Eskapismus schlägt Kapitalismus

Das neue Buch von Andreas Eschbach, «Eines Menschen Flügel», erweckt den Eindruck, als ob es extra für die Pandemie geschrieben worden wäre.

Andreas Eschbachs vorletztes Buch, hier besprochen, hatte eine ganze Menge mit unserer Welt und der heutigen Realität zu tun gehabt.  Die Handlung spielte sich zwar auf einem alternativen Realitätsstrang ab; doch das Grundthema von totaler technischer Überwachung in einem Unrechtsstaat, war sehr nahe an der Diskussion dran, die wir seit dem NSA-Skandal und der fortschreitenden Digitalisierung unserer Leben führen.

Ich hatte darum vermutet, dass der Nachfolger von «NSA – Nationales Sicherheits-Amt» sich davon deutlich abheben würde. Denn so wie ich den Autoren kennengelernt habe, hat er zwar ein erkennbares thematisches Muster, doch auch einen Sinn für Abwechslung. Es war für mich darum klar, dass dieses Mal keine Nazis vorkommen würden.

Dass es so fantastisch werden würde, war dann aber doch eine Überraschung. Eschbach lieferte nicht nur ein Buch mit über 1200 Seiten, bzw. in Hörbuchform fast 42 Stunden Laufzeit ab, sondern entwirft auch ein Erzähluniversum, das es in Sachen Facettenreichtum mit Westeros oder Mittelerde aufnehmen kann.

Ein gewisses Problem bei diesem Vergleich besteht darin, dass Eschbachs Welt– bzw. der Planet, auf dem die Handlung zum grössten Teil spielt, keinen Namen hat. Sie wird einmal Margora und einmal Garia genannt. Aber da es eine sogenannte Trennschichtatmosphäre über ihren Köpfen gibt, sind sich die meisten Bewohner dieser Welt noch nicht einmal bewusst, Teil eines grösseren Raums zu sein – weswegen es auch keinen wirklichen Grund gibt, dieser Welt einen Namen zu geben.

Die Flügel sind nicht etwa metaphorisch gemeint.

Ich habe das Buch in Angriff genommen, ohne das kleinste Detail von der Geschichte zu kennen. Noch nicht einmal den Klappentext hatte ich gelesen, sondern nur den Titel zur Kenntnis genommen: Eines Menschen Flügel (Amazon Affiliate). Ich vertraue Eschbach genug, um seine Bücher unbesehen zu kaufen – und das war in diesem Fall ein unbestreitbarer Vorteil.

Denn je weniger man über dieses Buch weiss, desto einfacher fällt es dem Leser, in die Geschichte einzutauchen und sich von ihr verschlingen zu lassen. Darum hier die Aufforderung: Wer sich nur ansatzweise vorstellen kann, einen solchen Wälzer auf die Lektüreliste zu nehmen, der sollte das nun unverzüglich tun – und kein weiteres Wort dieses Blogposts mehr lesen.

Ich nehme an, dass Eschbach sich die Geschichte in groben Zügen ausgedacht hat, noch bevor es mit der Pandemie losging. Trotzdem fühlt sie sich an, als ob sie für das Jahr 2020 geschrieben worden wäre:

Sie fühlt sich an, als würde man aus einem Flugzeug springen und sich vom Wind treiben lassen. Und sie vermittelt Geborgenheit und befriedigt die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt, in der es den Menschen untersagt ist, sich von Maschinen beim täglichen Leben helfen zu lassen, in der es dafür aber ein verlässliches soziales Geflecht gibt, das die Menschen auffängt – auch wenn niemand ihm den Namen «Sozialstaat» gegeben hat und eine politische Debatte darüber entfacht, wie viel oder wie wenig davon richtig für die Gemeinschaft ist.

Das nennt man Eskapismus – und das ist die grosse Qualität dieses Werks. Der Autor gibt dieser Welt genügend erzählerischen Raum, damit man als Leser Gelegenheit hat, heimisch zu werden und sich mit den mehreren Dutzend Figuren vertraut zu machen, aus denen einzelne Teile der Geschichte erzählt werden.

Und wir können uns beim Lesen mit den Gepflogenheiten anfreunden und uns ausmalen, wie es wäre, selbst ein Paar Flügel auf dem Rücken zu haben. Die sind übrigens das eigentliche Erkennungsmerkmal und so unterschiedlich, wie sie nur sein können. Sodass die Hautfarbe, die mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip variiert, quasi irrelevant ist.

Ja, und beim Lesen kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie es wäre, in Bäumen zu hausen. Es ist nämlich so, dass die allermeisten Stellen am Boden nicht betreten werden dürfen. Fast überall haust nämlich der Margor. Das ist ein unsichtbares Wesen, der Menschen, aber auch Hiibus holt. Letzteres sind die Tiere, die den Menschen als Nahrung dienen, aber auch das Ausgangsmaterial für Kleidung und viele Alltagsgegenstände liefern.

Es gibt natürlich auch eine Handlung – aber lässt sich für ein so dickes Buch schnell zusammenfassen: Owen, einer der Bewohner dieser Erde, hat davon gehört, dass jenseits des grauen, uniformen Himmels Sterne zu sehen sein sollen. Er setzt sich in den Kopf, diese Sterne zu sehen und schafft es nach langem Training und mehreren Versuchen auch, ein Loch in den Himmel zu sprengen. Er folgt seiner Frau Eiris und erzählt niemandem davon.

Zumindest für lange Jahre. Doch als ihm dieses Erlebnis doch herausrutscht, setzt das eine unheilvolle Entwicklung in Gang. Die einen glauben ihm, andere nicht. Und als er versucht, die Zweifler zu überzeugen und den Flug zu wiederholen, stürzt er in den Tod. Sein Sohn Oris versucht darauf, seinen Ruf wiederherzustellen und stösst dabei auf Spuren der Ahnen: Die kamen vor 1000 Jahren mit Raumschiffen angeflogen. Sie haben mit genetischen Mitteln ihre Nachkommen für das Leben auf dieser Welt angepasst und ihnen das Erbgut der Pfeilfalken eingepflanzt, damit sie sich vor dem Margor schützen konnten. Und die Ahnen haben alles daran gesetzt, diese kleine Welt vor dem übrigen Universum zu verstecken.

Denn in diesem Universum herrscht eine Art römischer Imperator, der alle Spezies unterwirft, Kriege vom Zaun bricht und mit einem unstillbaren Hunger alle Welten in seinem Einflussbereich sosehr ausbeutet, wie es seine hoch entwickelten industriellen Mittel erlauben.

Oris zieht die Aufmerksamkeit der Bruderschaft auf sich. Die hat den Auftrag dafür zu sorgen, dass die Gesetze der Ahnen berücksichtigt werden. Doch natürlich lässt sich Oris nicht aufhalten. Er entdeckt die Heimstatt. Das ist jenes Raumschiff, mit denen die Ahnen seinerzeit gelandet sind. Das funktioniert auch nach 1000 Jahren noch einwandfrei, weswegen es passiert, dass ein Funkspruch abgesetzt wird, der die Aufmerksamkeit der imperialen Truppen auf die kleine Welt lenkt.

Dieses Ereignis lässt sich nicht ungeschehen machen. Nachdem deren Schiffe den Himmel aufreissen und ein Pilot zu den Bewohnern überläuft, ist klar: Das kleine Idyll wurde entdeckt und soll ins imperiale Reich eingegliedert werden. Die Tage in unschuldiger Freiheit sind gezählt.

In einem der Bücher gibt es jedoch einen Fluchtplan, und die Heimstatt ist gross genug, um die ganze Bevölkerung des Planeten aufzunehmen. Die Ahnen hatten nämlich die Weisheit, die Familienplanung zu reglementieren, sodass einerseits die Ressourcen nicht überstrapaziert werden konnten, aber auch die Kapazität des Fluchtfahrzeugs immer ausreichen würde.

Im letzten Teil des Buches geht es darum, diesen Exodus zu organisieren, während die imperialen Truppen angreifen und bei den Bewohnern alles andere als Einigkeit darüber herrscht, ob Flucht das einzige und beste Mittel ist, mit der Situation umzugehen. Und es gibt einen filmreifen Showdown, bei dem persönliche Opfer gebracht werden, damit die Flucht zu jenem Planeten, der in Form eines Rätsels in einem der überlieferten Büchern steckte, durchgeführt werden kann.

Das wäre natürlich eine Steilvorlage gewesen für einen zweiten Teil: Die grosse Flucht und die Ansiedlung auf dem neuen Planeten. Und man konnte auch den Eindruck bekommen, als würde sich Eschbach diese Option offenhalten. Doch es bleiben keine losen Enden zurück: Wir erfahren, wie es den Flüchtlingen erging und wie es den Zurückgebliebenen gelungen ist, sich mit dem Imperium zu arrangieren. Und Eschbach lässt keinen Zweifel daran, welches der richtige Weg war.

Die Überraschung ist ihm gelungen. (Bild: Olivier Favre, luebbe.com)

Ich habe das Buch gerne gelesen. Wie gesagt: Die Handlung entwickelt sich langsam, weil die Stimmung und das «Sittengemälde» wichtiger ist als die Action und die Verwicklungen. Eschbach deutet durchaus an, dass er die Geschichte auch mit mehr Wendungen hätte erzählen können – beispielsweise, als der übergriffige Kräutermann erkennt, dass er der Vater von Oris sein könnte. Doch dieser Handlungsfaden reisst ab, als der Kräutermann einen unzeremoniellen Tod erleidet.

Trotzdem bleibt das Buch durchwegs spannend, und wegen der Zeitsprünge kommt man nicht umhin, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Von der Lektüre abraten würde ich jenen Leuten, die bereits dann «Sozialismus!» schreiben, wenn es bloss um einen Mindestlohn geht und die sich nicht einmal ausmalen mögen, wie eine Gesellschaftsform abseits des Kapitalismus aussehen könnte. Denn auch wenn es Geld in Eschbachs Geschichte gibt, so spielt es keine grosse Rolle. Und die beiden Männer, die es mit der grossen kapitalistischen Umformung der Welt versucht haben, sind schliesslich im Gefängnis der Bruderschaft gelandet.

Beitragsbild: Hier wäre Flügelpflege angebracht (小胖 车, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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