Als Facebook mich vor sich selber warnte

Die grosse Scheinheiligkeit bei Facebook: Unmoralische Angebote sind völlig okay, solange sie nicht allzu öffentlich stattfinden.

Neulich hat sich Facebook blamiert. Und nicht nur ein bisschen. Ich würde sagen, das Mark Zuckerberg bis zu den Unterhosen im Fettnäpfchen versunken ist.

Und ja, man könnte die Sache auch für einen Ausrutscher halten; eine kleine Fehleinschätzung, wie sie gelegentlich vorkommen können. Und ja, Facebook verwendet für so viele Algorithmen, die alle nicht perfekt sind. Das ist ein Problem für sich, weil beim Kampf gegen Hass auf der Plattform Lücken offen bleiben, durch die ein gewisser Anteil an Gift durchrutscht

Doch in dem Fall geht es nicht um die Algorithmen, sondern darum, dass Facebook die eigene Scheinheiligkeit offen legt.

«Es gibt viele sexy Frauen in dieser Gruppe»

Angefangen hat die Sache mit einem Video, in dem ich mich mit den unerwünschten Kontaktanfragen bei Facebook beschäftige. Das Video ist hier zu finden:


Unerwünschte Sex-Kontakte – Weniger Belästigung und mehr Datenschutz in Facebook (Abo+).

Wie man sieht, hat das Video als Vorschaubild den Screenshot eines dubiosen Facebook-Profils, von dem ich eine fragwürdige Kontaktanfrage bekommen habe – genauso, wie viele andere Facebook-Nutzer.

Was bei Facebook gegen die Standards verstösst – und was bezeichnenderweise nicht

Wer auf Facebook über Facebook berichtet, verstösst gegen die Gemeinschaftsregeln.

Solche Annäherungsversuche, die angeblich von hübschen, jungen und lüsternen Damen stammen, waren über Monate hinweg omnipräsent auf dem sozialen Netzwerk. Und sie sind bis heute nicht komplett verschwunden, auch wenn ich sie aufgrund der im Video vorgestellten Verschärfungen bei den Privatsphären-Einstellungen nicht mehr zu Gesicht bekomme.

Das Video habe ich auch bei Facebook auf der Seite der digitalen Patentrezepte verlinkt. Kurz danach hat mir Facebook mitgeteilt, der Beitrag «verstosse gegen die Gemeinschaftsstandards zur sexuellen Kontaktaufnahme zwischen Erwachsenen».

Offensichtlich hat Facebook eine Textanalyse auf dem Bild unternommen und das Wort «sexy» entdeckt. Ausserdem den Link, der auf eine Whatsapp-Gruppe zielt, in der es offensichtlich um die Anbahnung von Verhältnissen zum Zweck des Geschlechtsverkehrs geht.

Was genau ist hier das Problem?

Wer auf Facebook über Facebook berichtet, verstösst gegen die Gemeinschaftsregeln von Facebook.

Daran sind nun mehrere Dinge bemerkenswert.

Erstens natürlich, dass Facebook nicht bemerkt hat, dass das Bild illustrativen Charakter hat und nicht als Aufforderung gedacht ist, die Whatsapp-Gruppe zu besuchen. Ja, man hätte den verfänglichen Link im Video noch wegpixeln können.

Allerdings wird aus dem Kontext völlig klar, wie es gemeint ist. Wenn man davon ausgeht, es mit mündigen Erwachsenen zu tun zu haben, dann kann man den Link stehen lassen. Zumal, nebenbei bemerkt, Bit.ly den Link inzwischen blockiert, sodass er gar nicht mehr funktioniert.

Warum nicht die Whatsapp-Gruppe sperren?

Zweitens ist es ironisch, da auf dem Screenshot ein öffentliches Facebook-Profil abgebildet ist, das selbst offensichtlich nicht gegen die Gemeinschaftsregeln verstösst. Auch die Whatsapp-Gruppe scheint kein Problem zu sein, weil Whatsapp schliesslich ein Produkt des gleichen Unternehmens ist und von Facebook längst hätte gesperrt werden können.

Lustig: Die Fakebook-Profile, die im inkriminierten Screenshot zu sehen sind, verstossen nicht gegen die Facebook-Regeln.

Drittens ist es geradezu empörend, dass Facebook das offensichtlich gefälschte Profil von Marie Bluhm Härig und viele andere mit der genau gleichen Machart nicht gesperrt hat. Die stellen eine echte Belästigung dar und sind eine Art Spam und wahrscheinlich steht sogar ein Betrugsversuch dahinter. Das will Facebook offensichtlich nicht unterbinden – aber wehe, wenn man als Nutzer darüber berichtet: Dann gibt es sogleich eine Verwarnung.

Und ja, ich habe mehrere solche Kontaktversuche gemeldet und jeweils den Bescheid erhalten, das soziale Netzwerk habe sich «dazu entschieden, das Profil nicht zu entfernen.» Besteht da eine Komplizenschaft?

Egal, wie dubios es ist: Hauptsache es bleibt unter dem Deckel

Zusammen mit dem Umstand, dass Mark Zuckerbergs famoses soziales Netzwerk die Masche mit den Fake-Profilen über Monate nicht unterbunden hat, wirft kein gutes Licht auf das Unternehmen. Man könnte tatsächlich auf die Idee kommen, dass Facebook sehr wohl begriffen hat, dass hier keine Anbahnung sexueller Kontakte stattfindet, sondern Aufklärung über diese Masche – und ebendiese Aufklärung verhindern will.

Das würde zwangsläufig bedeuten, dass eine Komplizenschaft besteht. Wahrscheinlich nicht explizit – aber immerhin in der Weise, dass Facebook einen gewissen Nutzen in den Fake-Profilen sieht. Vielleicht, weil sie bei manchen Nutzern auf Interesse stossen und dazu führen, dass sie sich länger auf der Plattform aufhalten. Und was die Verweildauer erhöht, geht Zuckerberg über alles.

Ich glaube das nicht. Ich denke tatsächlich, dass dieser Zwischenfall eine Folge der Doppelmoral ist, die in den sozialen Medien in der letzten Zeit herausgebildet hat. Kontaktanbahnungen, auch dubioser Natur, sind erlaubt, wenn sie unter der Decke stattfinden. Doch wenn man sie öffentlich macht, ist das unerwünscht, weil das ein schlechtes Licht auf alle werfen können. Und diese Doppelmoral, die hat bekanntlich lange Tradition: Auch im richtigen Leben kann man sich gesellschaftlichen Bereichen so schäbig aufführen, wie man will – so lange man den Schein wahrt, die Nachbarn nichts Böses denken und gegen aussen Zucht und Ordnung herrscht.

Beitragsbild: Mark Zuckerberg – Symbolbild (Marta Wave, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen