Mord und Schwarzgeld in Athen

Im deutschsprachigen Raum wurde das Hörbuch lange Jahre sträflich vernachlässigt. Das ändert sich jetzt – zur Freude von Krimifans wie ich einer bin.

Ein Merkmal des Hörbuchs ist, dass es längst nicht in allen Welt- und Sprachregionen gleichermassen Fuss fassen konnte. Am weitesten verbreitet ist es in den USA, die man als dessen Mutterland bezeichnen könnte. Dort erlangten sie schon ab 1975 dank Books on Tape zu beachtlicher Beliebtheit. Das Unternehmen vertrieb ungekürzte Aufnahmen auf Kassette.

Im deutschsprachigen Raum haben die Hörbücher eine noch längere Tradition, wie man bei Wikipedia nachlesen kann: Erste Produktionen brachte 1954 die deutsche Blindenstudienanstalt mit ihrer Blindenhörbücherei auf den Markt. Einen Vorläufer gibt es als sogenanntes Hörbild, das auf Tonwalzen oder Wachsplatten gespeichert ist, schon seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Doch obwohl die Tradition im Vergleich zu den USA weiter zurückreicht, ist das Angebot bedeutend kleiner. Ich sehe dafür zwei Gründe: Erstens ist der Markt für englischsprachige Produktionen um Faktoren grösser als für Hörbücher in Deutsch. Zweitens haben meines Erachtens die Verleger das Potenzial hierzulande nicht erkannt. Im erwähnten Wikipedia-Artikel heisst es nebenbei Folgendes:

Gerade bei den grossen Verlagen besteht die Tendenz, das Hörbuch als reine Zweitverwertung, im Sinne des Merchandising zu verstehen. Die wird damit begründet, dass die Werbeetats der Verlage nicht ausreichen, um ein Produkt allein als Hörbuch zu bewerben.

Die Begründung scheint mir eher eine Ausflucht zu sein, weil die Verlage diesen Trend verschlafen haben. Denn hätten sie die Bedeutung erkannt, dann hätte es sicherlich nicht so lange viele Hörbücher nur in drastisch gekürzter Form gegeben.

Gekürzte Hörbücher sind das Letzte

Diese gekürzten Lesungen sind meines Erachtens nicht nur ein Affront gegenüber dem Autor, dem man damit zu verstehen gibt, dass er seine Geschichte auch mit viel weniger Worten hätte erzählen können. Sie zeugen auch von einer Verkennung der wahren Bedürfnisse von Hörbuch-Fans: Die sind nicht einfach weniger konzentrationsfähig als der Leser eines «richtigen» Buchs – nein, sie hören einfach gerne zu. Und das sehr gerne auch über Stunden.

Und ja, die Kürzungen hatten auch einen technischen Grund: Das Hörbuch erlebte hierzulande eine gewisse Blüte, als man es für teures Geld auf Audio-CDs verkaufen konnte – wie ich das im Beitrag Google mischt den Hörbuch-Markt auf beschrieben habe.

Doch die Audio-CD ist ein denkbar schlechtes Medium, speziell für die dicken Wälzer: Ein tausendseitiger Roman wird als Lesung zu einer vierzigstündigen Aufnahme. Die muss man sich als Box mit dreissig CDs vorstellen. Die will man nicht von der Buchhandlung heimtragen, und man will sie auch nicht zu Hause im Regal stehen haben.

Hörbücher funktionieren nur als Massengeschäft

Dieses Problem lässt sich mit Hörbuch-Downloads elegant umgehen – doch mit dem Nachteil, dass die Marge schwindet. Katz, der Gründer von Audible, hat sein Unternehmen 2004 unter der Prämisse gegründet, dass Hörbücher nur als Massengeschäft zum Erfolg werden.

Inzwischen sehe ich Anzeichen für ein Umdenken auch im deutschsprachigen Hörbuchmarkts.

Ein Indiz für diese Entwicklung ist der Diogenes-Verlag und einer meiner Lieblings-Krimiautoren, Petros Markaris: Ursprünglich aus Istanbul, lebt er heute in Athen, wo er auch seinen Kommissar Kostas Charitos ermitteln lässt. Er  spricht übrigens selbst hervorragend Deutsch, wovon ich mich anlässlich einer Lesung in Winterthur in der Coalmine-Bar selbst überzeugen konnte.

Die Fälle von Kostas Charitos waren bislang nicht als Hörbuch erhältlich; abgesehen von zwei Ausnahmen, nämlich Der Grossaktionär und Die Kinderfrau, Band 5 und 6 aus der Reihe, die beide 2009 herausgebracht worden sind.

Doch letztes Jahr hat Diogenes mit vier weiteren Hörbüchern aus der Reihe nachgelegt, nämlich Faule Kredite (Band 7), Offshore (Band 12), Drei Grazien (Band 13) und Zeiten der Heuchelei (Band 14).

Bitte schliesst die Lücken!

Und das ist natürlich erfreulich, auch wenn man nicht umhinkommt zu bemerken, dass zwischendurch vier Bände fehlen, nämlich Zahltag (Band 8), Abrechnung (Band 9), Zurück auf Start (Band 10) und Der Tod des Odysseus (Band 11). Von den Bänden eins bis vier ganz zu schweigen – aber die habe ich seinerzeit in gedruckter Form gelesen.

Also, ich hoffe, dass es ausreichend viele Krimi-Fans gibt, die sowohl ein Flair für Hörbücher als auch für Kostas Charitos haben, sodass jeder, der möchte, seine Sammlung vervollständigen kann.

Ich habe jedenfalls die Gelegenheit wahrgenommen, und mir zwei der neueren Bücher zu Gemüte geführt. Der letzte, «Zeiten der Heuchelei» wird auch noch folgen.

Und auch wenn Kostas Charitos nicht so richtig in meine Nerdliteratur-Rubrik passen mag, gebe ich trotzdem gerne eine Empfehlung ab: Petros Markaris erfüllt die beiden Anforderungen, die ich an einen Krimi habe.

Überraschender Täter mit nachvollziehbarem Motiv

Der erste und offensichtliche Anspruch ist natürlich, dass die Geschichte spannende Unterhaltung liefern und am Ende für Gerechtigkeit sorgen soll, wenn ein Täter gefasst wird, den man als Leser nicht im Verdacht hatte, der aber trotzdem ein zwingendes Motiv aufweist.

Die zweite Anforderung ist, dass die Geschichte nicht nur die Protagonisten, sondern auch Land und Leute zum Leben erwecken muss: Einheimische Leser müssen ihr Land und die Milieus wiedererkennen, während die Leser aus anderen Ländern einen intimen Einblick in eine unvertraute Kultur erhalten.

Ich gehe so weit zu behaupten, dass man mittels Krimilektüre ein Land besser kennenlernt, als wenn man es als Tourist bereist. Klar; der Augenschein von Sehenswürdigkeiten und landschaftlichen Schönheiten ist in aller Regel eindrücklicher als die Schilderung in einem Buch.

Doch die sprachlichen und kulturellen Hürden führen dazu, dass man ein Land als Reisender nicht direkt erlebt wie als Leser. Das gilt für mich und Griechenland – obwohl ich in Griechenland geheiratet und dort auch Verwandte habe.

Also, Petros Markaris bringt einem Land und Gebräuche nahe – und zwar so nahe, dass manche Leser nicht umhinkommen werden, zwischendurch mit den Zähnen zu knirschen. Denn manche gesellschaftlichen Entwicklungen, die für uns längst selbstverständlich sind, haben die Welt des Kostas Charitos noch nicht erreicht.

Patriarchat ahoi!

Der Kommissar lebt noch in einer patriarchalen Welt mit einer klaren Rollenverteilung: Seine Frau Adriani ist um sein leibliches Wohl bemüht, während sie vor allem zu Hause ist.

In der Polizei herrschen die Hierarchien der alten Schule vor, in denen sich Kostas Charitos zwar einigermassen sicher bewegt, aber die er nicht so gut beherrscht, dass er mithilfe der üblichen männerbündlerischen Seilschaften automatisch die Karriereleiter nach oben transportiert worden wäre. Und unglaublich, wie oft sich die Leute in diesen Geschichten bekreuzigen!

Das heisst aber nicht, dass Charitos oder auch Markaris reaktionäre Scheuklappen tragen würde. Im Gegenteil: Charitos‘ Tochter Katharina ist Anwältin und selbst wenn sie sich wahrscheinlich nicht als emanzipiert bezeichnen würde, so lebt sie die entsprechenden Ideale durchaus.

Charitos bester Freund Sissis ist ehemaliger Kommunist, den der Kommissar zu Zeiten der griechischen Militärdiktatur im Athener Folterknast in der Bouboulinas-Strasse kennengelernt hat – der eine als Wärter, der andere als Gefangener.

Und weils so schön war, noch ein Bild von Athen (Courtney Hall, Unsplash-Lizenz).

Das ist es, was mir an den Büchern gut gefällt. Die griechische Geschichte wird spürbar, während die Gegenwart manchmal explizit ein Thema ist und manchmal bloss zwischen den Zeilen mitschwingt.

Schwarzes Geld in unfassbaren Mengen

Zum Beispiel in Offshore: Bei dieser Geschichte freut sich ganz Griechenland, dass die Krise überwunden scheint. Die Leute können sich es wieder leisten, so viel Auto zu fahren, dass die Strassen Athens verstopft sind wie zu den besten Zeiten. Die Beamten bekommen ihre Gehaltserhöhung und keiner fragt, woher all das Geld stammt, das plötzlich das Land überschwemmt.

Ein paar Leute gibt es allerdings, die sich genau diese Frage stellen. Einer davon ist Kostas Charitos, der nicht glauben mag, dass man ihm nach mehreren Morden immer gleich auch den passenden Täter auf dem Silbertablett serviert. Und sein Misstrauen ist berechtigt – denn es gibt eine gemeinsame Ursache, die sowohl den Aufschwung als auch die Mordserie befeuert.

Auch in Drei Grazien steht ein gesellschaftlicher Konflikt im Zentrum – der viel mit dem Selbstverständnis Griechenlands als Wiege der Kultur und der Bildung zu tun hat. Der ehemalige Professor Seferoglou bringt es auf den Punkt, als er dem Kommissar ein Licht ansteckt:

«Gelehrte sind Menschen, die ihr Leben in Bibliotheken, mit Studien und wissenschaftlicher Arbeit verbringen. Intellektuelle sind Spezialisten für alles und jedes. Gelehrte verfügen über Wissen, Intellektuelle über eine Meinung, die sie gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit kundtun. […] Und dazu kommt der Lustgewinn beim Sich-selbst-reden-Hören.»

Übrigens: Ein Land, in dem es das Hörbuch quasi nicht gibt, ist Griechenland. Arme Griechen!

Beitragsbild: Athen (Josiah Lewis, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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