Mit brutaler Ignoranz zum finanziellen Erfolg

Facebook war 2021 enorm profitabel. Trotzdem ist das soziale Netzwerk in der Jahresmusterung 2021 der grosse Verlierer, der gleich dreimal komplett versagt hat.

Wer der Versager des Jahres ist, liegt auf der Hand; da müssen wir nicht um den heissen Brei herumreden: Es ist Facebook, das soziale Netzwerk.

«Nur so zur Erinnerung.»

Muss ich diesen Entscheid begründen, oder liegt er auf der Hand? Facebook hat 2021 auf der ganzen Linie versagt, wie ich gerne anhand einiger Texte aufzeige, die ich dieses Jahr über das soziale Netzwerk verfasst habe. Weil es einige sind, gliedere ich sie in drei Bereiche:

Facebook hat während der Pandemie versagt; indem es zur Radikalisierung beigetragen und den extremen Ansichten beispielsweise bei den Impfverweigerern Vorschub geleistet hat («Wir sehen uns vor dem Kriegsgericht», Die destruktive Kraft der sozialen Medien und Zensur zum Schutz der Meinungsfreiheit – und anderer Facebook-Unsinn).

Klar, wie der Einwand an dieser Stelle lautet: Er besagt, dass Facebook nicht allein schuld ist an dieser Entwicklung. Es gibt bekanntlich andere Kanäle, über die sich die Desinformation ebenfalls über die Bevölkerung wälzt – Youtube oder Messenger-Apps wie Telegram. Auch Twitter ist kein weisser Ritter in strahlender Rüstung, auch wenn man dort in meiner Wahrnehmung das Problem ernster nimmt. Und dass Twitter politische Werbung verbietet, muss man dem Kurznachrichtendienst hoch anrechnen.

Für die grösste Plattform wiegt die Verantwortung am schwersten

Darum muss Facebook heute Schläge auch stellvertretend für die anderen sozialen Medien einstecken. Aber da Facebook die grösste Plattform ist, wiegt auch die Verantwortung am schwersten. Wenn Facebook ernsthaft neue Wege beschreiten würde, dann hätte das Signalwirkung.

An dieser Stelle kommen wir nicht darum herum festzuhalten, dass Facebook geschäftlich enorm erfolgreich ist. Bei «The Guardian» las sich das Ende Oktober wie folgt:

Der Gewinn überstieg in seinem letzten Finanzquartal neun Milliarden Dollar und übertraf damit die Prognosen der Investoren, obwohl das Unternehmen mit einem Ansturm von negativer Publicity wegen der Veröffentlichung von Whistleblower-Dokumenten konfrontiert ist.

Wie das Unternehmen in seinem Ergebnisbericht vom Montag mitteilte, stieg die Zahl der täglich aktiven Nutzer im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent und erreichte im September 2021 durchschnittlich 1,93 Milliarden. Der Umsatz stieg dank eines Booms bei der Online-Werbung um 35 Prozent auf 29 Milliarden US-Dollar.

Es hängt somit davon ab, welchen Massstab man anlegt, ob man Facebook als Gewinner oder Verlierer betrachtet. Ich würde es noch etwas anders formulieren als «The Guardian», auch wenn man sich natürlich darüber wundern darf, dass die negative Berichterstattung wegen der Facebook Files dem kommerziellen Erfolg überhaupt nicht zu schaden scheint.

Facebook hat kein Herz für die Menschen, die es nutzen

Nein, vielmehr finde ich es erschütternd, dass Facebook selbst den finanziellen Erfolg über die Fürsorge stellt. Denn auch wenn es wünschenswert wäre, dass die Leute aus Protest weniger Werbung auf Facebook schalten würden, so wissen wir vom letzten Jahr, dass solche Aktionen wirkungslos verpuffen. Facebook zeigt sich verantwortungslos gegenüber den Nutzern, und das ist der eigentliche Skandal.

Werbeanzeigen, die in den Leuten Hassgefühle auslösen, seien günstiger, sagt Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen im Gespräch mit Ja Böhmermann über die Facebook Papers.

Wer auf Facebook über Facebook berichtet, verstösst gegen die Gemeinschaftsregeln von Facebook.

Aber ich hatte drei Bereiche angekündigt, in denen Facebook 2021 versagt hat. Der zweite war bei der Technik. Wir erinnern uns an den Ausfall im Oktober, der vor Augen geführt hat, dass die Plattform nicht unverzichtbar ist (Facebook ist down – und alle geniessen die Ruhe).

Noch bedenklicher aber ist, dass über Monate die seltsamen Sex-Anfragen nicht unterdrückt werden konnten (Unerwünschte Sex-Kontakte). Dabei kann es so schwierig nicht sein, die zu erkennen und zu verhindern (Als Facebook mich vor sich selber warnte). Darum meine Vermutung, dass auch die Verantwortung nicht wahrgenommen wurde, weil derlei Kontaktanfragen fürs Geschäft des Unternehmens gar nicht so schlecht sind.

Mark Zuckerberg verkennt, was die Welt von ihm erwartet

Der dritte und letzte Punkt ist, dass Facebook die Bedürfnisse und Sensibilitäten der Nutzer nicht versteht und offensichtlich auch nicht verstehen will. Das zeigte sich beim Umgang mit der Gesichtserkennung (Warum Facebook so dumm war, in diese Falle zu tappen), es zeigt sich aber vor allem auch dann, wenn Mark Zuckerberg mit naiver Begeisterung von virtuellen Welten schwadroniert. Wir erinnern uns noch ans Tamtam, mit der er Ende Oktober die neue Strategie und die Ausrichtung aufs Metaversum ankündigte. Das zeigte in erster Linie, dass Mark Zuckerberg komplett verkennt, was die Welt jetzt von ihm und Facebook erwarten würde.

Beitragsbild: Reicher geworden, trotzdem auf die Nase gefallen (Roman Martyniuk, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

4 Gedanken zu „Mit brutaler Ignoranz zum finanziellen Erfolg“

  1. Zuckerhügel ist und bleibt habgierig, daran wird sich nichts ändern. Man könnte auch von einer Art Autismus reden (wenn das nicht unfair wäre gegenüber denen, die wirklich von dieser Krankheit betroffen sind).

    Ich bin eigentlich nur noch auf dem Fratzenbuch, wegen ein paar wenigen FreundInnen in anderen Erdteilen, und vor allem weil halt viele mir bekannte und geliebte MusikerInnen dort auf sehr unkomplizierte Art ihre Konzertaktivitäten bekannt machen können.

    Für Letzteres scheint sich noch keine wirkliche Alternative herausgebildet zu haben: Twitter ist keine, Instagram auch nicht, TikTok wohl auch nicht; Diaspora wäre eine, ist aber eine sehr kleine Nische geblieben; Mastodon? HalloApp auch nicht.

  2. Naja da gibt es schon was und nennt sich Fediversum[1] aber da findet mensch evt. nicht gleich sofort das erwünschte. Trotz allem muss ich sagen, wenn mensch wartet bis da was ist was man möchte aber selber nicht nutzt, dann hat auch niemand Interesse da rein zu gehen.
    Ich pers. kann es nur empfehlen und das dort anscheinend niemand ist kann ich mit 895 Folowern[2] wohl widerlegen, so viele haben einige nicht mal auf Twitter & Facebook zusammen.

    [1] https://paper.wf/kubikpixel/das-fediverse
    [2] https://chaos.social/@kubikpixel

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