Eine unorthodoxe, aber tolle Methode, den Computer zu bedienen

Mit Unified Remote steuert man seinen Computer via Handy oder Tablet fern. Das erschien mir anfänglich nutzlos – doch dann habe ich immer mehr spannende Einsatzmöglichkeiten entdeckt.

Ist das genial oder nutzlos? Das war meine erste Frage, als ich neulich der App Unified Remote begegnet bin.

Im Modul «Basic Input» wird der Computer wie mit einem Touchpad gesteuert.

Diese Lösung lässt einen den Computer per Smartphone oder Tablet fernsteuern. Es braucht zwei Dinge: Erstens die App fürs Mobilgerät, die es kostenlos¹ für Android und fürs iPhone und iPad gibt. Zweitens einen Server, der man ebenfalls gratis auf seinem Desktop-Computer installiert. Diese Software existiert für Windows, Mac OS, Linux, Chromebooks und den Raspberry Pi.

Nachdem die beiden Komponenten installiert sind, verbindet man den Client, also das Smartphone oder Tablet mit dem Server, bzw. dem Desktop-Computer. Das hat in meinem Fall fast reibungslos geklappt: Es brauchte zwei Anläufe. Dann stand die Verbindung und ich konnte auf dem Touchpad des iPhone den Cursor meines PCs mit Windows 10 bewegen.

Das funktioniert ausgezeichnet und ohne spürbare Verzögerung. Die Bedienung auf diesem virtuellen Trackpad ist einfach: Für einen Linksklick tippt man mit einem Finger aufs Touchdisplay. Wenn man mit zwei Fingern tippt, wird ein Rechtsklick ausgeführt. Zieht man mit zwei Fingern, erfolgt eine Scrollbewegung. Die Kneif- bzw. Spreizgeste ist dazu da, um aus- und und einzuzoomen. Und für Drag&Drop tippt man erst lange, zieht dann und tippt nochmals, um die Aktion zu beenden.

Wozu ist das gut?

Dass mit diesen beiden Programmen das Smartphone zum Eingabegerät wird, ist technisch beeindruckend. Aber es stellt sich die Frage, wozu es gut sein könnte. Denn jeder von uns hat schon eine Maus am Computer und ein Trackpad am Laptop. Was sollte also eine zusätzliche Möglichkeit bringen?

Erstens kann man das Smartphone oder – noch besser – das Tablet als Zeichentablett verwenden: Man kann per Touch malen und zeichnen, was deutlich besser geht als mit der Maus.

So präsentiert sich der Server am ferngesteuerten Computer.

Da man in den Zeichenprogrammen bei gedrückter Maustaste malt, muss man via Unified Remote die Drag&Drop-Bedienmethode verwenden: Man tippt also erst etwas länger aufs Display, führt den Strich und tippt einmal, wenn man fertig ist. Das ist umständlich und  sicherlich nicht so elegant wie mit einem richtigen Tablet wie z.B. von Wacom, wo man nur den Stift heben und absetzen muss. Aber diese Fingermalerei ist präziser als mit der Maus, und darum lasse ich sie als Notlösung absolut gelten.

Für Künstler!

Funktioniert hat diese Methode bei meinem Test in Microsoft Paint und in der Fresh Paint-App (Das Kind in mir will den Surface Pro zum Malen). Nicht geklappt hat es in Photoshop CS6. Aber diese Software hat nun auch bald zehn Jahre auf dem Buckel und sollte nicht mehr als Referenz herhalten müssen.

Der zweite und mutmasslich spannendere Einsatzbereich sind die spezialisierten Remotes: Das sind Eingabemöglichkeiten für bestimmte Zwecke oder einzelne Apps.

Und von diesen Remote-Modulen gibt es eine ganze Menge, die diverse Einsatzgebiete eröffnen. Erstens die betriebssystemweiten Module:

Virtuelle Tastaturen. Natürlich ersetzt das Smartphone oder Tablet keine richtige Tastatur. Aber es kann sinnvoll sein, am Touchdisplay eine zweite Tastatur zur Verfügung zu haben, zum Beispiel für eine Sprache mit anderem Zeichensystem wie Griechisch oder Arabisch: Man muss nicht ständig umschalten, und am Mobilgerät sind auch die Tasten richtig beschriftet. Man kann sich auch die Funktionstasten anzeigen lassen.

Virtueller Ziffernblock

Auch als virtueller Ziffernblock kann die Fernsteuerungsapp dienen.

Navigationstasten und Ziffernblock. Die Remote Navigation zeigt Cursortasten und andere Funktionsknöpfe an. Mit Numpad erhält man einen klassischen Ziffernblock – das ist ein echtes Killer-Argument für alle Laptops, bei denen die numerische Tastatur fehlt.

Eingabeaufforderung. Über das Remote-Modul Command führt man Befehle an der Befehlszeile aus.

Ein- und Ausschalten. Mit dem Modul Power führt m an per Fernbedienung einen Neustart aus, fährt den Rechner herunter, loggt sich aus oder sperrt den Computer, versetzt ihn in den Ruhezustand bzw. Stromsparmodus oder weckt ihn auf – falls Wake on Lan zur Verfügung steht.

Den Computer herunterfahren oder den Nutzer ausloggen

Anwendungen ausführen. Via Modul Start navigiert man durch das Startmenü und führt Anwendungen aus. Auch das praktisch, wenn man einen Computer steuern will, an dem man nicht direkt sitzt.

Dateimanager. Das Modul File Manager zeigt das Dateisystem, das man am Smartphone durchblättert. Man kann Dokumente durch doppeltes Antippen öffnen. Tippt man eine Datei länger an, erscheinen die Befehle Details, Open, Open All, Copy, Cut und Delete.

Laufwerkschublade öffnen. Mit CD/DVD Tray öffnet und schliesst man die Schublade des optischen Laufwerks. Dafür ist mir auf Anhieb keinen sinnvollen Verwendungszweck eingefallen.

Bildschirm. Das Modul Screen zeigt den Bildschirminhalt an. Es ist allerdings nicht möglich, direkt damit zu interagieren. Unified Remote ist somit kein Ersatz für Teamviewer oder eine andere Remote-Access-Software. Aber eine einfachere Lösung als eben mal schnell ein solches Programm zu starten.

Bildschirmlupe. Via Magnifier steuert man die Vergrösserung des Desktops.

Es klappt auch via Internet

An dieser Stelle taucht unweigerlich die Frage auf: Kann man den Computer nur im lokalen Netzwerk steuern oder auch via Internet? Und ja, das geht. Man muss sich allerdings, wie nicht anders zu erwarten, mit Dingen wie Firewalls, Portforwarding und dynamischen IPs beschäftigen. Details dazu gibt es im Supportdokument How To Enable External Connections.

Die Fernsteuerung für Firefox.

Zurück zu den spezialisierten Remotes. Es gibt zweitens, wie erwähnt, auch Remotes für einzelne Programme. Eine Auswahl dazu:

  • Browser wie Firefox, Internet Explorer, Chrome oder Opera
  • Multimedia-Wiedergabe allgemein oder mittels Spotify, VLC, Google Music (leider tot), Hulu, Kodi, Film & TV, Napster, Netflix, Soundcloud, Pandora, Winamp, Windows Media Player, iTunes, MusicBee Youtube und Plex
  • Office-Anwendungen wie Google Presentation und Powerpoint
  • Videoconferencing, namentlich Zoom

Da sind einige nützliche Anwendungsmöglichkeiten dabei, nicht zuletzt, diejenige, seinen Computer als Mediacenter zu verwenden: Dass ich das Revival dieser Idee noch einmal erleben darf!

Wie wärs mit einer Videoschnitt- oder Photoshop-Tastatur?

Ich sehe eine weitere spannende Anwendungsmöglichkeit: Nämlich das Tablet oder Smartphone als Spezial-Eingabegerät für bestimmte Anwendungszwecke. Zum Beispiel als Multimedia-Tastatur für Audacity, Final Cut Pro oder Premiere Pro, für Photoshop oder Indesign: Bei diesen Programmen häufig gebrauchte Befehle als Knöpfe auf dem Display direkt zur Verfügung zu haben, wäre super.

Dieses Gebiet wird bislang nicht ausgereizt: Ich habe keine fixfertigen Tastaturen für diese Programme gefunden. Es gibt über die beiden Module Custom Keys und Custom Scripts die Möglichkeit, den Standard-Funktionsumfang individuell auszuweiten, aber mit denen bin ich noch nicht wirklich klargekommen. Mit diesen muss ich mich vertieft auseinandersetzen, um herauszufinden, ob die meine Vorstellungen erfüllen oder nicht.

Schliesslich gibt es auch die Möglichkeit, eigene Remotes zu bauen. Wie das geht, ist im Supportdokument How To Create a Custom Keyboard Shortcuts Remote beschrieben. Spoiler: Man muss mit Konfigurationsdateien im XML-Format hantieren. Trotzdem; das ist ein Tummelfeld, in das ich mich noch vertiefen werde.

Fussnoten

1) Die App ist kostenlos, für manche Remotes muss aber bezahlt werden. Die einzelnen Remotes kosten jeweils 1 Franken. Die Vollversion – die meines Erachtens ihren Preis absolut wert ist – schlägt mit 5 Franken zu Buch.

Beitragsbild: Vor dem Computer zu sitzen, wenn man mittels Tastatur, Maus oder Trackpad mit ihm arbeitet, ist die klassische – aber nicht die einzige – Methode der Interaktion (John Schnobrich, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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