Die destruktive Kraft der sozialen Medien

Wie man die Impf-Skeptiker mit scheinbar neutralen Informationen anfeuert – mein Facebook-Freund Jürg beherrscht diese Kunst in Perfektion.

Bei oberflächlicher Lektüre klingt das, als ob die Impfung überhaupt nicht schützen würde.

Das ist einer dieser Frust­posts, in denen ich mich über die destruktive Kraft der sozialen Medien aufrege. Es ist eine Ver­zweif­lungs­tat, weil gegen die Unver­nunft auf Face­book offen­sicht­lich kein Kraut gewachsen ist und einem darum nichts anderes bleibt, als Dampf abzu­lassen. Aber besser, als den Ärger in sich rein­zu­fressen.

Es geht um einen Facebook-Post meines Freundes Jürg, der auch schon die Ehre hatte, hier am Pranger zu stehen. Er hat neulich den Screenshot eines Artikels aus der NZZ veröffentlicht, der für sich gesehen einseitig, aber okay ist. Er beschreibt, dass in Israel inzwischen ein ungefähr die Hälfte der Corona-Fälle auf Geimpfte zurückgeht.

Bei oberflächlicher Lektüre klingt das so, als ob die Impfung überhaupt nicht wirken würde. Aber heisst es das auch? Nein, natürlich nicht: Wenn man weiss, dass die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz bietet, dann ist mit Erkrankungen zu rechnen. Und wenn man weiss, dass in Israel viele Leute geimpft sind, dann ergibt sich rein mathematisch einen relativ hohen Anteil in dieser Gruppe.

Man könnte es richtig verstehen – wenn man wollte

Es ist nicht schwierig, sich das zu erklären: Wäre die Bevölkerung zu hundert Prozent geimpft, würde der Anteil der verbleibenden Erkrankungen logischerweise zu hundert Prozent auf Geimpfte entfallen. In Betracht ziehen muss man in diesem Fall auch die Tatsache, dass mit einer derartigen Impfrate die Zahl der Erkrankungen bald stark zurückgehen würde und das unsere beste Chance wäre, die Pandemie innert kurzer Zeit zu stoppen.

Nun kann man diesen Aspekt diskutieren oder sich über die reale Wirksamkeit von Pfizer/BioNTech, Moderna, Curevac, AstraZeneca oder Novavax Gedanken machen.

Aber darum gings Jürg leider nicht. Mit der, abgesehen vom Datum und der Quelle, kommentarlosen Veröffentlichung wirft er seiner impfskeptischen Gefolgschaft einen Knochen hin. Und die hat genauso reagiert, wie zu erwarten war: Sie nimmt es als Beleg, dass die Impfung nicht wirkt und fühlt sich in ihrer Abwehrhaltung bestätigt.

Ein willkommenes Missverständnis?

Ich unterstelle Jürg, dass er geistig in der Lage ist, den Sachverhalt im NZZ-Beitrag zu erfassen. Und ich unterstelle, dass er es darauf anlegt, dass sein Beitrag missverstanden wird. Er handelt nach meiner Wahrnehmung deshalb unredlich und manipulativ.

Nebenbei bemerkt: Im fraglichen NZZ-Artikel stehen auch Informationen, die ein anderes Bild ergeben.

Ich habe zwei Belege für meine Behauptungen: Erstens zeigt Jürg nur genau den einen Ausschnitt aus dem Artikel als Screenshot, ohne ihn zu verlinken. Der Artikel mit allen Informationen ergibt ein anderes Bild.

Zweitens lässt er unter seinem Facebook-Post die Verschwörungstheoretiker unwidersprochen kommentieren, die von «Plandemie» und «Lügenmedien» schwadronieren. Das  zeigt ganz klar, wie der Ausschnitt bei der Gefolgschaft ankommt. Und nein, ich erwarte nicht, dass ein Facebook-Nutzer gegen alles interveniert, was an Unfug zu seinen Posts kommentiert wird. Aber ein paar Grenzen aufzuzeigen, gehört zur Verantwortung.

Ich bin enttäuscht von derlei Verhalten

Ich komme zum Kern meines Frust-Posts: Ich bin enttäuscht von Jürg.

Er agitiert auf eine Weise, die ich schäbig finde. Man kann sich persönlich gegen die Impfung entscheiden, zum Beispiel, weil man Angst vor Spätfolgen hat, und man darf das in den sozialen Medien kundtun. In meinen Augen ist diese Haltung falsch, aber ich kann damit leben, wenn der Dialog redlich bleibt und Einordnungen wie sie beim NZZ-Beitrag notwendig sind, Gehör finden.

Aber Informationen so zu verwenden, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch verstanden werden, ist genauso verwerflich wie das wissentliche Verbreiten von Fake News. Jürg macht sich weniger angreifbar, und das macht die Sache in gewisser Weise noch perfider als wenn man einen Post klar widerlegen kann.

Es bleibt die traurige Erkenntnis, das mit unlauteren Mitteln gearbeitet wird.

Und ja, das ist ein altbekanntes Phänomen in den sozialen Medien. Aber wenn Leute während einer Pandemie mit manipulativen Mitteln  von einer Impfung abgehalten werden, darf man das nicht ignorieren. Es ist unverzeihlich. Es ist schädlich für die Gemeinschaft und es ist nicht durch den eigenen Egoismus gerechtfertigt.

Hinterher sind alle schlauer – nur nützt das im Augenblick nichts

Ich habe Jürg darauf angesprochen, dass ich Probleme damit habe, wenn er den Schwurblern eine Plattform bietet. Er hat sich damit verteidigt, man werde erst in Jahren wissen, wer denn nun recht gehabt hat.

Ein Scheinargument, denn dass wir alle hinterher immer schlauer sind, ist eine Plattitüde – aber leider keine Entschuldigung dafür, bis zum Moment der finalen Erkenntnis die Hände in den Schoss zu legen. Und es könnte schliesslich auch sein, dass Jürg sich irrt – und mit diesem Gedanken im Hinterkopf müsste man jetzt schon erkennen, wie gefährlich solches Zündeln auf Facebook ist.

Beitragsbild: Manche wollen es nicht nur selbst nicht, sie wollen es auch anderen madig machen (Towfiqu Barbhuiya, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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