Ein dicker Hals wegen Disney+

Statt eines fami­lien­freund­li­chen Films prä­sen­tiert dieser Strea­ming­dienst des Öf­te­ren bloss eine Feh­ler­mel­dung. Gegen der­lei Ärger gä­be es eine kun­den­freund­li­che Lö­sung: Den über­hol­ten HDCP-Ko­pier­schutz end­lich ab­zu­schaffen.

Jemand in meiner Familie buchte Disney+. Diesen Streamingdienst gibt es seit 2020, und er hat Inhalte in petto, die das Interesse gewisser Sippschaftsmitglieder weckten. Ich nenne hier keine Namen von involvierten Blutsverwandten, aber ich verheimliche nicht, welche Serien ursächlich für diesen Aboabschluss verantwortlich waren: Es sind dies Die drei !!! und Win or Lose.

Ich stöberte natürlich auch im Angebot und entdeckte meine Liebe für Die Simpsons wieder. Die neuen Folgen (ab ca. Staffel 32) gefallen mir ausgezeichnet, und ich ziehe meinen Hut vor der Kreativität, die nach 36 Jahren ungebrochen scheint. Und mir gefällt, wie die Serie oft apolitisch wirkt, aber unterschwellig und manchmal auch unverblümt scharfe Kritik übt.

Unter dem Strich steht Disney+ dennoch symbolhaft für eine Fehlentwicklung: Mein Bedarf an Inhalten des burbankschen Medienkolosses ist nicht so gross, dass ein separates Streaming-Abo gerechtfertigt wäre. Denn Familienfreundlichkeit in Ehren, aber auf Dauer zerrt das Herumreiten auf dessen stereotypischen Menschheitsidealen (Mut, Zusammenhalt, Freundlichkeit und Vertrauen) an meinen Nerven. Bevor der Micky-Maus-Konzern vor fünf Jahren mit der eigenen Plattform an den Start ging, waren viele der Inhalte bei Netflix zu finden. Sie wurden abgezogen, was für beträchtlichen Unmut sorgte und aus Konsumentensicht heute noch falsch ist.

«Oh nein!»

Das als Vorbemerkung. Der Hauptgrund für Blogpost und Ärger ist ein vermeintlich kleines technisches Detail, das mich schon mehrfach dazu brachte, in eine so familien-unfreundliche Flucherei auszubrechen, dass ein lebenslanges Hausverbot in sämtlichen Disney-Parks sogar in meinen Augen unvermeidlich erscheint. Das erste Mal lief es so ab: Ich hatte sturmfrei und fläzte mich aufs Sofa, um den fünften Teil aus der Indiana-Jones-Reihe zu starten. Doch statt des Films erschien eine Fehlermeldung:

Oh nein! Disney+ hat ein HDCP-Problem festgestellt. Bitte versuche, das Endgerät neu zu starten, um das Problem zu beheben. Wenn das Problem weiterhin besteht, versuche es mit einem anderen HDMI-Kabel oder verbinde das Endgerät direkt mit deinem TV, ohne deine Stereoanlage dazwischenzuschalten.

HDCP soll verhindern, dass Audio- und Videosignale von bösen Urheberrechtspiraten abgegriffen werden. Doch keines der beteiligten Geräte im Haushalt (ein Sony-Fernseher, die Apple-TV-Box und zwei Homepods als Lautsprecher) wurde für unerlaubte Zwecke manipuliert, und abgesehen von Disney+ ist noch nie eine App über HDCP gestolpert. Vermutlich reagiert die Disney+-App überempfindlich, weil ihr Mutterhaus bekanntlich unter Content-Piraterie-Panik leidet.

Hier habe ich inzwischen Hausverbot (Steven Beyer, Unsplash-Lizenz).

Mehr oder weniger aufwendige Fehlerbehebungen

Das Problem hat sich jedenfalls immer auf andere Weise lösen lassen:

  • Ich habe am Fernseher auf eine andere Eingangsquelle und zum Apple-TV zurückgewechselt.
  • Der Apple-TV wurde neu gestartet.
  • Ich habe am Fernseher das HDMI-Kabel aus- und wieder eingesteckt.
  • Disney+ hat den Mittelfinger gezeigt bekommen, und ich habe stattdessen Netflix geschaut.

An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis festzuhalten, wie extrem kundenfeindlich diese HDCP-Technologie ist. Wie die Fehlermeldung von Disney+ nahelegt, müssten Kundinnen und Kunden mehrere HDMI-Kabel bereithalten, weil anscheinend nicht alle gleich gut funktionieren. Typischerweise sind kürzere und eher teure Kabel besser. Da aber keine allgemein verbindliche Regeln existiert, führt kein Weg am Prinzip Versuch und Irrtum vorbei. Kunden sollen auch auf den Sound aus der Stereoanlage verzichten, falls Disney+ gerade einen schlechten Tag hat: eine Beleidigung für jeden Audiofreak und für die Soundmeister bei Disney, die durchs Band hervorragende Arbeit leisten.

Nichts als Nachteile

Für uns Anwenderinnen und Anwender hat HDCP keinerlei Nutzen, dafür aber vier handfeste Nachteile:

  1. Die Fehleranfälligkeit:
    Die einschlägigen Foren sind voll von Berichten über Fehler und Aussetzer. Es kommt auch vor, dass der Bildschirm ohne Fehlermeldung schwarz bleibt oder der Ton fehlt.
  2. Extrakosten:
    Die Lizenzierung für HDCP kostet. Ich habe hier nachgeschaut, aber leider funktioniert keiner der angegebenen Links. Gemäss dieser Aufstellung müssen die Unternehmen eine Jahresgebühr von 15’000 US-Dollar bezahlen, plus einen Preis pro HDCP-Schlüssel, der zwischen einem und fünf Cent variiert. Klar, dass diese Ausgaben auf die Kunden abgewälzt werden.
  3. Beschränkung unserer Rechte:
    Wie hier angeprangert, führt HDCP dazu, dass keine Screenshots von Filmen und Serien gemacht werden können. Dabei räumen uns sowohl das Fair use-Prinzip in der US-amerikanischen Rechtsprechung als auch das Zitatrecht im Schweizer Urheberrecht diese Möglichkeit ein. Nebenbei bemerkt: Zu den Rechten zählt auch die private Streamingkopie.
  4. Ein Innovationshemmnis:
    Es liegt auf der Hand, dass sich Start-ups und Anbieter von kostenlosen Produkten, z. B. im Open-Source-Bereich, diese Lizenzgebühren nicht leisten können. HDCP ist ein Innovationshemmnis.

Bleibt die Frage: Bringt HDCP denn wenigstens aus Sicht der Rechteinhaber etwas? Hat diese extrem benutzerunfreundliche Technologie wenigstens ein paar Schwarzkopierer gestoppt?

Keine Hürde für echte Schwarzkopierer

Nein: 2010 konnte man den Master key im Netz aufspüren. Intel als Erfinderin des Kopierschutzes hat versucht nachzubessern, aber auch die Extra-Chips waren keine sonderlich hohe Hürde. Heise liess vor sechs Jahren durchblicken, dass die Beseitigung von HDCP heute routinemässig möglich ist:

Die Umgehung des HDCP-Kopierschutzes verstösst gegen das Urheberrecht. Zwar funktioniert das bei HD-Inhalten in vielen Fällen mit preiswerten HDMI-Splittern aus Fernost, die quasi als Nebeneffekt den HDMI-Schlüssel aus dem Signal entfernen, da sie das Signal zunächst entschlüsseln und dann – eine entsprechende Konstruktion vorausgesetzt – unverschlüsselt an das nächste Gerät in der Kette weitergeben. Allerdings sind diese Splitter in Deutschland nicht zulässig und dürften (sic) gar nicht verkauft werden.

Meine Meinung: Angesichts der Tatsachen wäre es angezeigt, HDCP abzuschaffen und die Kundinnen und Kunden nicht allesamt als potenzielle Schwarzkopierer zu behandeln. Nicht wahr, Disney? Wo in deiner Welt Freundlichkeit und Vertrauen doch so wichtige Werte sind!

PS: Ich habe «Indiana Jones und das Rad des Schicksals» doch noch zum Laufen bekommen, aber nach fünf Minuten ausgemacht. Der Film selbst hat nämlich noch mehr genervt als die Fehlermeldung von Disney+.

Ein Kommentar zu «Ein dicker Hals wegen Disney+»:

  1. Vielen Dank für den Beitrag. Ich kann damit erahnen, welche „Qualen“ bestehen, wer sich in die Fänge der Streaminganbieter begibt. Natürlich bietet Diesney+ ein paar Perlen, aber ist es das wert, dass das gesamte Equipment urplötzlich wie beschrieben den „Geist“ aufgibt?

    Meine Empfehlung ist, einen normalen Beamer/4K-Bildschirm mit einem PC zu nutzen. Will der PC (Windows) nicht mehr, kann ich wenigstens den Bildschirm „beahlten“ und allfällig das Betriebssystem (OS) wechseln. In dieser Hinsicht sehe ich nicht, was mir eine Set-Top-Box bieten soll?

    Als Alternative zum Mainstream-Streaming gibt es Angebote wie artfilm.ch, filmingo.ch, cinfile.ch oder myfilm.ch. Alle diese Angebote laufen auf jedem Rechner ohne Probleme (weil webbasiert). Und falls das noch immer nicht reicht, der „grösste“ Streaming-Schatz der Schweiz befindet sich bei lesvideos.ch (8 Fr. pro Film ist fair, 4 mit Haltax (88) oder Film-GA (365). Bei einer Auswahl von über 40’000 Titeln das beste Angebot. Zum Vergleich, für Disney+ werden bei JustWatch ca. 2100 Titel gelistet. Ja gut, ich muss hingehen (Zürich City), aber dafür kriegt ihr eine professionelle Beratung, die es sonst nirgends gibt.

    Ich habe die letzten Jahre begonnen, Filme (weniger Serien) zu sammeln, ganz einfach weil mich die Angebote im Streaming nicht überzeugten. Mit den Platzhirschen wäre ich nirgends, was Schweizer Werke betrifft, es ist sehr sehr dürftig. Hier bieten die obigen Angebote sehr gute Alternativen. Daraus ist meine private Filmsammlung entstanden.

    Und weil gerade Schweizer Filme sehr schwierig zu finden sind und es leider kein umfassendes Verzeichnis über das schweizerische Filmschaffen gibt, habe ich mir erlaubt, die Inhaltsangaben der Werke mit Schweizer Beteiligung unter moviebox.ch zu veröffentlichen. Aktuell sind darin etwas über 9100 Titel gelistet. All diese Filme habe ich legal gesammelt (kein File-Sharing) und vieles finde ich bei lesvideos.ch, aber auch in den Bibliotheken (z.B. ZB) finden sich z.T. gute Perlen (DVD und auch VHS, leider!).

    In diesem Sinne, viel Spass beim digitalen wie analogen Streaming.

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