nazi-Parallelwelt genau die gleichen Unsympathen wie in den meisten literarischen Werken, die in unserer Realität verankert sind.

Timur Vermes ist der Autor, den man sich nach Robert Harris gönnen sollte. Sein Buch Er ist wieder da lässt Adolf Hitler wiederauferstehen. Und an hat grösstes Mitgefühl mit Christoph Maria Herbst, der die ganzen 6 Stunden und 51 Minuten schnarrend und plärrend rezitieren muss (obwohl das, was man als Hitlers Diktion kennt, wohl nur in den Reden zu hören war, wie dieses Video nahe legt). Man fragt sich natürlich die unvermeidliche Frage: Darf man Hitler in die Neuzeit transportieren? Verharmlost ihn so nicht viel zu sehr? Vermes entkräftet diese Bedenken, weil er sich keine oberflächlichen Witzlein erlaubt, sondern eine scharfsinnige Satire abliefert, die alljene an den Pranger stellt, die allzu leichtfertig mit dem Thema umgehen. Einfach umwerfend, wenn die braunen Buben einer Neonazipartei an den echten Führer geraten…

Autor: Matthias

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