«Wir sehen uns vor dem Kriegsgericht»

Ein grund­legendes Miss­verständ­nis besteht in der Fehl­annahme, die sozialen Medien würden sich für Frust­abbau eignen. Im Gegenteil – wer seine Unzu­frieden­heit bei Facebook ablädt, trägt bloss dazu bei, dass sich dort der Hass kumuliert.

Kein Like von Facebook.

Ein Erfolg! Ich habe es in der Tat geschafft, einen Kommentar erfolgreich zu melden. Ich habe Facebook dazu gebracht, einen Kommentar wegen Verletzung der viel zitierten Gemeinschafts-Standards zu löschen. Das ist etwas, woran ich mich aufrichten kann!

Nein, eigentlich nicht. Es führt nur vor Augen, wie sehr die sozialen Medien ausser Kontrolle geraten sind.

Ein Symptom sind die Nazivergleiche, von denen inzwischen fast täglich einer die Runde macht. Angefangen hat es mit ominösen Bezugnahmen auf «die dunklen Zeiten Deutschlands». Dann sind die Impfgegner auf die Idee gekommen, sich mit den Juden zu vergleichen, die von Nationalsozialisten gezwungen wurden, einen gelben Stern zu tragen. Und erst unlängst wurde bei Facebook die unsägliche  Gleichsetzung des Covid-Zertifikats mit dem Gesundheitspass im dritten Reich herumgeboten.

Vorbildfunktion?

Diese Woche nun musste Andreas Glarner, seines Zeichens Nationalrat für die Schweizerische Volkspartei, ein Video mit «echt sehenswert» bezeichnen, in dem am Eingang des Impfzentrums Schaffhausen über dem Torbogen der Schriftzug «Impfen macht frei» montiert worden ist – in Anspielung an die Inschrift an den Toren von Konzentrationslagern und Gestapo-Gefängnissen.

Jede Provokation zieht eine Provokation nach sich

Das Problem an den sozialen Medien besteht darin, dass selbst die übelsten Provokationen nur eine kurze Halbwertszeit haben. Es besteht die Notwendigkeit, stets nachzulegen – und, fast immer möglich, noch einen draufzusetzen. Das führt zu einer Enthemmung, die ich mir noch vor Jahren überhaupt nicht hätte vorstellen können.

Auch heute fällt es mir schwer, diesen Mechanismus zu verstehen. Klar, es gibt ein paar Leute, die gerne zündeln und Hass säen – oder bei denen tatsächlich etwas derartig falsch verdrahtet ist, dass sie diese Nazivergleiche für gerechtfertigt halten.

Aber den meisten, die solche Memes verbreiten, traue ich zu, dass sie im Grund ihres Herzens wissen, dass diese Vergleiche nichts mit der Wahrheit zu tun haben, die Opfer der Nazis verhöhnen und zu einer Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen beitragen. Es könnte die Erkenntnis reifen, dass das für eine billige Provokation ein zu hoher Preis ist und es Zeit wäre, sie bleibenzulassen.

Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich

Doch Anzeichen für eine solche Einsicht sehe ich nicht. Im Gegenteil. Das Overton-Fenster, die Grenze des Sagbaren, verschiebt sich weiter. Ein Beleg dafür ist für mich der eingangs erwähnte Kommentar, den Facebook tatsächlich auch gelöscht hat.

Natürlich weiss, ich, dass sich andere Leute noch ganz andere Dinge anhören müssen. Aber was ich bemerkenswert finde, ist, dass der fragliche Kommentar aus heiterem Himmel gefallen ist.

Um kurz die Ausgangslage zu schildern: Hier habe ich mit einem mir selbst nicht bekannten Facebook-Nutzer darüber diskutiert, wie gross der Anteil der Einwohner in diesem Land ist, der von Corona betroffen ist. Er hat gesagt, es seien weniger als 0,5 Prozent.

Ich habe das in Zweifel gezogen, weil das erstens schwierig zu beurteilen und zweitens wahrscheinlich zu tief gegriffen ist – siehe Stichworte CFR und IFR hier. Und auch wenn wir uns auf Nebenschauplätzen verloren haben, so hat sich die Stimmung nicht aufgeschaukelt. Wir haben die Meinungsverschiedenheit nicht ausgeräumt. Aber für meinen Eindruck haben wir uns darauf geeinigt, uneins zu sein.

Wenn einer sich in Rage schreibt, nützen auch die Emoticons nichts.

Nun kam ein Kommentar von einem Nutzer, der sich bislang nicht eingebracht hatte und der in folgender Aussage gipfelte:

(…) Zudem sind Sie Journalist bei Tamedia. Da muss man das Gespräch eigentlich eh verweigern.

Wir sehen uns dann vor einem Kriegsgericht und das bauen wir schon selber auf, keine Sorgen.

Ihren Namen habe ich schon Mal gespeichert (Auf Verschwörungstv 😃)

Ich halte das für haltloses Geschwätz, das ich allein deswegen nicht ernst nehmen kann, weil nur die allergrössten Amateure ihre beiläufigen Einschüchterungsversuche mit lachenden  Smileys garnieren.

Was kommt als Nächstes?

Ich erzähle die Anekdote hier, weil sie einen weiteren Steigerungspunkt markiert. Was kommt dann als Nächstes? Ein ernsthafter Einschüchterungsversuch? Und wie lange geht es dann, bis Worte nicht mehr ausreichen? Dass ein Tankstellenbesitzer erschossen wurde, weil er einen Mann auf die Maskenpflicht hingewiesen hat, müsste uns Anlass genug sein, die Deeskalation zu suchen.

Es ist ganz simpel: Man kann über alles diskutieren – und wenn man gute Argumente hat, werden die gehört, selbst wenn man keine Provokationen, keine sinnlosen Nazivergleiche und keine mit Smileys verzierten Drohungen mitliefert.

Wenn es hingegen um Frustabbau geht, dann sind die sozialen Medien nicht der geeignete Ort. Dann könnte man einen Marathon laufen, sich im Boxclub anmelden oder zum Therapeuten gehen – wichtig wäre einfach, sich dieses Gefühls bewusst zu werden und zu verstehen, dass das Aussenden von Hass den Frust nicht verringert, sondern verstärkt.

Zwei Ergänzungen: Auch die Medien sollten ihren Anteil zur Deeskalation leisten. Das legt Marko Ković im Beitrag Wie Medien die Corona-Radikalisierung vorantreiben einleuchtend dar. Und es ist wichtig, die Relationen zu wahren: Die Brandstifter sind eine Minderheit. Das führt uns Watson im Beitrag Warum die Schweiz nicht «gespalten» ist – eine Beweisführung in vier Grafiken vor Augen.

Beitragsbild: So sehen viele aus, wenn sie in ihr Facebook schauen (Peter Forster, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

7 Gedanken zu „«Wir sehen uns vor dem Kriegsgericht»“

  1. Ich finde, man muss nicht immer widersprechen oder Kommentare melden, sondern darf die Leute sich in aller Öffentlichkeit demontieren lassen. Ihre Meinung kann man sowieso nicht ändern. So verhindert man, dass die Leute ob ihrer gelöschten Kommentare immer wütender werden und dann noch „Zensur“ und „Diktatur“ als „Argumente“ haben.

    Mir wurde mal gesagt, ein guter Journalist widerspreche bei einem Interview nicht, auch nicht einem Nazi. Er stelle Nachfragen wie „wie meinen Sie das genau?“ und lasse den Gesprächspartner sich um Kopf und Kragen reden. Das sei nachhaltiger, als zu widersprechen und am Ende kommt eine Diskussion raus, in der beide Seiten von anderen „Fakten“ ausgehen und die schlussendlich zu nichts führt.

    In meinem Umfeld gibt es eine Person, die immer wieder Unsinn postet. Einmal hat es 5G-Chips in der Impfung, einmal sterben alle Geimpften nach zwei Jahren, einmal steckt die CIA dahinter, dann wieder die WHO. Alle haben sie auf stumm geschaltet, sodass sie ihre Videos in die grosse Leere schickt.

    1. Du hast recht, man kann und muss nicht jeden Kampf ausfechten. Ich überlege mir inzwischen auch genau, wo ich meine Energie investiere und wo nicht. Beim vorliegenden Fall hat mich interessiert, wie Facebook reagieren würde. Ich habe mir eine Chance ausgerechnet, dass der Kommentar gelöscht wird – wenn ich hätte wetten müssen, hätte ich aber darauf gesetzt, dass er stehenbleibt.

      Es gibt allerdings auch die Haltung, wonach Schweigen Zustimmung bedeutet. Ich teile die nicht, aber ich sehe schon, dass Schweigen so interpretiert werden kann und oft auch so interpretiert wird. Es vermittelt dem Provokateur den Eindruck, sich durchgesetzt zu haben. Auch manche Mitleser werden das auf diese Weise wahrnehmen. Das führt dann zur angesprochenen Verschiebung des Sagbaren: «Wenn das Publikum Provokation A geschluckt hat, lass es mich doch mal mit der noch etwas härteren Provokation B probieren!»

      Dass sich jemand selbst demontiert, ist gewissermassen der Traum eines Journalisten – und manchmal reicht es tatsächlich schon, jemanden einfach reden zu lassen. Allerdings fehlt dafür häufig die Zeit – und wenn man in den Medien nur mit Zitatschnipseln operiert, passiert das leider nicht. Ausserdem wird es immer ein kleiner Teil von Leuten geben, die die Selbstdemontage nicht als solche empfinden. Bei denen hilft es (vielleicht?) mehr, wenn ihnen klar signalisiert wird, dass ein breiter Konsens darüber besteht, dass das inakzeptabel war.

  2. „Seine Busse hat Rimoldi unmissverständlich als PR-Stunt inszeniert und 20 Minuten ins Boot geholt. Die Story ist in Tat und Wahrheit gar keine. Sie ist Bullshit; hingekackt, um Aufmerksamkeit zu erhaschen“

    Worin darin der Beitrag zu einer Deeskalation liegen sollte, erschliesst sich mir nicht. Gerade in der aktuellen Situation erschiene mri der erste Schritt hin zu einer Deesklation, eine gepflegte(re) Wortwahl zu kultivieren. Ich hätte einen solchen Text in 20min nicht gedruckt. Und zwar unabhängig davon, was ein/e Autor/in zum Ausdruck bringen will.

      1. ‚Bullshit‘ und ‚hingekackt‘ führen zu einer unnötigen Eskalation der Worte. Ich sehe die Notwendigkeit nicht, solche Kraftausdrücke (von welcher Seite aus auch immer) zu verwenden. Deeskalation hiesse, ein paar Gänge runterfahren und die Worte mit Bedacht zu wählen.

          1. Zur Eskalation beitragen ist auch dann schlecht, wenn es weniger ist als der andere (zumal das ja die andere Seite wohl [berechtigt oder nicht] anders sehen wird). Ich stelle einfach fest, das Klima wird rauher. Und daher ist ein Runterfahren von ALLEN Seiten notwendig.

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