Google ist auf dem Weg zum evil empire

Da ist sie wieder, die Jahres­mus­terung: In meinem Rück­blick auf die Leis­tungen der Tech­kon­zerne 2021 kommt als Erstes die grosse Such­maschi­ne an die Reihe. Google bzw. Alphabet ist auf den ersten Blick lang­wei­lig, auf den zweiten be­un­ruhi­gend.

Ich weiss, ihr habt alle sehnlichst auf sie gewartet: auf meine schöne Rückblickserie namens Jahresmusterung. Ihr erinnert euch natürlich: Letztes Jahr habe ich damit angefangen, die Leistungen der grossen Tech-Konzerne zu beurteilen. Und das soll nun auch heuer wieder geschehen.

Damit die Spannung gewährleistet ist, fange ich mit dem Kandidaten an, der auf den ersten Blick der langweiligste war und auf den zweiten Blick beängstigende Tendenzen zeigt. Das ist – und ich könnte hier noch einige Pirouetten schlagen, um die Spannung zu erhöhen, was die traurige Wahrheit aber leider auch nicht besser macht – Google.

Ja, Google: Das ist jener Konzern, der in früheren Jahren ein Feuerwerk an Ideen versprüht hat. Alle zwei Wochen kam irgendein neues Produkt um die Ecke. Vieles davon ist genauso schnell verschwunden, wie es gekommen ist – oder noch schneller: Von den neuen und wieder eingestellten Produkten kann man im Google Graveyard (Googles grusliger Gräbergarten) oder aber auch auf killedbygoogle.com beeindrucken oder erschüttern lassen.

Doch 2021 sind keine Produkte auf den Markt gekommen, die man vermissen würde. In der «Product release timeline» von Wikipedia findet sich als letzter Eintrag der 2019 lancierte und nicht gerade florierende Game-Streamingdienst Stadia.

Die Ausnahmen, die die Regel bestätigen

Es gibt zwei Ausnahmen, nämlich erstens das Betriebssystem Fuchsia, das seit August auf Endgeräten im Einsatz ist. Das war mir für die Tamedia einen Artikel wert, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass die Welt von Fuchsia gross Notiz genommen hat. Zweitens Youtube Shorts, jene neue Funktion, die im Juli eingeführt worden ist. Doch da das eine dreiste Kopie von Tiktok ist, verdient sie nicht das Prädikat, eine Innovation zu sein.

Aber gut, neue Produkte sind nicht alles. Hat Google mit spannenden Ideen, Vorschlägen, Initiativen oder Impulsen für die Branche von sich reden gemacht?

Google Trends ist 2021 fünfzehn Jahre alt geworden.

Ich stelle fest, dass in sehr vielen Artikeln, die ich im Verlauf dieses Jahres geschrieben habe, Google Erwähnung findet, aber meist nur als Nebendarsteller. Die Artikel, in denen es zur Hauptsache um Google geht, lassen sich an einer Hand abzählen:

Das zeigt klar, dass Google in eine neue Phase eingetreten ist. Die Zeit, in der sich der Konzern wie ein kaum zu bändigendes Startup gebärdet hat, ist definitiv vorbei. Google tritt in einen Abschnitt der Konsolidierung – und vor allem auch der Monetarisierung. Vorbei ist auch jene Periode, wo man als Kunde den Eindruck bekommen konnte, bei Google gebe es alles gratis.

Google will Geld sehen

Das zeigt sich bei der Kritik an Youtube: Die rührt daher, dass die Videoplattform mehr Werbung zeigt und das Premium-Abo offensiv anpreist. Das ist nicht neu, hat sich 2021 aber verschärft. Die Wandlung zeigt sich auch darin, dass ich mich bemüssigt fühlte, Alternativen zu Google Fotos vorzuschlagen. Dort hat man bis Ende Mai unbeschränkt Bilder hochladen können, doch ab 1. Juni 2021 gibt es eine Beschränkung auf 15 GB. Wer mehr Speicherplatz will, muss bezahlen.

Damit zeichnet sich ab, dass Google in dieser Jahresmusterung schlecht abschneidet. Der Konzern macht den Eindruck, Innovation nicht mehr nötig zu haben, weil die Gewinnmaximierung auf dem bestehenden Produktportfolio viel aussichtsreicher erscheint.

Und klar: Tech-Konzerne sind keine Wohlfahrtsunternehmen. Das verstehe ich, auch wenn ich nicht als Kapitalismus-Fan und -Verfechter bezeichnen würde. Was mich stört, ist die kaltschnäuzige Weise, wie Google das tut. Google ist es völlig egal, dass Youtube nur dank Crowdsourcing zur weltgrössten Videoplattform geworden ist: Es sind die Leute, die ihre Inhalte beitragen, die Youtube zu dem gemacht haben, was es heute ist. Doch die Kreativen behandelt Google schon seit längerer Zeit schlecht – und eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Erst die Konkurrenz aus dem Weg geräumt, dann die Nutzer zur Kasse gebeten

Auch die Kehrtwende bei Google Fotos lässt sich nur so interpretieren, dass Google gewillt ist, seine Marktmacht auszunutzen: Der unbeschränkte Speicherplatz galt so lange, wie es nennenswerte Konkurrenten gab. Nachdem die nun allesamt plattgemacht wurden, soll sich das auszahlen. Logisch, aber nicht sympathisch.

Könnte dir so passen, Google Fotos.

Kommen wir zum letzten oben erwähnten Beitrag, nämlich den Cookies, den es doppelt an den Kragen gehen sollte. Das ist die meines Erachtens wichtigste Initiative von Google von 2021, die ebenfalls Ausdruck von Googles Wille zur Machtausübung ist.

Zur Erinnerung: Google hat in diesem Jahr die Art und Weise verändert, wie Chrome mit den Cookies umgeht. Google setzt auf eine Methode namens Federated Learning Of Cohorts: Floc analysiert unsere Gewohnheiten und teilt uns in Kohorten ein: Das sind grosse Gruppen mit einem gemeinsamen Interesse, die entsprechend beworben werden können.

Google will das Netz zu seinen Gunsten umbauen

Das scheint auf den ersten Blick eine hervorragende Idee zu sein, indem es das Tracking erschwert. Schaut man genauer hin, zeigt sich aber, dass die Nachverfolgung nur für die Konkurrenz schwieriger wird. Google hingegen erfährt eher noch mehr als zuvor. Die Konkurrenz hat sich mehrheitlich kritisch geäussert und wird nicht mitziehen. Bürgerrechtsorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation halten den neuen Mechanismus für schrecklich – warum, haben wir ausführlich auch im Nerdfunk diskutiert.

Google 2021 ist auf den ersten Blick langweilig und auf den zweiten auf dem Weg zum «evil empire». Wir können gespannt sein, ob im nächsten Jahr die alten Tugenden wieder aufscheinen oder es auf dem eingeschlagenen Pfad weitergeht…

Beitragsbild: Genauer hinzusehen, lohnt sich (Mitchell Luo, Unsplash-Lizenz).

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