Googles grusliger Gräbergarten

Wie viel Abhängigkeit von Google liegt drin, habe ich neulich gefragt. Dazu passt sehr gut die Grafik, die seit zwei Tagen durchs Internet gereicht wird: Google Graveyard von wordstream.com zeigt die zu Grabe getragenen Dienste – von Google Reader über iGoogle zu Picnik, Buzz, Google Notebook und Google Wave – und das sind nur die Dienste, die ich selbst genutzt habe.

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Wo grossartige Ideen verrotten…

Natürlich, sehr schnelle Innovationszyklen gehören bei Google mit dazu. Produkte werden zügig lanciert, weiterentwickelt und ohne viel Federlesens wieder eingestellt, wenn sie sich nicht bewähren – nach welchen Kriterien diese Einschätzung auch immer erfolgen mag. Das leuchtet ein. Als Anwender andererseits erwartet man Anbieter mit «Commitment». Einen Dienst wechselt man nicht so ohne weiteres. Man muss Einrichtungs- und Lernarbeit aufwenden, neue Apps besorgen und unter Umständen seinen Modus Operandi anpassen. So einfach wie der Umstieg von Google Reader z.B. zu Feedly geht die Sache meist nicht vonstatten.

Als Early Adopter muss man damit leben, ab und zu aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Startups starten eben sehr oft nicht durch, sondern legen eine Bruchlandung hin. Google allerdings ist der Phase des Startups ohne Zweifel entwachsen. Wenn es eines Morgens kein Google mehr gäbe, käme die Weltwirschaft gehörig ins Stottern. Wir hätten keine Werbung mehr auf unseren Blogs. Die Verleger würden erst einmal eine Runde Champagner an die Belegschaft ausgeben. sodass die Journis nicht zum Arbeiten kämen – die Journis, die bei der Rückkehr an den Schreibtisch merken würden, dass ihnen ihr wichtigstes Rechercheinstrument fehlt. Wir müssten uns mit Bing anfreunden. Und das würde Milliarden Stunden an Produktivität vernichten. Die Android-Jünger müssten zwischen iPhone und Windows Phone wählen – mit Suiziden wäre zu rechnen. Viele Leute kämen nicht zu ihren Terminen, weil ihnen ihr Kalender fehlt und sie nun Apple-Maps nutzen müssten – und bei Leuten mit Dates könnte die fehlende Navigationsmöglichkeit sogar potenzielle Beziehungen und die erfolgreiche Fortpflanzung verhindern… Google wäre somit schuld, falls die Menschheit ausstirbt.

Wir lernen: Google hat eine Verantwortung für die Welt. Doch das sind sich die Nerds in Mountain View nicht bewusst – oder sie sträuben sich sogar dagegen. Als Nutzer muss man sich selbst schützen, und das tut man meines Erachtens am besten, indem man nicht alle seine Eier in ein Körbchen legt. Sprich, sich in seiner Google-Nutzung einschränkt. Da ich die Suchmaschine intensiv brauche, verwende kein Android. GMail ist eine schöne Maillösung, aber aus Gründen des Lokalpatriotismus bleibe ich Cleanmail treu. Nebst Google Docs brauche ich auch Evernote, Microsoft Skydrive mit den Office-Webaps, und so weiter. Eine Alternative zu Google Calendar zu nutzen, dazu konnte ich mich nicht aufraffen. Die nahe liegendste Alternative wäre icloud.com, aber mit der skeuomorphistischen Oberfläche mag mich mich nicht anfreunden. Vielleicht wird das mit iOS7 dann besser.

Ich weiss, für manche Leute ist das kein Problem. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte, die mich dazu treibt, auch meine Telekombedürfnisse nicht über Tripleplay zu befriedigen, sondern mehrere Anbieter zu nutzen, selbst wenn das etwas teurer kommt. Andererseits… will ich in meinem Leben nur eine Weltanschauung, die wahre Religion und die einzige Nationalität gelten lassen? Eben.

Autor: Matthias

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