Und wieder hat einer auf Facebook groben Unsinn geteilt

Ich unterziehe einen Beitrag von RT einer kritischen Prüfung. Und das Ergebnis ist für meinen Freund, der ihn auf Facebook geteilt hat, leider nicht schmeichelhaft.

Eine weitere Folge aus der beliebten Reihe Zeugs, das besser nicht gepostet worden wäre: Der Beitrag «The 1% blunder: How a simple but fatal math mistake by US Covid-19 experts caused the world to panic and order lockdowns» von RT.com. Ich gebe hier zu Dokumentationszwecken den Link an, natürlich mit Noreferrer und Nofollow-Attribut.

«Bitte lest das», verlangt mein Facebook-Freund. Das habe ich gemacht.

Ein Freund auf Facebook hat ihn gestern veröffentlicht. Er gibt dem Link in seinem Posting eine kleine Relativierung mit: Der Text sei «zumindest interessant». Doch die Relativierung wird auch gleich wieder relativiert, indem er angibt, auch ein befreundeter Arzt hätte ihn gepostet.

Jetzt könnte man es sich einfach machen und auf die Quelle verweisen: RT.com ist die Website zum gleichnamigen Fernsehsender, der ursprünglich «Russia Today» hiess.

Schon die Selbstbeschreibung weist auf zwei grundsätzliche Probleme mit dieser Informationsquelle hin. Es heisst auf der «About RT»-Seite Folgendes: «RT berichtet über Themen, die von den Mainstream-Medien übersehen werden, bietet alternative Perspektiven auf das aktuelle Zeitgeschehen und macht das internationale Publikum mit einer russischen Sichtweise auf wichtige globale Ereignisse vertraut.»

Erstens ist der Begriff «Mainstream-Medien» vorbelastet: Man kann ihn nicht verwenden, ohne sich selbst in die Nähe von Verschwörungstheoretikern und -mythikern zu rücken.

Und im Kontext der RT-Selbstbeschreibung ist er besonders absurd. Man kann in hier nur ideologisch deuten.

Denn wenn man der Bezeichnung «Mainstream» eine neutrale Bedeutung zugrunde legen würde, dann würde man sie von der Grösse und Reichweite abhängig machen: Mainstream-Medien erreichen ein grosses Publikum und verwenden klassische Verbreitungswege.

Das Fernsehprogramm von RT wird via Satellit gesendet und in vielen Ländern in Kabelnetze eingespeist. RT hat genügend Mitarbeiter, um als grosses Medienunternehmen zu gelten. Mit anderen Worten: In dieser Deutung ist RT ein Mainstream-Medium von globalem Zuschnitt und kann demnach keine Opposition zu den Mainstream-Medien sein.

Zweites Problem: Die Finanzierung. RT wird von der russischen Föderation gespeist. Es liegt auf der Hand, dass unter diesen Vorzeichen nichts anderes als eine Kreml-genehme Berichterstattung erfolgt. Und bekanntlich ist der Kreml nicht zimperlich bei der Wahl der Mittel, mit denen die globale Meinung beeinflusst wird. Davon zeugen Putins Troll-Armeen und die Verschwörungstheorien, die von Russland gefördert oder vielleicht sogar erfunden werden.

Hier gibt «Global News», der Auslanddienst des kanadischen Fernsehens eine Einschätzung zur absurden Theorie, das Coronavirus würde durch 5G verbreitet:

«Die 5G-COVID-19-Theorie macht den Anschein, als hätte Russland sie in Umlauf gebracht. Sie wird jetzt von den MAGA-Bots weiterverbreitet», sagte Stephanie Carvin, Professorin an der Carleton-Universität und Ex-Sicherheitsanalytikerin des kanadischen Sicherheitsgeheimdienstes.

Maga steht für «Make America great again» und bezieht sich auf Bots, die in Trumps Diensten stehen. Wenn das so stimmt, dann würde es aufzeigen, wie Russland der Bot-Armee des US-Präsidenten geschickt in die Hände spielt und ihnen genau das liefert, was die hören und weiterverbreiten möchten. Das ist bemerkenswert.

Was die 5G-Theorie angeht, muss man fairerweise sagen, dass RT sie nicht mitträgt. Hier wird gesagt, dass die «Erklärung, die 5G-Technologie sei schuld an der Corona-Epidemie, nicht seriös» sei. Trotzdem ist ein grundsätzliches Glaubwürdigkeitsproblem von RT nicht zu leugnen. Bevor man einen Beitrag aus dieser Quelle per Facebook weiterverbreitet, muss man ihn ernsthaft auf seine Wahrhaftigkeit hin prüfen. Zugegeben: Das sollte grundsätzlich gelten, nicht nur bei RT.com. Aber bei RT gerät man in einen Erklärungsnotstand, wenn man es nicht tut.

Aber zurück zum eingangs erwähnten Beitrag. Er kommt zu einem ganz klaren Schluss: «Der Lockdown kann als völlige und totale Katastrophe angesehen werden. Er beruhte auf einem Unsinn: Der Behauptung, Covid würde ein Prozent aller Menschen töten. Eine Behauptung, die jetzt als völlig und vollkommen falsch betrachtet werden kann. Schweden hatte ohne Lockdown eine Todesrate von 0,0058 Prozent.»

Eine steile These. Hat sie Bestand?

Die Prämisse des Artikels besteht in der Behauptung, dass die Experten Covid-19 fälschlicherweise als gefährlich eingeschätzt haben. Sie haben die Sterblichkeit falsch berechnet. Und es wird insinuiert, dass dieses Versehen bislang niemand bemerkt hat – ausser der RT-Autor.

Dieser Autor – ein Mann namens Malcolm Kendrick, der für das staatliche Gesundheitswesen in UK arbeitet und sich anscheinend mit medizinischen Daten gut auskennt – gibt seiner Behauptung einen wissenschaftlichen Anstrich, indem er sich des Langen und des Breiten über die beiden Parameter Fallsterblichkeit (case fatality rate, CFR) und Infizierten-Verstorbenen-Anteil (infection fatality rate; IFR) auslässt (Details bei Wikipedia). Und verlangt, man müsse unbedingt den IFR betrachten, wenn man überhaupt verlässliche Aussagen treffen wolle.

Hat diese Prämisse Bestand? Mit nur etwas Googeln stösst man auf den Beitrag How deadly is the coronavirus? Scientists are close to an answer des Wissenschaftsmagazins «Nature».  Dieser Artikel macht klar, dass sich die Experten des Unterschieds zwischen CFR und IFR durchaus bewusst sind. Und man erfährt einiges über die Schwierigkeiten, diese Werte zu erheben:

Die Berechnung eines genauen IFR ist inmitten eines Ausbruchs eine Herausforderung, da man die Gesamtzahl der Infizierten kennen muss – nicht nur diejenigen, die durch Tests bestätigt werden. Aber die Sterblichkeitsrate ist bei COVID-19 (…) besonders schwer zu bestimmen, sagt Timothy Russell, ein mathematischer Epidemiologe an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Es ist nämlich ausserordentlich schwierig die Gesamtzahl der Infizierten zu kennen: Die Infektion mit Covid-19 verläuft bei vielen Menschen mit leichten oder keinen Symptomen und bleibt deswegen unentdeckt. Und oft liegt zwischen Infektion und Tod eine lange Zeit.

Also: Die Verwechslungsthese von Malcolm Kendrick ist nicht plausibel; so dumm sind die Experten nun auch nicht. Aber stimmt wenigstens die Aussage, dass der IFR niedriger ist, als man uns glauben machen will – noch viel niedriger als bei einer Grippe? Zur Erinnerung: RT und Kendrick behaupten, dass in Schweden die Todesrate bloss 0,0058 Prozent betragen würde.

Ich habe die IFR-Zahl  für Schweden auf die Schnelle nicht gefunden. Für Stockholm beträgt sie gemäss einer Berechnung der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit 0,58 Prozent. Das ist interessanterweise genau hundertmal so viel wie im RT-Artikel. Eines liegt auf der Hand: Da in Stockholm grob gerechnet ein Zehntel der Bevölkerung des Landes zu Hause ist, kann der Wert im RT-Artikel auf keinen Fall stimmen. Selbst wenn im Rest des Landes null Leute gestorben wären, würde der Wert für Schweden 0,058 betragen.

Als weiteres Beispiel wird im RT-Beitrag  Island genannt; ebenfalls ein Land mit einem tiefen IFR-Wert. Er beträgt gemäss RT-Beitrag 0,16 Prozent. Beim Centre for Evidence-Based Medicine habe ich den Wert 0,3 Prozent gefunden. Das ist doppelt so viel wie behauptet – aber immer noch wenig.

Warum erwähnt RT genau diese Länder? Im bereits zitierten Beitrag von «Nature» findet man die IFR-Werte für China (0,6%), Frankreich (0,7%), Brasilien (1%) und Spanien (1%).

Mit anderen Worten: RT betreibt opportunistische Rosinenpickerei und sucht sich Daten passend zur These aus, statt das Gesamtbild zu betrachten. Und man kommt zum Schluss, dass in Ländern, in denen die Pandemie stark gewütet hat, die Behauptung nicht widerlegt, sondern bestätigt wurde: Covid-19 hat dort ein Prozent der Infizierten getötet.

Man kann von RT halten, was man will – aber dieser Artikel macht  unhaltbare Aussagen. Er reiht sich ein in den langen Reigen unrühmlicher Corona-Verharmlosungs-Texte, mit denen sich neuerdings auch die NZZ hervortut.

Ob dieser Beitrag bewusst irreführen will oder ob er bloss schludrig geschrieben wurde, kann ich nicht sagen. Eines ist aber klar: Wer ihn auf Facebook oder Twitter teilt, handelt grobfahrlässig.

Und ja: Es ist keine übertriebene Hexerei, einen Beitrag auf Plausibilität zu überprüfen. Schon der Vergleich mit dem Artikel von nature.com müsste einen an der Glaubwürdigkeit zweifeln lassen.

Aber selbst ohne Googeln muss man sich fragen, ob die Behauptung im Titel – «ein einfacher, fataler Rechenfehler von US-Experten hat die Welt in Panik versetzt und zum Lockdown geführt» – nachvollziehbar ist: Haben sich wirklich alle Gesundheitsbehörden in aller Welt, wo es Lockdowns gab, blind auf US Experten verlassen, die nicht rechnen können?

Nein, natürlich nicht. Und darum: Bitte, Leute, denkt für zwei Sekunden nach, bevor ihr so einen Mist auf eure Social-Media-Freunde loslässt!

Beitragsbild: Schon wieder! (Christian Erfurt, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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