Die Digitalisierung des Portemonnaies

Neulich bin ich doch tatsächlich über meinen Schatten gesprungen. Und ich habe etwas gemacht, von dem ich dachte, dass ich es nie jemals machen würde. Ich habe nämlich mit Twint bezahlt. Twint ist das bargeldlose Zahlungssystem der Post, das es seit 2014 gibt. Ich hatte die App (für Android und iPhone) schon länger auf meinem Telefon, aber ich habe sie nie benutzt. Man hätte nämlich ein Guthaben deponieren müssen, und das war mir zu umständlich.

Nun hat mich maege aufgeklärt (ich glaube in dieser Nerdfunk-Sendung vom kommenden Mittwoch), dass es das Prepaid-Guthaben nicht braucht, wenn man so schlau ist, nicht die normale Twint-App herunterzuladen, sondern die seines Finanzinstituts. In meinem Fall ist das die Twint-App der ZKB, die es ebenfalls fürs iPhone und für Android gibt. Inzwischen wird das in der Prepaid-Variante der App auch so erklärt – aber ursprünglich war das, falls ich mich richtig erinnere, nicht der Fall. Ich nehme an, das hat damit zu tun, dass inzwischen auch einige Banken an Bord sind. Inzwischen gibt UBS, die Raiffeisen, CS und weitere.

Ist das ein Grund für Begeisterung? Ich bin zwiegespalten. Einerseits halte ich Bargeld nach wie vor für eine gute Sache:  Die Anonymität ist ein sehr grosses Plus, wie ich seinerzeit auch beim Test der Paymit-App herausgestrichen habe. (Paymit ist inzwischen übrigens in Twint aufgegangen.) Das hier besprochene Buch «NSA – Nationales Sicherheits-Amt» von Andreas Eschbach hat mich in dieser Meinung noch einmal bestätigt. Denn elektronisches Geld erzeugt so viele Datenspuren, die sich auf derartig viele Arten und Weisen auswerten lassen, dass man sich nicht zu wundern braucht, wenn einem nicht alle davon passen.

Andererseits kann man seine Daten eben auch selbst auswerten – und das ist aufschlussreich. Der Finanzassistent der ZKB, der Ausgaben nach Kategorien bündelt, zeigt Sparpotenziale auf. Ich habe den im Beitrag Sag mir, wo sind die Fränkli hin… vorgestellt und aufgrund der Datenlage auch schon Konsequenzen gezogen. Ich habe mich von der UPC verabschiedet, nicht nur, aber auch wegen der zu hohen Kosten.

Ein wichtiger Faktor ist natürlich auch der Komfort: Man muss sich nicht mehr darum kümmern, rechtzeitig an den Bankomat zu tingeln, um immer genügend Bargeld dabei zu haben. Wenn man mit dem Handy bezahlen kann, dann darf man ohne Portemonnaie aus dem Haus. Denn inzwischen steckt auch das ZVV-Abo im Swisspass. Und der Swisspass steckt in der SBB-App. Es bräuchte jetzt noch eine App-Lösung für den Badge, mit dem man an seinen Arbeitsplatz gelangt.

Und eine elektronische Identitätskarte wäre auch sinnvoll: Dann könnte man sogar ohne Portemonnaie ins Flugzeug steigen und mit nichts als ein paar Wechselunterhosen und einem Smartphone die Welt bereisen. Wäre das nicht der Inbegriff der Freiheit? Wie ich hier lese, ist ein Gesetzesentwurf dazu verabschiedet. Bis es soweit ist, dürften aber noch Jahre ins Land ziehen. Falls es jemals dazu kommt. Das Aus fürs E-Voting fördert jedenfalls den Optimismus nicht, obwohl ich der elektronischen Stimmabgabe ebenfalls skeptisch gegenüber stehe. (Da ist wiederum Eschbach schuld. Sein Buch Ein König für Deutschland hat meine Euphorie von damals abflauen lassen.)

Es ist jedenfalls klar, dass es noch viele Diskussionen, Rückschläge und Vorstösse braucht, bis die Digitalisierung des Portemonnaies abgeschlossen sein wird. Falls es jemals dazu kommt. Die Schweizer sind in diesen Dingen konservativ, auch wenn das bargeldlose Zahlen doch langsam an Wichtigkeit zunimmt.

Was nun Twint angeht, bin ich nur mässig begeistert. Der Vorgang ist umständlich. Man öffnet die App (die bei mir nicht im iPhone-Dock, sondern im Ordner «Geld & Shopping» sitzt), wartet auf das Aufstarten der App, entsperrt sie mit dem Fingerabdruck, tippt auf die Option QR-Code, scannt den besagten QR-Code am Zahlungsterminal und bestätigt.

Das Scannen des Codes ist einigermassen fehleranfällig. Um den Code im Rechteck einzupassen, das am Display angezeigt wird, muss man sehr nahe heran. Dabei wird die Anzeige unscharf. Ob das daran liegt, dass der Code am Terminal relativ klein erscheint, kann ich nicht sagen. Jedenfalls wurde er bei einem meiner Versuche auch schon nicht erkannt. Das kann an mangelnder Übung meinerseits gelegen haben – oder daran, dass meine Tochter an mir rumgezerrt hat. Der Code wird trotzdem richtig erkannt, wie sich nach einigem Experimentieren zeigt.

Das Problem beim Migros Neuwiesen in Winterthur ist, wie sich nach neuerlichen Versuchen erhärter, die schlechte Mobilfunkabdeckung. Es seht nur Edge zur Verfügung, was für eine zeitnahe Abwicklung der Zahlung offensichtlich nicht ausreicht. Aber die Zahlung müsste IMHO auch unter erschwerten Umständen zuverlässig und reibungslos funktionieren. In dem Fall habe ich das Handy weggesteckt und kontaktlos mit der EC-Karte bezahlt.

Das ist das Problem: Im Vergleich zu dieser Zahlungsmethode, bei der man seine Karte bloss ans Terminal hält und bei Beträgen unter 40 Franken noch nicht einmal den PIN-Code eingeben muss, dauert die Twint-Zahlung viel länger und erfordert mehr Schritte. Sogar die Barzahlung ist einfacher, wenn man nicht gerade das ganze Münz (Kleingeld) zusammensucht.

Natürlich ist mir klar, dass das nicht an Twint liegt – sondern auch daran, dass Apple die NFC-Schnittstelle des iPhones nicht für Dritthersteller freigibt, sondern exklusiv für Apple Pay nutzt. Und Apple Pay ist denn auch einfacher zu verwenden, wie ich hier beschrieben habe. (Die Boon-Karte habe ich inzwischen aber wieder gekündigt.)

Ich denke, man sollte Apple gerichtlich zwingen, NFC auch für andere Hersteller zu öffnen. Das wäre fair und würde dem Wettbewerb der Zahlungsmethoden den Weg bereiten. Umgekehrt sind die Schweizer Banken allerdings auch nicht sehr fair. Die wollen Apple Pay vom Schweizer Markt fernhalten. Und zwar mit Mitteln, die die Wettbewerbskommission Weko zum Einschreiten veranlasst haben.

Fazit: Das ist mal wieder einer dieser Fälle, wo alle vom freien Markt theoretisieren, um dann doch maximal protektionistisch zu agieren. Ich bin dafür, dass Hinz und Kunz eine Zahlungsmethode anbieten kann – und die Leute wählen, auf welchem Weg sie bezahlen: Elektronisch, mit Bargeld oder meinetwegen mit Bitcoins. Die Zahlungsfunktion ist auch ein guter Grund für eine Smartwatch; leider aber funktioniert Garmin Pay nicht mit meiner Fenix 5S, sonst hätte ich auch das schon längstens einmal ausprobiert.

Ich bin gespannt, was sich durchsetzen wird: Eine globale Lösung wie Apple Pay oder dann doch die lokalen Lösungen wie Twint. Wenn wir bei unseren Ferien irgendwann mal nur noch das Smartphone oder die Smartwatch und ein paar Unterhosen zum Wechseln dabei haben wollen, muss Twint auch ausserhalb der Schweiz reibungslos funktionieren. Und das kann ich mir noch nicht so ganz vorstellen…

Beitragsbild: Ein besonders hochstehender Photoshop-Job ist das nicht. (Bild: Twint)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Die Digitalisierung des Portemonnaies“

  1. Ich gebe dir recht. Wo ich aber TWINT sehr gut finde: Zahlungen in Online-Shops (nur QR-Code am Bildschirm scannen und nicht mühselig Kreditkartendaten eintippen) und Überweisungen an Privatpersonen. Da ist es sehr praktisch.

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