Das Bargeld in der Defensiven

Corona hat dem elektronischen Bezahlen einen grossen Schub verpasst. Zurecht, wie ich finde, weil ApplePay und auch Twint gegenüber dem Cash gewichtige Vorteile haben. Genau darum müssen sich nun auch die Handyhersteller öffnen.

Während der Pandemie ist der Gebrauch von Bargeld stark zurückgegangen. Das ging so weit, dass die 2020 geprägten Münzen noch gar nicht in Umlauf gebracht wurden, wie man anfangs Juni lesen konnte.

Eine spannende Entwicklung! Was mich angeht, hat Corona keine Verhaltensänderung bewirkt. Seit sich mit meiner EC-Karte kontaktlos bezahlen kann, mache ich das. 2018 habe ich mit dem Schweizer Zahlungsdienstleister Twint experimentiert, allerdings mit mässiger Begeisterung. Ich habe schon 2017 ApplePay ausprobiert, war mit der virtuellen Kreditkarte von Boon aber nur mässig zufrieden. Seit im Oktober 2019 meine Hausbank, die ZKB, ApplePay eingeführt hat, ist das meine bevorzugte Zahlungsmethode. Ich nehme an, dass ich dieses Jahr höchstens ein-, zweimal Bargeld abgehoben habe.

Vor Kurzem habe ich beim SRF das Tagesgespräch mit Andreas Dietrich gehört, der Professor für Banking an der Hochschule Luzern ist. Das hat mir einige Denkanstösse vermittelt. Beispielsweise hat mich am elektronischen Bezahlen immer gestört, dass dabei Gebühren anfallen, die irgendwer begleichen muss – entweder der Käufer oder aber der Verkäufer, wobei auch im zweiten Fall diese Kosten auf den Kunden abgewälzt werden. Im Vergleich dazu hat man den Eindruck, eine Zahlung mit Bargeld sei gratis.

Bargeld ist eine teure Angelegenheit

Was ein Irrtum ist. Die Bereitstellung des Bargelds ist sogar eine teure Angelegenheit. Falls ich mich richtig an die Zahlen erinnere, hat Dietrich gesagt, dass uns das Bargeld im Jahr 2,2 Milliarden kostet und die Banken für den Betrieb von Bankomaten um die 900 Millionen aufwenden.

Leider hat es die Interviewerin, Barbara Peter, verpasst zu fragen, was denn letztlich billiger ist – die elektronische Transaktion oder die Bezahlung per Bargeld. Und ja, mir ist klar, dass sich diese Frage nicht so einfach beantworten lässt, weil sich die Kosten fürs Bargeld nicht bei der Transaktion anfallen wie beim elektronischen Zahlen, das wiederum nicht von der Nationalbank, sondern von privaten Dienstleistern abgewickelt wird.

Und es lässt sich sogar die Position vertreten, dass die Frage müssig ist, solange nicht zur Debatte steht, das Bargeld abzuschaffen. Das will derzeit niemand, und ich bin überzeugt, dass das auch noch lange so bleiben wird. Im Moment käme niemand auf die Idee, weil Bargeld in Zeiten von Negativzinsen eine Möglichkeit ist, diesen Negativzinsen zu entgehen. Und auch in fünfzig Jahren wird man die Anonymität des Bargelds zu schätzen wissen – da bin ich überzeugt. Wenn wir auf das Bargeld verzichten, dann, weil eine Kryptowährung die gleichen Vorteile bietet, aber praktischer und nicht so volatil und energiefressend wie der Bitcoin ist.

Drei Gründe fürs digitale Zahlen

Trotzdem habe ich das digitale Bezahlen schätzen gelernt. Und zwar aus drei Gründen:

Sicherheit

Wenn ich kein Bargeld dabeihabe, kann ich es auch nicht verlieren. Klar, mir könnte mein Handy abhandenkommen, was auch ein Schaden wäre. Aber da ich das Handy eh dabei habe, würde ich im Fall eines Falles Bargeld und Mobiltelefon verlustig gehen.

Komfort

Wenn wir irgendwann elektronische Ausweise haben werden, dann braucht es das Portemonnaie, die klassische Geldbörse nicht mehr. Wenn alle Funktionen auch über eine smarte Uhr zugänglich sind, die mittels biometrischer Funktionen an den Träger gekoppelt sind, dann erhöht auch das die Sicherheit, gleichzeitig aber auch den Komfort.

Datenanalysen

Wenn alle Transaktionen Spuren hinterlassen, dann ist das für manche ein Grund für Besorgnis wegen der Privatsphäre. Sicherlich nicht grundlos, weil diese Daten zu wenig gut vor gierigen Augen Dritter geschützt sind. Doch was uns selbst angeht, sind diese Daten enorm aufschlussreich.

Schon 2016 habe ich im Beitrag Sag mir, wo sind die Fränkli hin den Finanzassistenten der ZKB gelobt, weil er mir mit seinen Analysen aufgezeigt hat, dass ich viel zu viel Geld an Telekomanbieter überweise. Ich habe daraufhin der UPC den Rücken gekehrt. Auch die App meines Kreditkartenanbieters schlüsselt die Ausgaben auf und zeigt auf, in welchen Kategorien ich wie viel Geld versenke. Diese Möglichkeiten zeige ich ausführlich im Beitrag Geld-Apps, die nicht stinken auf.

Die Forderung bleibt: Der Kunde braucht die Wahl, wie er digital zahlen will

So praktisch das ist: Es bleibt die Forderung, das iPhone für andere Zahlungsdienste zu öffnen, sodass beispielsweise Twint genauso komfortabel genutzt werden könnte wie ApplePay. Die Konkurrenz der Zahlungsmöglichkeiten muss auf den Telefonen spielen. Was iOS angeht, liesse sich dieses Begehren wunderbar über die Wallet-App realisieren: Dort könnten sich Twint und meinetwegen auch Google Pay, Samsung Pay, Alipay und wer auch immer als eigene Kreditkarte registrierten, sodass man für die Nutzung der jeweiligen Dienste nur die Kreditkarte wechseln müsste.

Ein abschliessender Lesetipp: Im Swiss Payment Monitor 2020 finden sich Informationen zu einer Studie der ZHAW und der Universität St. Gallen zum Zahlungsverhalten hierzulande, konkret zum Bekanntheitsgrad, zur Beliebtheit und zum Image einzelner Zahlungsmethoden, zum Zahlungsverhalten und zur Frage, ob das Bargeld abgeschafft gehört. 

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Beitragsbild: Ungewöhnlich ist nicht das Zahlen mit dem Handy, sondern, dass wir wieder im Restaurant sind (Cottonbro, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Das Bargeld in der Defensiven“

  1. Ja, Bargeld ist eine teure Angelegenheit. Sobald aber nicht vor Ort bezahlt wird, geht es um den Vergleich zwischen Überweisungen (Rechnung) und digitalen Zahlungsmitteln. Und da sind digitale Zahlungsmittel auch sehr teuer und üblicherweise teurer als Überweisungen:

    Bei einer Überweisung erhält der Empfänger den vollen geschuldeten Betrag, zum Beispiel 400 Franken. Bei einer digitalen Zahlung hingegen kommt nicht der volle geschuldete Betrag an, bei Stripe zum Beispiel sind es nur noch 388.10 Franken und das erst noch mit zeitlicher Verzögerung sowie dem Risiko einer Rückerstattung. Ausserdem ist der Buchhaltungsaufwand einiges höher.

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