Apple, der moderne Wegelagerer?

Apple ist in einer komfortablen Position. Der iPhone-Hersteller nimmt im App-Markt eine so wichtige Rolle ein, dass niemand an ihm vorbeikommt. Und allein das bringt ordentlich Schotter ein.

Zum Beispiel, wenn ein Anbieter in seiner App Inhalte verkauft. Apple verdient an Zahlungen, die in einer App getätigt werden, kräftig mit: Bei Abos, die in der App abgeschlossen werden, sind es 30 Prozent im ersten Jahr und danach 15 Prozent.

Geht man zu weit, wenn man das als moderne Wegelagerei bezeichnet? Einträglich ist es jedenfalls. Die «Washington Post» schreibt, Netflix habe 2018 Apple 257 Millionen US-Dollar in Cupertino abgeliefert. Das muss weh tun – zumal die Summe wegen des Umsatzwachstums auf eine halbe Milliarde angestiegen wäre, wenn der Streamingdienst nicht aufgehört hätte, in der iOS-App Abos anzubieten.

So weit, Apple öffentlich anzuprangern, will Netflix trotzdem nicht gehen. Via «Washington Post» lässt die Kommunikationsabteilung verlauten, Apple sei «ein geschätzter Partner, mit dem man eng zusammenarbeite, um grossartiges Entertainment rund um die Welt zu verbreiten… » Und dergleichen Blabla mehr.

Zwischenfrage, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, aber die mir vielleicht ein PR-Experte via Kommentare beantworten kann: Was soll dieses Gesülze, das niemand glaubt? Wieso sagt die Kommunikationsabteilung in so einem Fall nicht, dass man unzufrieden ist? Auch das liesse sich schliesslich diplomatisch und freundlich formulieren.

Jedenfalls hat Netflix die Konsequenzen gezogen. Spotify erlaubt es neuen Mitgliedern schon seit 2016 nicht mehr, in der App zu bezahlen. Und immerhin: Spotify hält mit der Kritik an Apple nicht hinter dem Berg. Auf der Website timetoplayfair.com liefern die Schweden fünf schnelle Fakten, weswegen Apple nicht fair spiele:

Apples Gebühren seien diskriminierend, weil manche Anbieter sie nicht zahlen müssten, namentlich Uber, Deliveroo oder eben Apple Music. Zweitens dürfe Spotify auf IAP, Apples Bezahlschnittstelle, keine Aktionen anbieten. Spotify hat keine Möglichkeit, die Leute, die den Dienst in der App abonniert haben, zu kontaktieren. Manche Kunden werden das schätzen. Aus Sicht des Anbieters ist das offensichtlich ein grosser Nachteil.

Drittens seien Updates vom Gratis-Angebot auf Premium nicht einfach möglich: Man müsse einen Desktop-Computer bemühen und manche Nutzer hätten nicht einmal einen Desktop-PC. Ausserdem mache Apple mit den häufigen Ablehnungen von App-Updates Spotify das Leben schwer. Und Apple erlaubt es nicht, Spotify via Siri zu steuern. Detaillierte Ausführungen zu den Vorwürfen gibt es übrigens auch bei Heise.de.

Spotify ist nicht nur sauer, sondern hat im März auch eine EU-Kartellbeschwerde gegen Apple eingereicht.

Ich verstehe den Ärger von Spotify: Apple Music ist ein direkter Konkurrent, der auf iOS massive Wettbewerbsvorteile geniesst. Er ist direkt in die Musik-App auf dem iPhone und neuerdings auch bei Mac OS integriert (was diese annähernd unbrauchbar macht). Und Apple muss niemandem 30 Prozent Store-Gebühren abgeben. (Oder selbst wenn: Das wäre eine Transaktion von der linken in die rechte Hosentasche.)

Und vielleicht hat Spotify bei der Klage demnächst auch Netflix an Bord. Denn mit dem Start von Apple TV+ ist der Streamingdienst in einer ähnlich benachteiligten Situation.

Neuerdings kann man bei Audible Credits direkt in der App einlösen.

Bleibt die Frage, was wir Kunden und Nutzer davon haben. Werden wir durch Apples strikte Kontrolle der Bezahlschnittstelle geschützt oder benachteiligt? Beides, so scheint mir. Tatsächlich werden unsere Daten ein bisschen besser vor Missbrauch bewahrt, weil die nur bei Apple und nicht beim App-Betreiber landen. Doch mit dreissig Prozent ist der Anteil sehr hoch. Es ist wahrscheinlich, dass er auf alle Kunden umgewälzt wird. Alle zahlen mehr, auch die, die ihr Abo nicht in der App gelöst haben.

Und bei Anbietern, die nicht mitspielen, bekommt es der Nutzer mit einer unnötig komplizierten Handhabe zu tun. Beispiel Audible: Amazons Hörbuchtochter bietet in der App keine Abo-Möglichkeit an. Bis vor Kurzem durfte man noch nicht einmal seine Credits (also bereits bezahltes Guthaben) in der App anwenden. Man konnte zwar im Bücherangebot stöbern. Doch man hatte einzig die Möglichkeit, ein Buch auf die Merkliste zu setzen, um es dann über die Website zu kaufen.

Neuerdings kann man die Credits in der App einsetzen. Das ist theoretisch praktisch. Praktisch nützt es überhaupt nichts. Audible macht nämlich keine Preisangabe für ein Buch. Es gibt aber viele Bücher, die man besser direkt kauft, weil ein Credit (für den man eine monatliche Abogebühr zahlt) teurer ist als der Einzelpreis.

Das heisst: Man muss trotzdem auf der Website nach dem Preis sehen und das Buch ggf. weiterhin online kaufen. Es ist und bleibt so umständlich, wie es schon immer war.

Beitragsbild: Tim Cook? (Pawel86/Pixabay, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Apple, der moderne Wegelagerer?“

  1. Ich sehe für Konsumenten auch einen Vorteil: die Anbieter kommen von In-App-Käufen weg und koppeln ihre Abos stattdessen an Benutzerkonten. Vorteil: diese sind plattformunabhängig. Ich habe ein iPad sowie ein Smartphone mit Android. Früher hat sich immer wieder die Frage gestellt, ob ich das Abo für zum Beispiel eine Wetter-App auf dem Tablet oder dem Smartphone lösen soll. Heute kann ich bei immer mehr anbietern ein Premium-Konto machen und dieses auf beiden Plattformen nutzen. Der Anbieter sieht so mehr von meinem Geld und ich bin nach an ein System gebunden.

    Gerne könnten das auch Apps mit einmaligem Kauf so machen, aber ich denke da hätten Apple und Google recht bald etwas dagegen.

    Zum Thema „Gesülze“: Ich bin kein PR-Experte, kann aber Netflix schon verstehen. Redeten sie Klartext, gingen sie das Risiko ein, es sich endgültig mit Apple zu verscherzen. Gewinnen könnten sie aber nur wenig, kaum ein Apple-User würde wegen ihrer Argumentation die Plattform wechseln. (Du bist ja ein gutes Beispiel dafür: immer kritisch, aber immer noch mit iPhone unterwegs. 😊)

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